03.01.2010 · Chancen und Risiken von Geldanlagen, gepresst in 50 Zeilen: Die staatlichen Bemühungen, die Anleger vor heiklen Finanzprodukten zu schützen, treiben seltsame Blüten. Dabei gibt es für dieses Problem nur eine Lösung.
Von Volker LoomanDie Qualität der Finanzberatung in Banken, Bausparkassen und Versicherungen treibt Privatleute und Verbraucherschützer seit Jahren auf die Barrikaden. Daran wird sich auch im Jahre 2010 nicht viel ändern. Finanzinstitute beraten nicht, sondern verkaufen Produkte, und je höher der Ertrag, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Anlegern fragwürdige Produkte angeboten werden. Die Klagen sind olle Kamellen, wie der Rheinländer zu sagen pflegt. Nun sollen in Kürze schriftliche „Beipackzettel“ die Kunden vor Reinfällen schützen. In jeder Anlage soll - ähnlich wie bei Arzneimitteln - ein Zettel stecken, auf dem der Kunde vor dem Kauf des Produktes über die Chancen und Risiken informiert wird.
Man darf gespannt sein, was dem Gesetzgeber noch einfallen wird, um ein Problem in den Griff zu bekommen, für das - so hart es klingt - nur eine Lösung gibt: Bildung, Bildung, Bildung. Der Kunde muss sich selbst um sein Geld kümmern, und wer das nicht macht, ist für die Risiken und Nebenwirkungen selbst verantwortlich. Es ist und bleibt absurd, von der Finanzindustrie besonderes Wohlverhalten zu verlangen, weil die Anbieter weder Altruisten noch Heilsbringer, sondern Unternehmen sind, die auf ihren Vorteil bedacht sind. Daher können Privatleute, die mit der Beratung der Banken nicht zufrieden sind, neutrale Fachleute aufsuchen. Das kostet freilich Geld, doch solange die Anleger nicht bereit sind, für neutrale Informationen entsprechende Honorare zu bezahlen, müssen sie eben mit den gegenwärtigen Verhältnissen zufrieden sein.
An diesem Zustand hat das europäische Anlegerschutzgesetz nichts geändert. Er wird durch das Beratungsprotokoll, das ab der kommenden Woche vor dem Kauf von Wertpapieren angefertigt werden muss, um keinen Deut verbessert. Der richtige Umgang mit Geld, der viel mehr als den Kauf von Wertpapieren umfasst, bleibt auch im neuen Jahr reine Privatsache. Im Klartext heißt das, dass viel Zeit nötig ist, um sich mit der Frage zu beschäftigen, wie Geld angelegt oder aufgenommen wird, und dass es notwendig ist, die Qualität und den Preis ausgewählter Produkte sorgfältig zu prüfen.
Gegen diese nüchterne Erkenntnis verstoßen jeden Tag viele Anleger. Sie neigen wie die Finanzindustrie zur Gier. Sie fällen ihre Entscheidungen über hohe Geldbeträge zwischen Frühstück und Mittagessen, und sie jagen, das ist in Deutschland schon Volkssport, Rabatten und Schnäppchen hinterher, weil sie sich für oberschlau halten. Gegen diese Mentalität ist freilich kein Kraut gewachsen, und das ist jenseits von Geld und Kredit nicht anders. Wer raucht und trinkt, gefährdet seine Gesundheit, und da helfen weder Plakate noch Verordnungen. Wer nichts lernen will, hat im Beruf keinen Anspruch auf Erfolg. Da hilft kein Gesetz. Wer den falschen Lebenspartner wählt, wird in seelische Nöte geraten. Da gibt es keinen Schutz. Genauso ist es bei Geldanlagen und Krediten. Sorgfalt im Umgang mit Geld lässt sich weder in Gesetze noch in Beipackzettel pressen.
Sparen ist zum Beispiel für viele Junioren eine Zumutung, weil der Hang zum Konsum stärker ist. Trotzdem führt an Sparverträgen kein Weg vorbei, wenn eines Tages bestimmte Wünsche verwirklicht werden sollen. Wer eines Tages ein Eigenheim bauen will, muss frühzeitig Geld auf die Seite legen. Muss das auf einem Beipackzettel stehen? Ist ein Banksparplan sinnvoll, oder ist ein Bausparvertrag vorteilhafter? Soll das auf einem Produktblatt stehen?
Die richtige Antwort kann weder von der Bank noch von der Bausparkasse erwartet werden, weil beide Parteien kein Geld für individuelle Beratung, sondern für den Verkauf ihres Produktes bekommen. Folglich wird der unkundige Sparer auch in Zukunft auf der Strecke bleiben, da es für die Lösung dieses Problems kein Allheilmittel gibt, weil der richtige Weg zum Ziel nicht in 50 Zeilen auf Papier pressbar ist.
Ähnlich sieht es bei der Aufnahme von Darlehen und Krediten aus. Wer ein neues Auto fahren will, aber kein Geld hat, kann nicht davon abgehalten werden, sich zu verschulden. Oder sollte in einem Beipackzettel, der natürlich keine Belehrung, sondern eine Aufklärung sein sollte, der deutliche Hinweis enthalten sein, dass zügiges Laufen an der frischen Luft gesünder und preiswert ist? Wer sich trotzdem für Auto und Kredit entscheidet, hat die Qual der Wahl. Er kann das Darlehen bei der Bank aufnehmen, oder er kann sich den Kredit beim Hersteller des Autos besorgen. Muss das in Zukunft auf einem Datenblatt stehen?
