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Die Vermögensfrage Vermögensverwaltung in der Schweiz ist teuer

30.05.2010 ·  Viele Anleger werfen ihre Pläne über den Haufen. Selten ging die Umschichtung von Vermögenswerten so rasch über die Bühne wie im Augenblick. Die meisten verlieren dabei dermaßen viel Geld, dass gerade in Krisenzeiten einige Regeln besonders beherzigt werden sollten.

Von Volker Looman
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Die Turbulenzen auf den Finanzmärkten und in der Politik zeigen, dass es bei der Geldanlage keine Sicherheit gibt. Das ist zwar ein alter Hut, doch der Umgang mit solchen Krisen ist neu. Frei nach dem Motto, dass das gestrige Geschwätz heute nicht mehr gilt, werfen im Moment viele Privatanleger ihre Pläne innerhalb weniger Tage über den Haufen. Gab es vor Wochen oder Monaten noch langfristige Konzepte über die Aufteilung des Vermögens in Anleihen, Immobilien und Aktien, so sind diese Pläne zurzeit nur noch Schall und Rauch.

Selten ging die Umschichtung von Vermögenswerten so rasant über die Bühne wie im Augenblick. Die flotte Umschichtung ist die beste Altersversorgung der Banker und Vermögensverwalter, weil bei dem Umstieg üppige Gebühren und Provisionen anfallen. Die meisten Anleger verlieren dabei aber dermaßen viel Geld, dass gerade in Krisenzeiten einige Regeln besonders beherzigt werden sollten: Erst kommt die Strategie, dann folgen die Produkte, schließlich sind die Gebühren an der Reihe, und über die Disziplin der Anleger wird der Mantel der Diskretion gelegt.

Die Hinweise sollten sich in erster Linie die Liebhaber der schweizerischen Vermögensverwaltung zu Herzen nehmen. Momentan machen sich wieder Heerscharen betuchter Senioren auf die Reise in das Nachbarland, weil sie dort auf bessere Beratung, sicherere Anlagen und höhere Erträge hoffen. Sie sollten die Hoffnung besser fahrenlassen, weil es zwischen Basel und Bellinzona nicht anders zugeht als zwischen Kiel und Konstanz. Erstens kochen auch die Eidgenossen nur mit Wasser, und zweitens sind die Gebühren in Luzern und Zürich dermaßen hoch, dass für den Anleger nur Brotkrumen übrig bleiben. Trotzdem ist der Glaube an die bessere Vermögensverwaltung in der Schweiz nicht auszurotten.

Vor dem Ausflug in die Schweiz sind in Deutschland wichtigere Aufgaben zu erledigen. Sie beginnen in Krisenzeiten mit der umgekehrten Privatbilanz. Hier wird der zukünftige Konsum abgezinst, dann wird überprüft, wie die Schulden gedeckt sind, und schließlich wird das Kapital auf verschiedene Töpfe verteilt. Dieser andere Blick auf Soll und Haben zeigt vor allem Senioren, die ständig Angst haben, finanziell unter die Räder zu kommen, wie sie ihr Geld anlegen sollten. Diese umgekehrte Vermögensbilanz führt in drastischer Weise vor Augen, welche Risiken bei Geldanlagen überhaupt möglich sind.

Wichtig ist allein die Bereitschaft

Dreh- und Angelpunkt dieser Betrachtung sind die künftigen Ausgaben des täglichen Lebens. Dazu gehören die Aufwendungen für Auto, Bildung, Eigenheim, Freizeit, Kleidung, Krankenkasse, Urlaub und Verpflegung. Es ist völlig egal, wie hoch die Beträge sind. Die Summe kann bei dem einen Anleger monatlich 2000 Euro betragen, und bei dem anderen mögen es 10.000 Euro sein. Wichtig ist allein die Bereitschaft, realistische Zahlen aufs Papier zu bringen. Im zweiten Schritt wird die jährliche Teuerungsrate festgelegt, weil damit zu rechnen ist, dass die Preise in Zukunft steigen werden. Dann muss der Anlagezins für sichere Geldanlagen nach Steuern bestimmt werden. Schließlich wird die Zahlungsdauer der Ausgaben definiert. Das Ergebnis der Bemühungen ist der Geldbetrag, der heute zur Verfügung stehen muss.

Für alle Anleger, die Mitte 60 sind, können die Rechenschritte zum Beispiel zu folgenden Ergebnissen führen: Der Aufwand für das tägliche Leben liegt bei 4000 Euro im Monat. Die Inflationsrate wird auf 2 Prozent im Jahr geschätzt. Bei der Geldanlage werden Anleihen mit einem Zinssatz von 3,5 Prozent im Jahr unterstellt. Davon werden nach Abzug der Abgeltungsteuer noch 2,58 Prozent übrigbleiben. Die Versorgungsdauer soll 20 Jahre, also 240 Monate betragen. Das führt zu einem Barwert von 898.000 Euro.

