14.08.2010 · Die hohen Lebenshaltungskosten in den Ballungsräumen lassen jungen Akademikern in vielen Fällen kaum Spielraum für das Eigenheim und die Altersvorsorge. Schnell wird da klar: Ohne Verzicht wird es nichts mit dem Häusle bauen.
Von Volker LoomanDer Aufbau des Privatvermögens ist für junge Akademiker, die in Großstädten leben, seit Jahr und Tag ein Spagat. Sie haben auf der einen Seite ordentliche Einkommen, doch die Kosten der Lebenshaltung sind auf der anderen Seite so hoch, dass kaum Geld übrig bleibt. Dadurch sind Eigenheim und Altersvorsorge in vielen Fällen unerfüllbare Träume. Sollte das Leben durch Arbeitslosigkeit oder Scheidung erschüttert werden, droht sogar der Absturz. Oftmals sind es jedoch nicht große Ereignisse, sondern kleine Dinge, die über Erfolg oder Misserfolg entscheiden. Wie schmal der Weg des Aufstiegs zum finanziellen Erfolg ist, wird in folgendem Beispiel deutlich.
Ein junger Anwalt ist 30 Jahre alt. Er ist verheiratet, und seine Frau ein Jahr jünger als er. Das Ehepaar hat eine sechs Monate alte Tochter und es wünscht sich noch ein zweites Kind. Die Familie lebt in einer süddeutschen Großstadt. Das monatliche Bruttoeinkommen liegt bei 3500 Euro. Davon bleiben nach Abzug der Sozialabgaben und Steuern genau 2408 Euro übrig, weil die Liste der Abgaben sieben Posten umfasst: 49 Euro für die Arbeitslosenversicherung, 277 Euro für die Krankenkasse, 357 Euro für das Finanzamt, 17 Euro für die Kirche, 34 Euro für die Pflegeversicherung, 10 Euro für die Brüder und Schwestern im Osten und 348 Euro für die Rentenversicherung.
Kleine Familien haben große Träume
Zu dem Nettoeinkommen kommt das Kindergeld von 184 Euro hinzu, so dass die Familie monatlich 2592 Euro ausgeben kann. Davon macht sie reichlich Gebrauch. Die Warmmiete beträgt 1100 Euro, und die Kreditrate für das Auto liegt bei 300 Euro. Folglich sinkt der Überschuss auf 1200 Euro, und von diesem Betrag muss die Truppe leben: Essen, Trinken, Hobbys, Urlaub und Versicherungen. Es ist nicht viel Phantasie notwendig, dass mit 1200 Euro keine großen Sprünge möglich sind. So gestaltet sich aber in vielen Familien der Alltag. Und die Aussichten, dass die Bäume in den Himmel wachsen, sind in der Regel bescheiden.
Die kleine Familie hat große Träume. Die junge Frau arbeitet zur Zeit nicht. Trotzdem hat sie ihrem Mann gesagt, dass ihr ein Häuschen ganz gut gefallen würde. Das geht dem Vater nicht anders. Nur stellt sich die Frage, wie das bezahlt werden soll. Öl ins Feuer hat in den letzten Wochen ein Vermittler gegossen. Der Vertreter einer großen Vertriebsgesellschaft für Finanzprodukte hat dem Ehepaar vorgerechnet, wie viel Geld in den nächsten 40 Jahren an den Vermieter zu überweisen sind, wenn die heutige Miete jedes Jahr um 2 Prozent steigt. Das werden 652.000 Euro sein, und solche Summen sind in Bayern und Schwaben der beste Ansatz, um junge Ehepaare nach allen Regeln der Kunst aufzumischen.
Den Buckel nicht bis zum Siebzigsten krumm machen
Das ist im vorliegenden Fall nicht anders, und oft enden solche Gespräche mit dem Abschluss eines Bausparvertrages für die Eltern und einer Unfallversicherung für den Nachwuchs. Auf diese Weise mag sich der Abstand zu dem Häuschen um drei Zentimeter verkürzt haben. Wenn das freilich alles ist, wird der Traum niemals in Erfüllung gehen, weil die Realität brutal ist. Erstens ist es grober Unfug, bis zum 70. Geburtstag den Buckel für ein Eigenheim krumm zu machen, und zweitens sind Häuser in Großstädten für 210.000 Euro nicht zu bekommen. Mehr dürften sie freilich nicht kosten, wenn Mieten von anfänglich 900 Euro insgesamt 25 Jahre in einen Kredit gesteckt werden, der jährlich 4 Prozent kostet. Sonst gerät der junge Haushalt ins Wanken.
Häuser in München und Stuttgart kosten zur Zeit aber mindestens 350 000 Euro, und in Frankfurt, Düsseldorf, Hamburg oder Berlin sieht die Lage nicht viel besser aus. Das sind für junge Familien, die kein Eigenkapital besitzen und netto 2600 Euro zur Verfügung haben, völlig utopische Größenordnungen. Die Privatleute können die Sache mit und ohne Berater oder Vermittler drehen und wenden, wie sie wollen. Die Vorhaben sind zum Scheitern verurteilt. Hier sind ganz andere Maßnahmen notwendig.
