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Die Vermögensfrage Nicht nur Banken sind schuld

 ·  Auf der Jagd nach Erträgen bleibt der gesunde Menschenverstand häufig auf der Strecke. Besonders Senioren sollten auf weitere Kredite verzichten und die Kosten zusätzlicher Geldanlagen im Auge behalten.

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© dpa Auch im Alter ist solides Wirtschaften wichtig

Die provisionsgetriebene Beratung einzelner Banken ist für manche Senioren ein großes Ärgernis. Trotzdem ist die pauschale Kritik an den Instituten in vielen Fällen nicht berechtigt, weil bei nüchterner Betrachtung der Dinge festzustellen ist, dass die Anleger bei zahlreichen Pannen und Pleiten große Mitschuld trifft. Auf der Jagd nach Erträgen bleibt in vielen Fällen der gesunde Menschenverstand auf der Strecke. Die niedrigen Zinsen für festverzinsliche Wertpapiere veranlasst viele Senioren zum Kauf überteuerter Immobilien und fragwürdiger Beteiligungen. Die fatalen Auswirkungen werden im folgenden Beispiel deutlich.

Ein ehemaliger Manager aus dem Norden der Republik ist 70 Jahre alt. Der Mann ist verwitwet und in vielfacher Hinsicht eine solide Partie. Er ist belesen, er ist in der Welt herum gekommen, er hat Humor, und er hat Geld. Nur interessiert ihn das Kapital nicht. Es ist eben da, und das genügt. Das Vermögen beträgt in Abhängigkeit der Bewertung der einzelnen Verträge zwischen 1,2 und 1,9 Millionen Euro. Laien kommen auf die niedrige Summe, weil sie nur das Festgeld (200.000 Euro), die Anleihen (700.000 Euro) und die Aktien (300.000 Euro) zusammenzählen. Fachleute kapitalisieren aber auch die betriebliche und die staatlicheJahresrentevon jeweils 24.000 Euro mit 3 Prozent, lassen den Mann noch 20 Jahre leben und erhöhen auf diese Weise das Vermögen um 714.000 Euro.Folglich besitzt der Rentner in ihren Augen insgesamt 1,9 Millionen Euro, und das hat gewaltige Auswirkungen auf die Struktur des Vermögens.

Gekauft wird, was niet- und nagelfest erscheint

Der Mann hat in den letzten Wochen sein Eigenheim verkauft, weil ihm das Haus nach dem Tod der Ehefrau zu groß geworden ist. Der Erlös ist in dem Festgeld und den Anleihen enthalten. Die beiden Anlageformen werfen zur Zeit kaum Erträge ab. Für das Festgeld erhält der Mann jährlich 1 Prozent. Die Wertpapiere werfen zwischen 2 und 3 Prozent pro Jahr ab. Davon bleibt nach Abzug der Gebühren und Steuern nicht viel übrig. Nun liebäugelt der Anleger mit dem Kauf einer Wohnung.

Das gute Stück kostet - trotz der geringen Größe von 90 Quadratmetern - beachtliche 360.000 Euro, weil es erstens in Hamburg und zweitens in Blankenese liegt. Dort gelten seit Jahrzehnten eigene Gesetze, und in den letzten Monaten sind in diesem Stadtteil in finanzieller Hinsicht alle Dämme gebrochen. Gekauft wird, was niet- und nagelfest erscheint, und das zu Renditen, bei denen sich „ehrbare“ Kaufleute alter Schule mit Grausen abwenden. Im vorliegenden Fall kostet die Wohnung unter Einschluss der üblichen Courtagen, Spesen und Steuern rund 400000 Euro.

Der Kauf der Wohnung ist trotz des hohen Preises vernünftig, weil ein bezahltes Dach über dem Kopf gewisse Sicherheit vermittelt. Eher unvernünftig ist jedoch die Tatsache, dass der Manager a.D. die Hausbank in seine Pläne eingeweiht hat. Der junge Berater, in Wahrheit ein gewiefter Verkäufer, ist dem alten Herren schon lange Zeit auf der Spur, weil mit dem Desinteresse des Mannes an Geld ein kleines Vermögen zu verdienen ist. Nun hat er ihm folgenden Vorschlag gemacht.

Die Wohnung wird jeweils zur Hälfte mit Bargeld und Kredit bezahlt. Dafür wird auf der einen Seite das Festgeldkonto aufgelöst, und auf der anderen Seite wird ein Kredit von 200000 Euro aufgenommen. Auch dieser Betrag wird in zwei Hälften geteilt. Die ersten 100000 Euro werden mit Hilfe eines Annuitätendarlehens abgedeckt, und die zweiten 100000 Euro werden mit Hilfe eines Festkredites dargestellt, der mit einem Bausparvertrag verknüpft wird. Das restliche Vermögen wird auf drei Töpfe verteilt: 400000 Euro in Anleihen, 300000 Euro in Aktien und 300000 Euro zu gleichen Teilen in ein Schiff, eine Solaranlage und ein Windkraftwerk, um die lausigen Renditen der klassischen Anlagen aufzuhellen. Was soll man dazu sagen?