Für viele Privatleute gewöhnungsbedürftig

Beim Blick auf die Habenseite stellt sich die Frage, welche Positionen zu berücksichtigen sind. Die Antwort ist im Prinzip einfach. In die Vorsorgebilanz gehören alle Gegenstände, die aus Geld bestehen oder zu Geld gemacht werden können. Das beginnt in der Regel mit den Pensionen und Renten. Das ist für viele Privatleute zwar sehr gewöhnungsbedürftig, ändert aber nichts an der Tatsache, dass Versorgungsansprüche im wahrsten Sinne des Wortes wertvoll sind. Dann kommen die Anleihen, Immobilien und Aktien mit ihren heutigen Marktwerten hinzu.

Pensionen und Renten werden wie der Konsum kapitalisiert. Wer zum Beispiel monatlich 2500 Euro bezieht und damit rechnet, diese Rente noch 20 Jahre lang zu bekommen, kann einen Barwert von 470.000 Euro verbuchen, wenn die Zahlungen mit jeweils 2,6 Prozent diskontiert werden. Der Wert der festverzinslichen Wertpapiere mag bei 250.000 Euro liegen, und das Eigenheim soll 350.000 Euro auf die Waage bringen. Dadurch klettert das Vermögen auf 1.070.000 Euro. Sollten auch noch Aktien und Beteiligungen im Wert von 200.000 Euro vorhanden sein, stehen insgesamt 1.270.000 Euro auf der Habenseite.

Wie sehen harmlose Investitionen aus?

Die Gegenüberstellung der beiden Summen – hier Schulden von 898.000 Euro, dort Guthaben von 1.270.000 Euro – zeigen dem Ehepaar drei Dinge. Es kann sich Privatausgaben von monatlich 4000 Euro leisten. Holland gerät nicht in Not, wenn die Inflation nicht höher als 2 Prozent ist. Die Privatleute dürfen bei der Geldanlage keine Risiken eingehen, weil der Konsum geradeso durch die Renten, Anleihen und Aktien abgedeckt ist. Die 350.000 Euro, die in dem Eigenheim stecken, sind im wahrsten Sinne des Wortes immobil und stehen für aktive Anlagen weder zur Diskussion noch zur Verfügung.

Das lenkt den Blick auf die Frage, wie harmlose und riskante Investitionen aussehen. Die Bewertung wird bei der Altersversorgung beginnen. Sind die 240 künftigen Renten von je 2500 Euro sicher oder nicht? Genauso stellt sich die Frage, wie sicher die Anleihen sind. Papiere westeuropäischer Länder mögen sicherer als Obligationen südamerikanischer Staaten sein, und Schuldverschreibungen erstklassiger Industrieunternehmen genießen anderes Vertrauen als fragwürdige Bankanleihen. Was bei Anleihen gilt, wird bei Immobilien nicht ungültig. Häuser und Wohnungen sind keine stabilen Anlagen, wie viele Leute meinen, sondern unterliegen Preisschwankungen. Teilweise sind Immobilien sogar überhaupt nicht mehr verkäuflich.

Das gilt auch für Aktien

Bei solchen Perspektiven ist es kein Wunder, dass sich viele Anleger fragen, wie sie ihr Geld, im vorliegenden Fall also 450.000 Euro, im Ruhestand anlegen sollen. Die Antwort ist einfach: Erstens breit, zweitens sicher, und drittens nicht in der Schweiz. Das soll keine Attacke auf die Eidgenossen sein, doch wer 450.000 Euro im Laufe der nächsten 20 Jahre verzehren muss, weil ihm die Inflation gar keine andere Wahl lässt, braucht nicht in die Ferne zu schweifen, weil die Möglichkeiten begrenzt sind.

Die halbe Million muss zu mindestens zwei Dritteln in Anleihen angelegt werden, und das übrige Drittel kann in Aktien investiert werden. Dafür ist freilich kein Ritt über den Bodensee notwendig, weil die Kosten der klassischen Vermögensverwaltung in der Schweiz bei einem Prozent im Jahr beginnen. Bei Beträgen bis 500.000 Euro muss der Anleger sogar mit höheren Gebühren von 2 bis 3 Prozent im Jahr rechnen.

Wer für festverzinsliche Anleihen aber nur 2 bis 3 Prozent pro Jahr erhält, muss in höchstem Maße auf die Kosten achten. Das gilt auch für Aktien. Sie mögen 4 oder 5 Prozent pro Jahr abwerfen, doch ihr Anteil ist in „sicheren“ Depots so gering, dass jeder Cent zählt. Unabhängig von den Kosten ist es eine Mär, dass die Eidgenossen bessere Anleger seien. In der Schweiz ist vieles ein bisschen sauberer, ordentlicher und zuverlässiger als in Deutschland. Nur beim Geld sind sich die Nachbarn ähnlicher, als ihnen lieb ist. Sie wissen beide nicht, was die Zukunft bringen wird, und wenn die Erde bebt, wird auch die Schweiz nicht verschont bleiben.

Der Autor ist Finanzanalytiker in Reutlingen.

Quelle: F.A.Z.
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