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Vermögensfrage Versicherungen bleiben solide Sparverträge

30.11.2008 ·  Kritiker von Versicherungen sehen in der Krise den Beweis: Die Rendite ist ungewiss, Umsteigen ist angesagt. Doch die Kündigung alter Kapitalpolicen bringt in der Regel keine Vorteile - nur höheres Risiko.

Von Volker Looman, Reutlingen
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In der Assekuranz sind die Nerven zurzeit angespannt. Die Unternehmen sollen in den kommenden Tagen ihren Kunden darlegen, wie die Guthaben im nächsten Jahr verzinst werden. Initiator der Maßnahme ist die Finanzdienstleistungsaufsicht, die alle Gesellschaften aufgefordert hat, Auskunft über ihre Standfestigkeit in der Finanzkrise und über die Verzinsung im kommenden Jahr zu geben.

Die Antworten werden mit hoher Wahrscheinlichkeit in salbungsvollste Worte gedrechselt werden, weil die Unternehmen schon in der Vergangenheit verschwiegene Gemeinschaften waren.

Kommen sie mit einem blauen Auge davon?

Das könnte sich in den kommenden Monaten freilich rächen. Die deutschen Investmentgesellschaften mussten im Oktober mit einem Abzug von 46 Milliarden Euro den größten Schwund aller Zeiten verdauen, und falls die Versicherungen nichts unternehmen, um ihren Kunden klarzumachen, dass es zu den bestehenden Kapitalpolicen kaum Alternativen gibt, wäre es ein Wunder, wenn sie mit einem blauen Auge aus dieser Finanzkrise herauskämen. Die Sorgen der Kunden und die Gefahren für die Unternehmen werden in folgendem Beispiel deutlich.

Drei Versicherungen am Sparvertrag

Ein freiberuflicher Arzt ist 51 Jahre alt und spart seit Jahren beim Marktführer der Assekuranz für seinen Ruhestand. Momentan beträgt der Rückkaufswert der Police etwa 120 000 Euro. Der Vertrag läuft noch 14 Jahre, und in diesem Zeitraum sollen jedes Quartal weitere 1500 Euro in den Spartopf der Gesellschaft fließen. Dafür werden dem Anleger zuletzt ungefähr 360 000 Euro in Aussicht gestellt.

An dem Sparvertrag hängen drei Versicherungen: die Todesfallleistung, die Beitragsbefreiung bei Berufsunfähigheit und eine Rente bei Berufsunfähigkeit.

Alternativen gesucht

Jetzt beschäftigen den Mediziner verschiedene Fragen. Die mit Abstand wichtigste Überlegung ist - das liegt auf der Hand - natürlich die Sicherheit des Geldes. Wie sicher ist der Rückkaufswert, wie stabil ist die Ablaufleistung? Dann stellen sich die Fragen, wie hoch die Verzinsung der Police ist und wie die Alternativen aussehen. Am wenigsten Gedanken macht sich der Anleger über die Absicherung bei Berufsunfähigkeit, doch genau an diesem Punkt sollte die Untersuchung beginnen.

Kann sich der Investor überhaupt den Luxus leisten, auf die Absicherungen bei Tod oder Berufsunfähigkeit zu verzichten? Sollte nicht genügend Vermögen vorhanden sein, um ohne Hilfe der Versicherung über die Runden zu kommen, ist jede Analyse hinfällig, sonst ist die Frage nach Alternativen zulässig.

Könnte man sich selbst versorgen?

Das größte Risiko ist die Berufsunfähigkeit. Laut Versicherungsbedingungen wird die Rente bis zum 65. Lebensjahr bezahlt. Das heißt, dass der 51 Jahre alte Arzt insgesamt 156 Raten erhalten würde, falls er in den nächsten Monaten seinen Beruf an den Nagel hängen müsste und in einem Jahr die Rente beziehen würde. Die Summe der Leistungen beträgt 187 000 Euro, und der Barwert liegt bei 153 000 Euro, wenn die Zahlungen mit je 3 Prozent auf die Gegenwart abgezinst werden.

So viel Geld müsste der Arzt auf dem Konto haben, um die Rente aus eigener Tasche finanzieren zu können. Ob das sinnvoll ist, steht nicht zur Debatte. Zuerst geht es um die Frage, ob das Geld vorhanden ist oder nicht, dann kommt die Frage, ob die Eigenfinanzierung vorteilhaft ist.

Zusatzversicherung für Berufsunfähigkeit kündbar

Hier ist die Aufhebung der Zusatzversicherung denkbar, weil der Arzt gut versorgt ist. Erstens würde er aus der Versorgungsanstalt der Ärzte eine ordentliche Rente beziehen, und zweitens besitzt der Mediziner ausreichend Mittel, um sich selbst zu versorgen. Das heißt im Klartext, dass die zweite Zusatzversicherung, die Rentenzahlung bei Berufsunfähigkeit, überflüssig ist und gekündigt werden kann.

