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Vermögensfrage Hütchendarlehen sind eine teure Angelegenheit

07.02.2010 ·  Der niedrige Anfangszins mancher Hypotheken ist nur optisches Blendwerk - und führt wegen der Gebühr für die Zinssicherung zu hohen Gesamtkosten. Bei diesem „Risiko“ stellt sich die Frage, was die Kunden an diesen Krediten trotzdem so fasziniert.

Von Volker Looman
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Die Geldaufnahme ist für die meisten Privatleute in erster Linie eine Sache des Zinses. Je niedriger der Satz ist, so lautet die landläufige Meinung, desto günstiger sei das Darlehen. Vor diesem Hintergrund ist es kein Wunder, dass die Banken mit ihren „Hütchendarlehen“ bei vielen Privatleuten leichtes Spiel haben. Dahinter verbergen sich Hypotheken mit geringem Anfangszins. Die Kosten können weiter sinken, und nach oben werden sie durch einen Hut – englisch Cap – begrenzt, so dass die Zinsen nicht beliebig steigen können.

Die Darlehen erfreuen sich vor allem bei Spitzenverdienern großer Beliebtheit, weil die Verbindlichkeiten nach freiem Ermessen, im Zweifel also auch auf einen Schlag und ohne Kosten getilgt werden können. Die Vorteile sind freilich zweifelhaft, weil in aller Regel nicht der Kunde, sondern die Bank gewinnt. Das wird in folgendem Beispiel deutlich. Ein Arzt braucht für den Umbau seiner Praxis etwa 200.000 Euro. Der Mediziner hat den Betrag nicht im Geldbeutel, so dass ein Kredit notwendig ist. Er erkundigt sich bei seiner Hausbank nach den Konditionen, und das Kreditinstitut macht dem verehrten Doktor ein verlockendes Angebot.

Der anfängliche Nominalzins liegt bei 2 Prozent pro Jahr. Er ist variabel, doch er wird gegen Zahlung einer Gebühr gedeckelt. Er kann im kommenden Jahrzehnt auf höchstens 5,5 Prozent pro Jahr steigen. Dafür ist zwar eine Prämie von 4 Prozent fällig, doch die Zinssicherungsgebühr wird im wahrsten Sinne des Wortes schön geredet. Erstens müsse sie nicht bar bezahlt werden, heißt es in den Verhandlungen, und zweitens sei sie steuerlich absetzbar.

Im Vergleich zu den Alternativen wirkt der Kredit ziemlich teuer

Der letzte Punkt kommt bei dem Arzt besonders gut an. Auch sonst sieht der Mediziner in dem „Hütchenkredit“ nur Vorteile. Der jährliche Zins ist gering, die monatliche Belastung niedrig, die steuerlichen Anreize sind hoch, und der Kredit kann in beliebiger Form zurückgezahlt werden. Was soll schiefgehen? Die Antwort ist einfach: Im Vergleich zu den Alternativen ist der Kredit ziemlich teuer. Doch das wird erst auf den zweiten Blick deutlich.

Der anfängliche Nominalzins von 2 Prozent pro Jahr ist optisches Blendwerk. Maßgebend sind die einmalige Gebühr von 4 Prozent und die jährliche Zinsobergrenze von 5,5 Prozent. Weil die Gebühr nicht bar bezahlt, sondern auf die Hypothek gepackt wird, ist der Kredit nichts anderes als ein Darlehen mit Disagio und einer Zinsbindung von zehn Jahren.

Der Arzt muss sich mit 208.333 Euro verschulden. Von diesem Betrag werden ihm 96 Prozent beziehungsweise 200.000 Euro ausbezahlt. Der Arzt muss damit rechnen, dass die Bank den Nominalzins nach kurzer Schonfrist auf 5,5 Prozent erhöht, und dieser Satz gilt zehn Jahre. In Zahlen heißt dies, dass der Kredit mehr als 6 Prozent kostet, und das ist im Vergleich zu den Alternativen, die der Kapitalmarkt sonst bietet, ein teures Vergnügen. Normale Darlehen mit dinglicher Sicherheit und zehnjähriger Zinsbindung kosten zurzeit zwischen 4 und 4,5 Prozent, so dass der Arzt auf dem besten Weg ist, finanziell auf Abwege zu geraten.

Kredite und Aktien passen nicht zusammen

Die Widrigkeiten beginnen bei der Laufzeit des Darlehens. Weil die Zinsen des Kredites steuerlich Werbungskosten sind, neigen viele Spitzenverdiener dazu, ihre Schulden langsam zu tilgen. Sie werden von Banken und Vermittlern animiert, die Tilgung in alternative Geldanlagen zu stecken. Früher waren Lebensversicherungen der große Renner, heute werden Fondspolicen angeboten. Gegen die Sparverträge ist von der Sache her nichts einzuwenden, doch ob sie sich zur Schuldentilgung eignen, ist fraglich.

