Die finanzielle Gestaltung des Ruhestandes ist selbst für Senioren, die im Grunde keine Not leiden, zur Zeit kein Vergnügen. Dafür sind in der Regel fünf Gründe verantwortlich. Erstens wissen viele Anleger gar nicht, wie reich sie tatsächlich sind. Sie ahnen zweitens nicht, welche Wucht hinter ihren Pensionen und Renten steckt. Sie können sich nicht vorstellen, das ist der dritte Grund, wie teuer der Alltag ist. Viertens grassiert Angst vor Inflation und Währungsreform durchs Land. Und fünftens fehlt den unruhigen Ruheständlern der Mut, ihr Vermögen zu verbrauchen oder zu verschenken. Die Folgen sind zum Teil fatal. Die Senioren verzetteln sich mit ihren Anlagen und können ihren Lebensabend im schlimmsten Fall nicht so genießen, wie sie es verdienen. Die alltäglichen Sorgen werden in folgendem Beispiel deutlich.
Ein verheirateter Beamter ist seit fünf Jahren im Ruhestand. Der Mann ist 70 Jahre alt und hat viele Jahrzehnte in der Bundesverwaltung gearbeitet. Dafür bekommt er eine Pension von 3000 Euro - erstens jeden Monat und zweitens netto auf die Hand. Sowohl die Beiträge für Krankenkasse und Pflegeversicherung als auch die Steuern sind schon abgeführt worden. Die Ehefrau ist 65 Jahre alt und kümmert sich um den Haushalt. Das Vermögen des Ehepaars besteht neben der Pension aus fünf Positionen. Auf dem Festgeldkonto der Hausbank liegen 50.000 Euro. Bei der Hausbank werden Sparbriefe im Wert von 200.000 Euro verwaltet. Das Ehepaar wohnt in einem Haus, das in die Jahre gekommen ist. Wertvoll ist aber das Grundstück. Es würde beim Verkauf etwa 250.000 Euro in die Kasse spülen. Die vermieteten Wohnungen sind 400.000 Euro wert. Und das Aktiendepot hat einen Kurswert von 100.000 Euro.
Jede Pension oder Rente stellt ein Vermögen dar
Die Eheleute können ihr Vermögen drehen und wenden. Sie sind eben nicht einfache, sondern einskommasechsfache Millionäre, doch das ist den beiden Anlegern, von Natur aus bescheidene Bildungsbürger alter Schule, einfach nicht zu vermitteln. Sie sehen mit Mühe und Not die 750.000 Euro, die auf das Festgeld, Bundesschatzbriefe, den Wohnungen und die Aktien entfallen. Auf die kühne Idee, dass die Pensionen und das Haus ein stattliches Vermögen sind, kommen die Senioren beim besten Willen nicht. Die Pension fließt, das Haus steht, und das genügt.
Die Schilderung mag sich für alle Menschen, die in anderen Verhältnissen leben, wie ein Märchen aus dem Morgenland anhören. Doch das Problem, dass Senioren nicht wissen, wie reich sie sind, ist eben kein Märchen. Es ist bittere Wahrheit, und der größte Fehler, der bei der finanziellen Gestaltung des Ruhestandes gemacht wird, ist die fehlende Kapitalisierung der Pensionen und Renten. Der Mann ist 70 Jahre alt und wird, was ihm von Herzen zu wünschen ist, noch 15 Jahre leben. Allein die Multiplikation von 180 Monaten mal 3000 Euro zeigt, dass der Beamte keine arme Kirchenmaus ist. Nur spürt der Mann diesen Reichtum nicht, weil er für die 540.000 Euro weder einen Pfennig noch einen Cent aufgebracht hat.
Die Haltung ist verständlich. Nur berechtigt sie nicht zu der Aussage, dass die Pension kein Vermögen sei. Jeder freischaffende Künstler oder selbständige Handwerker müsste im Laufe seines Berufslebens einen Betrag von mindestens 437.000 Euro ansparen, um bei einem Zinssatz von 3 Prozent aus diesem Topf anschließend 15 Jahre monatlich 3000 Euro entnehmen zu können. Folglich stellt jede Pension oder Rente ein Vermögen dar. Im vorliegenden Fall wird der Wert sogar über 437.000 Euro liegen, weil die Frau fünf Jahre jünger ist und eine Lebenserwartung von 25 Jahren hat. Sie hat Anspruch auf eine Witwenrente von 60 Prozent des Gehaltes ihres Mannes, so dass sich der Finanzminister dieses Landes darauf einstellen muss, dem Ehepaar zunächst 180 Monate lang 3000 Euro und danach 120 Monate lang 1800 Euro bezahlen zu müssen. Das sind in der Summe genau 756.000 Euro und in Form des Barwertes etwa 557.000 Euro.