„Billiges“ Geld in „teure“ Anlagen investieren

Das finale Urteil hängt, wie könnte es anders sein, vom Standpunkt des Betrachters ab. Sollten die Vorschläge befolgt werden, empfiehlt sich der Verkäufer - im wahrsten Sinne des Wortes - für höhere Aufgaben, weil das Geld in der Kasse klingelt. Die Hypothek bringt einen Gewinn von 7000 Euro. Für den Kredit gibt es eine Marge von 3000 Euro. Der Bausparvertrag liefert eine Provision von 1000 Euro. Das Management der Anleihen kostet jährlich 3000 Euro. Die Verwaltung der Aktien führt zu Erträgen von zusätzlichen 3000 Euro pro Jahr. Und die Beteiligungen bieten Courtagen von 24000 Euro. Unter der Annahme, dass die Anleihen und Aktien zehn Jahre in der Vermögensverwaltung der Bank bleiben, kommen unter dem Strich etwa 95.000 Euro zusammen.

Der Vorschlag ist aus Sicht des Anlegers - mit Verlaub gesagt - ein „sündhaftes“ Vergnügen. Was bewegt den Mann, einen Kredit für den Kauf der Immobilie aufzunehmen? Wofür dient der Bausparvertrag, der 16 Jahre laufen wird? Warum will der Anleger insgesamt 700.000 Euro in die Hände von Leuten geben, die mit hoher Wahrscheinlichkeit genauso ahnungslos sind wie er selbst? Und welchem Ziel dient die Anlage von 300.000 Euro in drei Beteiligungen? Die Antwort ist im Grunde einfach. Der Anleger möchte „billiges“ Geld in „teure“ Anlagen investieren.

Wohnung wird an Wert verlieren

Die hanseatischen Privatleute von Bremen über Hamburg und Lübeck bis Wismar und Stralsund fühlen sich den Angelsachsen nahe. Und dort wird in vielen Haushalten gehandelt und gewettet, dass die Schwarte kracht. Hier ein Geschäft, da ein Kredit, dort eine Spekulation. Damit mögen einzelne Anleger ihr Vermögen vermehrt haben. Im vorliegenden Fall ist der Umbau des Vermögens aber ein voller Schuss in den Ofen, wie ein Blick in die Bücher zeigt. Da wird zunächst einmal geprüft, was aus dem heutigen Vermögen im Verlauf der nächsten Jahre werden kann. Das Festgeld wird aufgelöst, ein Teil der Anleihen wird veräußert, die Wohnung wird aus dem Vermögen bezahlt, der Rest des Geldes wird in Aktien gesteckt.

Der Vermögensplan beginnt mit den jährlichen Einnahmen und Ausgaben. Zu den Einkünften gehören die Zinsen der Anleihen, die beiden Renten, die ersparte Miete und die Dividenden der Aktien. Ausgaben sind die Abgeltungsteuer auf die Geldanlagen, die Einkommensteuer auf die Renten und der Konsum. Das führt im vorliegenden Fall zu Überschüssen von 9000 Euro pro Jahr. Sie wandern in die Kasse. Hinzu kommen die Vermögenswerte. Der Verlauf der einzelnen Positionen ist unterschiedlich.

Die Anleihen werden nach Lage der Dinge ihren Wert behalten. Die Wohnung wird mit hoher Wahrscheinlichkeit an Wert verlieren. Die Aktien werden, wenn keine Dividenden ausgeschüttet werden, in ihrem Wert steigen. Der Kapitalwert der Renten fällt von Jahr zu Jahr, weil Geld entnommen wird. Genauso wird der Barwert des Konsums sinken, mit dem der Anleger bei sich selbst in der Kreide steht. Dadurch beginnt das Vermögen des Mannes bei 1.021.000 Euro, und es wird im Laufe der kommenden 20 Jahre auf 1.442.000 Euro klettern. Das entspricht einer Verzinsung von 1,7 Prozent pro Jahr nach Steuern.

Für die Bank ist die Sache klar

Der Endwert in 20 Jahren ist der Dreh- und Angelpunkt für die Alternative. Der Investor soll einen Kredit aufnehmen, er soll einen Bausparvertrag abschließen, er soll Geld in die Vermögensverwaltung geben, und er soll Beteiligungen kaufen. Und wofür soll er das machen? Bei „logischer“ Betrachtung kann Sinn und Zweck der Übung nur der Versuch sein, die erste Mischung zu schlagen. Bei dem zweiten Modell sollte eben mehr als beim ersten Modell herausspringen. Der Blick auf den zweiten Endwert ist ernüchternd. Er wird mit hoher Wahrscheinlichkeit um 111.000 Euro niedriger sein. Damit stellt sich die Frage, was die ganze Geschichte soll.