Wie sieht es vor der Heirat aus? Das Modell ist in den letzten Jahren ziemlich aus der Mode gekommen, weil sich herumgesprochen hat, dass Scheidungen höhere Schäden als Aktienverluste verursachen. Sollen die Standesbeamten in Zukunft auf die finanziellen Risiken der Ehe hinweisen? Muss einer Frau in einem Datenblatt erläutert werden, dass faule Männer fragwürdige Produkte sind? Soll die Geburt eines Kindes mit dem Hinweis verknüpft werden, dass der Abschluss einer Lebensversicherung sinnvoll ist?
Wie sollen Beipackzettel zum Eigenheim aussehen? Müssen die Hersteller und Verkäufer von Fertighäusern in Zukunft auf Tafeln darauf hinweisen, dass Eigenheime fragwürdiger Luxus sein können? Sollen die Banken in einem Beipackzettel darlegen, dass Hypotheken gefährlich sind, dass bei Arbeitslosigkeit oder Berufsunfähigkeit die Vertreibung aus dem Paradies droht? Müssen die Bausparkassen in Zukunft darüber aufklären, dass die Tilgung von Krediten mit Hilfe neuer Bausparverträge teurer als die direkte Rückzahlung sein kann?
Bei der Gestaltung der Altersvorsorge hören die Probleme nicht auf. Wenn jeden Monat ein bestimmter Betrag auf die Seite gelegt werden soll, stellt sich schnell die Frage, in welchen Strumpf das Geld gesteckt werden soll. Ist eine Rentenversicherung sinnvoll? Was ist von Investmentfonds zu halten? Wie sieht es mit einer Immobilie aus? In solchen Lebenslagen wenden sich einzelne Anleger an freie Vermittler, weil sie sich dort neutralen Rat erhoffen. Meistens kommen sie dabei aber vom Regen in die Traufe, weil sich die Verhältnisse nicht ändern. Vermittler leben vom Abschluss fetter Produkte und nicht vom Verkauf magerer Ratschläge.
Genauso sieht das Spiel bei Geldanlagen aus. Wenn es um die Entscheidung geht, wie eine Schenkung oder ein Erbe angelegt werden soll, ist guter Rat teuer, doch schlechter Rat kann das Vermögen kosten. Der Verkauf von Anleihen bringt einem Verkäufer durchschnittlich ein Prozent der Anlagesumme. Bei der Vermittlung von Investmentfonds winken Ausgabeaufschläge von 2,5 bis 5 Prozent. Das sind Krumen im Vergleich zum Verkauf von Beteiligungen. Windkraftwerke bringen 5 Prozent, bei Schiffen gibt es 7 oder 8 Prozent.
Bei solchen Differenzen mag ein Beipackzettel gute Dienste leisten, doch welche Anlage in Frage kommt, bleibt trotzdem unbeantwortet, weil es eben keine Beipackzettel über Beipackzettel gibt. Folglich muss der Anleger selbst klären, welche Anlage für ihn in Frage kommt. Das ist auch bei der Verrentung von Geld notwendig. Wenn es um die Frage geht, wie Kapital so angelegt werden soll, dass bis zum Lebensende regelmäßig und sicher Geld aufs Konto kommt, bieten viele Banken und Versicherungen ihre Dienste an. Das ist kein Wunder, weil Senioren im Ruf stehen, ihren Beratern nicht viele und schon gar keine kritischen Fragen zu stellen. Das wäre aber nötig, weil die Chancen und Risiken eines Mischfonds, einer Rentenversicherung oder eines Windkraftwerkes, um drei Beispiele zu nennen, höchst unterschiedlich sind.
Der richtige Umgang mit Geld ist in der Theorie leicht, doch die Umsetzung in die Wirklichkeit ist schwierig, weil jeder Mensch frei ist, wofür er sich entscheidet. Da gibt es keinen Schutz, und jeder Versuch des Staates, seine Bürger vor Schaden zu bewahren, ist zum Scheitern verurteilt. Der Mensch entscheidet aus dem Bauch heraus, und der Verstand wird benutzt, um die Entscheidung zu rechtfertigen. Das war so, das ist so, und das wird so bleiben, ohne und mit Beipackzettel.
Veränderungen müssen zum Teil radikal sein. Beim Geld könnte zum Beispiel die Einführung eines Führerscheines überlegenswert sein. Wer in Deutschland ein Fahrzeug lenken will, braucht entsprechende Berechtigungen. Entsprechendes könnte auch beim Geld gelten. Der Besitz von Bargeld ist frei. Wer aber Geld anlegen oder aufnehmen möchte, braucht die entsprechenden Führerscheine. Denkbar sind Klassen wie im Straßenverkehr.
Typ A berechtigt zur Führung von Girokonto und Kreditkarte. Typ F ist der Führerschein für die Anleger, die mit Optionen und Zertifikaten handeln möchten. Wäre das nicht eine Alternative? Es muss ja nicht gleich in diesem Jahr angepackt werden, doch für 2015 könnte der Vorschlag, um bei den guten Vorsätzen für die Zukunft zu bleiben, eine Überlegung wert sein!