Bei dieser Analyse spielt die Laufzeit des Darlehens eine wichtige Rolle. Kredite sind Kredite, und irgendwann müssen die Schulden beglichen werden. Vor diesem Hintergrund ist die Empfehlung vieler Finanzberater mit Vorsicht zu genießen, die Schulden stehen zu lassen und die Tilgung in andere Anlagen zu stecken. Kredite und Aktien passen nicht zusammen, und die Anhäufung von Schulden ist ein Spiel mit dem Feuer.

Im vorliegenden Fall geht es um die Renovierung einer Praxis. Die Investition hält, wenn es gut läuft, vielleicht zehn Jahre. In dieser Zeit sollte der Kredit getilgt werden, weil nicht auszuschließen ist, dass in der Folgezeit weitere Investitionen notwendig sein werden, die wiederum mit Hilfe von Krediten bezahlt werden müssen. Folglich ist im ersten Schritt zu prüfen, wie hoch die Kosten eines Darlehens nach Steuern sind, wenn die Zinsbindung zehn Jahre beträgt und der Kredit in dieser Zeit vollständig getilgt wird.

Sicherheitsliebhaber wählen die direkte Tilgung

Bei einem Zinssatz von 4 Prozent pro Jahr sind 120 Monatsraten à 2025 Euro zu bezahlen. Das führt zu einem Effektivzins von 4,08 Prozent jährlich. Die Schuldzinsen sind steuerlich Werbungskosten. Im ersten Jahr fallen Zinsen von 7698 Euro an, im letzten Jahr sind es 518 Euro, so dass sich die Steuervorteile in Grenzen halten. Bei einem Jahreseinkommen von 150.000 Euro beginnen die Erstattungen bei 3412 Euro und sinken im Laufe der Zeit auf 230 Euro. Das führt zu einem Effektivzins von 2,27 Prozent nach Steuern.

Der Wert ist die Richtschnur für die Überlegung, ob die Tilgung in den Kredit oder in alternative Sparverträge fließen sollte. Sparverträge mit ähnlicher Risikostruktur wie Kredite sind Sparverträge mit Festzins, und für solche Anlagen gibt es zurzeit bestenfalls 3 Prozent jährlich. Davon bleiben nach Abzug der Abgeltungsteuer höchstens 2,25 Prozent ist, so dass es gleichgültig ist, wie der Kredit getilgt wird. Die Aussetzung der Tilgung lohnt sich nur bei Sparverträgen mit höherer Verzinsung. Das bedeutet Aktien, doch wie sich solche Sparverträge im nächsten Jahrzehnt entwickeln, steht in den Sternen.

Wer die Sicherheit liebt, wird sich für die direkte Tilgung entscheiden. Damit ist der Kredit aber noch nicht in trockenen Tüchern. Nun geht es um die Frage, ob das „langweilige“ Darlehen mit einem Festzins von 4 Prozent oder der „fesche“ Hütchenkredit mit einem Zins zwischen 2 und 5,5 Prozent die bessere Lösung ist. Die Frage läßt sich nicht mit letzter Sicherheit beantworten, weil kein Mensch weiß, wann die Bank den Zins anziehen wird. Läßt sie den Arzt ein Jahr in Frieden? Werden es zwei Jahre sein? Oder dauert die Ruhe drei Jahre?

Will die Bank verdienen, muss sie schnell vom niedrigen Startzins abrücken

Die Länge der „Schonfrist“ ist unbekannt. Sicher ist nur die Tatsache, daß es auf Dauer nicht bei 2 Prozent pro Jahr bleiben wird. Die einmalige Gebühr von 4 Prozent und ein jährlicher Zins von 2 Prozent führen unter dem Strich zu einem Effektivzins von 2,88 Prozent, sodass die Bank bei jährlichen Einstandskosten von schätzungsweise 3 Prozent drauflegen würde. Folglich muß sie den Nominalzins nach oben anpassen. Nur stellt sich die Frage, ob sie das in Etappen oder auf einen Schlag machen wird.

Wenn sich die Bank für die zweite Lösung entscheidet, muß sie spätestens nach vier Jahren zur Tat schreiten. Dann würde sie effektiv 4,13 Prozent verdienen, so daß sie auf ähnliche Margen wie bei den Krediten mit Festzins käme. Damit ist freilich nicht zu rechnen, weil der Kunde jederzeit aus dem Vertrag aussteigen kann. Folglich will die Bank bei diesem Kredit mehr verdienen, und das bedeutet, daß das Institut ziemlich schnell von dem niedrigen Startzins abrücken muß.

Bei diesem „Risiko“ stellt sich die Frage, was die Kunden an diesen Krediten so fasziniert. Das sind in erster Linie die Steuervorteile und die Flexibilität. So verständlich die Vorzüge sein mögen, so sehr sollten sich Kunden aber bewußt sein, daß sie sich mit diesem Kredit nur Sand in die Augen streuen. Bei dem Wunsch nach flexibler Rückzahlung geht es im Kern der Sache um niedrige Monatsraten und hohe Sondertilgungen. Davon wird jedoch in der Praxis mangels Disziplin kaum Gebrauch gemacht. Daher sind angemessene Laufzeiten und feste Tilgungsraten die bessere Lösung.

Der Autor ist Finanzanalytiker in Reutlingen.

Quelle: F.A.Z.
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