Für die Bank ist die Sache klar. Die Darlehen, der Bausparvertrag, die Vermögensverwaltung und die Beteiligungen bieten satte Mehrerträge in fünfstelliger Höhe, doch für Anleger lohnt sich die Geschäfte beim besten Willen nicht. Dafür sind die jeweiligen Zinssätze nach Steuern verantwortlich. Der Kredit zum Beispiel kostet 2,5 Prozent. Der Bausparvertrag bringt im selben Zeitraum aber nur 0,4 Prozent pro Jahr. Die Beteiligungen werfen nicht 8 Prozent pro Jahr ab, wie in den Prospekten vorgeschwärmt wird, sondern nur 5 Prozent, weil damit zu rechnen ist, dass die Anlagen in 20 Jahren nichts mehr wert sein werden.

Das sind Werte, die jedem Fachmann zeigen, dass die Geschäfte in dieser Form regelrechte Rohrkrepierer sind. Folglich kann die Empfehlung nur lauten: Hände weg von den Zusatzverträgen. Das gilt aber auch für die Vermögensverwaltung. Hier sind das Problem nicht die Anleihen und die Aktien, sondern die jährlichen Gebühren für deren Verwaltung. Die geforderten 6000 Euro sind 0,9 Prozent der Anlagesumme. Um diesen Wert muss die Rendite des Verwalters über den Indices der Anlagen liegen. Das sollte sich der Investor auf der Zunge zergehen lassen. Der Verwalter hat klare Vorgaben. Er soll 400.000 Euro in festverzinsliche Anleihen und 300.000 Euro in solide Standardaktien anlegen. Trotzdem muss der Mehrertrag pro Jahr bei 0,9 Prozent liegen. Wie soll das gehen, wie soll das klappen?

Nicht alle Eier in einen Korb legen

Die Masse der Verwalter schafft es nicht, über einen Zeitraum von 10 bis 15 Jahren die Märkte zu schlagen, und bei einem Depot, das zu drei Fünfteln aus Anleihen besteht, ist ein jährlicher Mehrertrag von 0,9 Prozent blanke Utopie. Daher sollte sich der Anleger intensiv Gedanken über den Kauf börsengehandelter Indexfonds machen. Dort kostet die Verwaltung höchstens 0,2 Prozent beziehungsweise 1400 Euro. Das ist ein Vorteil von 4600 Euro pro Jahr. Die Empfehlung ist natürlich Gift für jeden Verkäufer, weil bei diesen Geschäften nichts zu verdienen ist. Daher bieten die Banken solche Produkte auch nicht an.

Wenn ältere Semester die Anlagen trotz dieser Warnungen kaufen, gibt es nur zwei Erklärungen. Entweder wissen sie nicht, was sie tun, oder sie sind Verschwender. Dagegen helfen nur drastische Mittel. Die Differenz von 46.000 Euro zwischen der aktiven und der passiven Vermögensverwaltung ist in Zehn-Euro-Noten vom Konto abzuheben. Danach sind die 4600 Noten nacheinander - also Schein für Schein - in einen Aktenvernichter zu stecken. Das dauert 38 Minuten, wenn pro Schein eine halbe Sekunde angesetzt wird, und in dieser Zeit kann sich der Anleger intensiv Gedanken über den praktischen Nährwert aktiver Vermögensverwaltung machen. Der Anleger kann die Sache nach Belieben drehen und wenden. Nicht nur vor Gericht und auf hoher See, sondern auch bei der Geldanlage sind Privatleute auf höhere Mächte angewiesen.

Bei irdischer Betrachtung der Dinge gelten „handfeste“ Regeln: Nicht alle Eier in einen Korb legen, die Kosten im Auge behalten und flexibel bleiben! Im vorliegenden Fall mag der Kauf der Wohnung noch zu vertreten sein, doch die Vermögensverwaltung und die Beteiligungen sind mit Vorsicht zu genießen, weil die Gebühren so hoch sind. Die klassische Vermögensverwaltung kostet in Deutschland jährlich 1 bis 2 Prozent, und die Provisionen bei Beteiligungen liegen zwischen 5 und 10 Prozent. Das sind so hohe Werte, dass die meisten Privatleute keine Chance haben, mit diesen Anlagen vernünftige Renditen zu erzielen.

Der Autor ist Finanzanalytiker in Reutlingen.

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