Anders verhält es sich mit der ersten Zusatzversicherung, der Beitragsbefreiung bei Invalidität. Würde diese Klausel ebenfalls gekündigt, müsste der Arzt entweder die Prämien in Zukunft selbst bezahlen und er müsste sich damit abfinden, im Alter weniger Geld zu bekommen.

Wenn die Mittel knapp sind, gibt es keine Alternative

Die Ablaufleistung in 14 Jahren soll 360 000 Euro betragen. Wenn in diesem Zeitraum keine Prämien mehr bezahlt würden, wird ausschließlich der heutige Rückkaufswert weiter verzinst. Dadurch wird die Ablaufleistung nur noch 240 000 Euro betragen, so dass im Alter ein Loch von 120 000 Euro entsteht, das wiederum aus eigener Kraft gestopft werden kann.

Wenn die Mittel wie im vorliegenden Fall vorhanden sind, kann "endlich" die Frage untersucht werden, wie rentabel der Sparvertrag ist und wie die Alternativen aussehen, doch wenn die Mittel knapp sind, muss die ganze Police fortgeführt werden, weil es überhaupt keine Alternativen gibt.

Geheimnisvolle Renditen

Der reine Sparvertrag besteht aus drei Elementen. Das ist der Rückkaufswert von 120 000 Euro, das sind die 168 offenen Prämien von jeweils 1500 Euro, und das ist die prognostizierte Ablaufleistung von 360 000 Euro. Das ergibt auf dem Papier eine jährliche Rendite von 5 Prozent, und diese Verzinsung ist steuerfrei, weil die Police seit 20 Jahren besteht.

Das Ergebnis sieht auf den ersten Blick hervorragend aus, doch bei nüchterner Betrachtung tauchen Zweifel auf. Wie will die Versicherung das Geld ihrer Kunden mit 5 Prozent verzinsen, wenn sie - wie im Moment - für öffentliche Anleihen lediglich 3,7 Prozent je Jahr und für Hypothekenpfandbriefe nur 4,5 Prozent bekommt? Das Ergebnis kann zwar durch die eigene Vergabe von Krediten verbessert werden, doch wie und wo auf dem aktuellen Kapitalmarkt wenigstens 6 Prozent erwirtschaftet werden sollen, um dem Kunden letztlich 5 Prozent auszuzahlen, ist und bleibt das Geheimnis der Versicherung.

Sitzenbleiben oder Umsteigen?

Es ist kein Wunder, dass sich Ärzte bei diesen Zahlen fragen, ob der Vertrag fortgeführt werden soll. Das ist freilich der falsche Ansatz. Richtig wären die Fragen, wie konkrete Alternativen aussehen, und wie hoch die Sicherheiten in beiden Fällen sind. Der Arzt könnte den Rückkaufswert auf vier Töpfe verteilen.

Er steckt je 30 000 Euro und die künftigen Sparraten in Festgeld, Anleihen, Immobilien und Aktien. Dort hofft er auf Zinsen von 3 bis 8 Prozent im Jahr. Davon bleiben nach Abzug der Abgeltungsteuer schätzungsweise 4 Prozent je Jahr übrig, so dass guter Rat im wahrsten Sinne des Wortes teuer ist: Sitzenbleiben oder Umsteigen?

Vergangene Abschlüsse sind nicht automatisch schlecht

Hier sprechen die Umstände für die erste Lösung. Die Police wird mit hoher Wahrscheinlichkeit keine 5 Prozent abwerfen. Denkbar ist eine Verzinsung von 4 Prozent je Jahr, und das ist im Vergleich zu den Alternativen kein schlechtes Ergebnis. Hinzu kommt die Beitragsbefreiung bei Invalidität.

Der Hinweis mag Kritiker der Assekuranz langweilen, doch was in der Vergangenheit abgeschlossen worden ist, wird nicht automatisch schlecht, weil sich die Bedingungen in der Gegenwart geändert haben.

Die Umschichtung bringt Gefahren in sich

Der Umstieg auf die anderen Anlagen ist eigentlich nur ein Thema, wenn die Bonität der Gesellschaft in Gefahr ist. Es gibt in der Versicherungswirtschaft durchaus Unternehmen mit geringer Finanzkraft, doch wer seine Verträge bei soliden Gesellschaften abgeschlossen hat, sollte den Teufel nicht an die Wand malen.

Die Umschichtung des Geldes in Festgeld, Anleihen, Immobilien und Aktien birgt ebenfalls Gefahren in sich. Vor diesem Hintergrund kann sich der Arzt über die "Märchenstunde" der Assekuranz aufregen. Doch die Risiken und Nebenwirkungen der Alternativen sind so hoch, dass sich der Umstieg nicht lohnt. Vermutlich ist es besser, sich schon einmal Gedanken darüber zu machen, welche Träume mit einem Betrag von voraussichtlich 320 000 Euro verwirklicht werden können.

Der Autor ist Finanzanalytiker in Reutlingen.
 

Quelle: F.A.Z.
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