Räder statt Auto, Kochen statt Restaurants, Allgäu statt Mallorca
Die Korrekturen beginnen beim Auto. Es kostet im vorliegenden Fall etwa 200 Euro pro Monat. Hinzu kommen die Kreditraten von 300 Euro. Folglich verschlingt das gute Stück monatlich 500 Euro. Dagegen ist nichts zu sagen, solange die Belastung tragbar ist. Vor dem Hintergrund des Eigenheims drängt sich aber die Frage auf, ob das Auto sein muss. Das sieht bei der Wohnung nicht anders aus. Hinter der Warmmiete von 1100 Euro steckt eine Wohnung, die 95 Quadratmeter groß ist. Das ist bei einem Nettoeinkommen von 2600 Euro, so hart das klingt, einfach ein bisschen viel. Hier wäre eine preiswertere Wohnung die bessere Lösung.
Allein die beiden Andeutungen zeigen, dass es ohne Verzicht nicht geht. Räder statt Auto, Appartement statt Wohnung, Kochen statt Restaurants und Allgäu statt Mallorca sorgen unter dem Strich für kleine Wunder, die schnell 500 Euro wert sind. Wenn diese Raten zehn Jahre zu 3 Prozent auf die hohe Kante gelegt werden, kommen am Ende trotz der Abgeltungsteuer rund 67.000 Euro zusammen.
Eigenheime auf dem Land sind heikle Investitionen
Sie können das Fundament eines Hauses sein, das 319.000 Euro kosten darf. Grundlage dieser Kalkulation sind das Eigenkapital von 67.000 Euro und ein Kredit von 252.000 Euro, der mit Hilfe der künftigen Mieten und Sparraten innerhalb von 15 Jahren getilgt wird. In großen Städten werden Eigenheime mit hoher Wahrscheinlichkeit auch in zehn Jahren mehr als 350 000 Euro kosten, so dass der Wunsch schwer zu verwirklichen sein wird. Trotzdem sollten junge Leute die Flinte nicht gleich ins Korn werfen. Mit solchen Schwierigkeiten sind auch andere Generationen fertig geworden. Maßgebend ist nur die Bereitschaft, jetzt den Gürtel enger zu schnallen und künftig nach Kräften an der Karriere zu feilen. Dem Anwalt steht, wenn er tüchtig ist, die ganze Welt offen, so dass das Gehalt steigerungsfähig ist, und das ist der Dreh- und Angelpunkt. Was für den Mann gilt, wird für die Frau nicht ungültig. Auch sie kann, wenn sie tüchtig ist, trotz Kindern noch Geld verdienen, so dass der Traum vom Eigenheim durchaus Realität werden kann.
Großstädte sind für Familien in finanzieller Hinsicht „lebensfeindliche“ Regionen, so dass es kein Wunder ist, wenn Eltern mit kleinen Kindern darüber nachdenken, auf dem Land zu wohnen und in der Stadt zu arbeiten. Das Modell ist mit Vorsicht zu genießen. Erstens benötigen sie dann einen Zweitwagen, zweitens kostet das Pendeln viel Lebensfreude, und drittens sind Eigenheime auf dem flachen Land heikle Investitionen, die sich zum Teil nur schwer wieder verkaufen lassen.
Die Alternative: Die Hälfte des Überschusses verleben
Das stadtnahe Eigenheim ist in der Regel die bessere Lösung. Grundlagen dafür sind aber, um das noch einmal in aller Deutlichkeit zu unterstreichen, sowohl Eigenkapital als auch Einkommen. Wer zur Zeit keinen Speck auf den Rippen hat und auch in Zukunft keine Erbschaften erwarten kann, muss arbeiten und sparen, und zwar mit Hochdruck. Um zum Beispiel in zehn Jahren etwa 100.000 Euro zusammen zu bekommen, sind monatliche Raten von 746 Euro notwendig. Das setzt bei einer Sparquote von 25 Prozent ein Nettogehalt von 3000 Euro voraus. Das sind brutto 5000 Euro. In zehn Jahren soll ein Darlehen aufgenommen werden, und wenn 300.000 Euro im Raum stehen, sollte der Kredit in den folgenden 15 Jahren getilgt werden. Dafür sind Raten von 2219 Euro notwendig. Damit die Sparquote auf 40 Prozent steigen kann, würde man brutto 9000 Euro brauchen.
Die nüchterne Notwendigkeit, das heutige Gehalt in den nächsten Jahren zu verdreifachen, zeigt jungen Familienvätern in Großstädten, was der Schwabe mit der Muttermilch aufsaugt: Schaffe, schaffe, Häusle baue und net nach de Mädle schaue. Schaffen heißt konsequenter Aufstieg auf der Karriereleiter, weil große Gehaltssprünge eher die Ausnahme sind. Seitensprünge mögen häufiger vorkommen, doch Freundinnen — sprich Scheidungen — sind der finanzielle Ruin. Da reicht es dann auch nicht mehr zu einem Geißbock und einer Kuh, sondern nur noch zum Gang auf das Sozialamt! Wem diese Perspektiven zu düster sind, sollte das Eigenheim zu den Akten legen und die monatlichen Überschüsse jeweils zur Hälfte verleben und in die Altersvorsorge stecken, auch wenn die Mieten in die Hunderttausende gehen!
Junge Akademiker in Ballungsräumen
Thomas Vernunft (Domenq)
- 14.08.2010, 20:05 Uhr
Eine andere Idee...
Christian Mertens (Polemikus)
- 14.08.2010, 20:13 Uhr
Für 350.000 gibt es in München kein Haus ...
Stefan Neudorfer (sttn)
- 14.08.2010, 20:56 Uhr
Vermögen aufbauen ist gar nicht so schwer.
Thomas Weber (internetweber)
- 14.08.2010, 23:24 Uhr
Herrn Mertens
Volker Höhler (Bernardo20)
- 14.08.2010, 23:37 Uhr