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Vermögensfrage Barwerte helfen beim richtigen Umgang mit Geld

 ·  Wer Geldanlagen und Kredite richtig bewerten will, darf nicht nur Einnahmen und Ausgaben zusammenzählen. Wichtig ist, zukünftige Zahlungen auf die Gegenwart abzuzinsen. Nur so sind sinnvolle Schlussfolgerungen möglich.

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© Kai Vergrößern „Das sind doch Müllers, die damals den Barwert errechnet haben...“

Die Beurteilung von Geldanlagen und Krediten verleitet die meisten Privatleute zur Addition von Einnahmen und Ausgaben. Das scheint einfach, praktisch und gut zu sein. Leider trügt der schöne Schein. Das Zusammenzählen von Zahlen ist bei Geldgeschäften aller Art vom Übel, weil bei diesem Vorgehen die Zeit unter den Teppich gekehrt wird. Daher ist es kein Wunder, dass die Liebhaber der Addition mit ihren Summen gelegentlich auf Abwege geraten. Die einzige Möglichkeit, auf den Pfad der kaufmännischen Tugend zurückzukehren, sind die Barwerte. Hier werden die künftigen Zahlungen auf die Gegenwart abgezinst, so dass korrekte Vergleiche und sinnvolle Schlussfolgerungen möglich sind. Das wird an sechs Beispielen aus dem Alltag deutlich.

Lebensversicherungen lösen bei jungen Familien zwiespältige Gefühle aus. Was machen junge Mütter mit Kleinkindern, wenn der Ernährer der Familie ums Leben kommt? Umgekehrt stellt sich dieselbe Frage. Was machen junge Väter mit Kleinkindern, wenn die Mutter stirbt? Die erste Lösung ist der vorherige Abschluss von Risikolebensversicherungen, und die zweite Lösung ist das Vertrauen, dass das Leben weitergehen wird. Mit beiden Dingen haben viele Menschen freilich Probleme, weil das Geld verloren zu sein scheint und der Glaube aus der Mode gekommen ist.

Wer nüchtern an die Sache herangeht, wird das Haushaltsbuch aufschlagen, um die Frage zu beantworten, wie viel Geld jeden Monat benötigt wird. Dann ist die Frage zu klären, wie lange der Betrag bezahlt werden soll. Außerdem sind Prognosen über die Höhe der Geldentwertung und den Zins für die Anlage der Versicherung zu treffen. Wenn die Hinterbliebenen zum Beispiel monatlich 2.500 Euro brauchen, die 15 Jahre fließen und jedes Jahr um 3 Prozent steigen sollen, gilt bei einem Anlagezins von 2 Prozent, wie ein Blick in die Tabelle zeigt, ein Vervielfältiger von 191. Folglich benötigt die Familie eine Risikolebensversicherung mit einer Todesfallsumme von 478.000 Euro.

  

Die deutschen Sparkassen sind, wenn es ums Geld geht, galante Verführer. Auf ihrer Internetseite provozieren sie Mieter mit der Frage, warum die Leute in fremde Taschen wirtschaften. Sie bieten einen Rechner an und fordern die Menschen auf, bei Gelegenheit einmal nachzurechnen, wie viel Geld durch die Miete ohne bleibenden Gegenwert verlorengehe. Beispiel: Wer 50 Jahre monatlich 750 Euro Miete bezahlt, muss bei einem Anstieg von 2 Prozent je Jahr insgesamt 761.215 Euro auf den Tisch blättern. Die Zahl ist korrekt, weil die Raten richtig addiert worden sind. Trotzdem ist die Rechnerei grobes Foulspiel, und dafür gebührt jedem Menschen, der so auf Kundenfang geht, von Amts wegen die Rote Karte.

Erstens bekommt der Mieter für diesen Betrag sehr wohl einen Gegenwert, und zweitens stellt sich die Frage, wie viel Kredit mit 600 Raten zu jeweils 750 Euro getilgt werden könnte. Die Antwort liefert der Barwert, das Ergebnis ist in der Tabelle zu finden. Hypotheken mit einer Laufzeit von 50 Jahren mögen im Durchschnitt jährlich 4 bis 5 Prozent kosten. Folglich liegt der Vervielfältiger bei 351. Das heißt in Zahlen, dass mit den 360 Monatsraten, die mit 750 Euro beginnen und jedes Jahr um 2 Prozent steigen, ein Kredit von 264.000 Euro aufgenommen werden kann.

In der Praxis wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit noch weniger sein, weil von den Raten mindestens 20 Prozent für die Instandhaltung der Immobilie abgezogen werden müssen. Werden auch noch die Spesen für den Kauf der Immobilie angesetzt, wird das „zulässige“ Darlehen ungefähr 191.000 Euro betragen, und da sieht die Welt etwas anders aus. Die Differenz zu den „vorgegaukelten“ 761.000 Euro der Sparkässler sind Aufwendungen für Reparaturen und Zinsen.

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