Es geht freilich um andere Dinge
In enger Verbindung zum Rentenbarwert steht der Konsumbarwert. Das sind die Ausgaben des Ehepaars für das tägliche Leben. Dazu gehören in erster Linie die Aufwendungen für Auto, Ernährung, Kleidung, Urlaub, Versicherungen und Wohnung. Sie summieren sich im vorliegenden Beispiel auf 4000 Euro pro Monat, weil die Pensionäre trotz aller Bescheidenheit reiselustige Zeitgenossen sind. Wenn einer der beiden Ehepartner stirbt, mögen die Ausgaben auf 2400 Euro sinken. Das führt in Anlehnung an die Rentenrechnung zu 180 Ausgaben je 4000 Euro und zu 120 Raten je 2400 Euro, so dass unter dem Strich ein Barwert von 743.000 Euro herauskommt.
Das ist ein komfortables Ergebnis. Wenn die Senioren im Alter nicht auf dumme Gedanken kommen und in die Hausbank oder in die Spielbank gehen, sondern auf dem Boden der Tatsachen stehen bleiben, dürfte der Lebensabend unter finanziellen Aspekten gesichert sein. Das Ehepaar hat ein Dach über dem Kopf, der Barwert der Renten liegt nur 186.000 Euro unter dem Kapitalwert des Konsums, es ist freies Vermögen in Höhe von 750.000 Euro vorhanden, so dass der Alltag im grünen Bereich verläuft. Damit können sich die Anleger mit der Frage beschäftigen, was aus dem Festgeld, den Schatzbriefen, den Immobilien und den Aktien werden soll.
Bei nüchterner Betrachtung der Dinge geht es freilich um ganz andere Dinge. Das Ehepaar träumt seit Beginn des Ruhestandes vom Umzug in die Großstadt. Die Gartenarbeit ist zur Last geworden, und die Reparaturen im Haus sind ein Reizthema. Die Frau möchte renovieren, der Mann will sparen, so dass beim Frühstück nicht nur darüber diskutiert wird, wie hart das Ei ist. Nebenbei hat das Ehepaar zwei Kinder im Alter von 45 und 40 Jahren, die unter ihren Schulden stöhnen und für milde Zuwendungen dankbar wären. Auf diesem Ohr sind die Eltern etwas schwerhörig. Sie denken an das Altersheim, und sie haben panische Angst, eines Tages zu Pflegefällen zu werden.
Warum einfach, wenn es auch schwierig geht?
Das einfachste Konzept, wie das Vermögen angelegt werden kann, besteht aus sieben Punkten. Erstens: Die Angst vor dem Pflegeheim wird im Garten vergraben. Zweitens: Der Gedanke an das Altersheim wird in die grüne Biotonne entsorgt. Drittens: Das Ehepaar verkauft alle Immobilien und erwirbt in der Großstadt für 400.000 Euro eine schöne Wohnung. Viertens: Es packt die Bundesanleihen auf ein Sparbuch und schließt mit den 200.000 Euro die Konsumlücke. Fünftens: Den beiden Kindern werden jeweils 100.000 Euro mit der Auflage geschenkt, die milde Gabe zum Abbau der bestehenden Schulden zu verwenden. Sechstens: Die Anleger investieren 200.000 Euro in Aktien. Siebtens: Das Ehepaar freut sich jeden Tag über das Leben.
Die Idee ist kein Scherz, sondern bitterer Ernst, weil sie einfach, praktisch und gut ist. Der Vorschlag befreit die Senioren auf einen Streich von fünf Problemen. Altersheim und Pflege rücken in weite Ferne. Darüber wird gesprochen, wenn es so weit ist. Das Ehepaar streitet sich beim Frühstück nicht mehr über die Frage, ob nun das Bad oder das Gästezimmer zuerst renoviert wird. In der Wohnung in der Großstadt sind beide Räume neu. Das Sparbuch ist eine sichere Bank, um die Konsumlücke zu stopfen. Die Tilgung der Schulden, welche die Kinder auf ihren Häusern haben, dürfte im Augenblick eine exzellente Anlage sein. Und die Investition in die eigene Lebensfreude ist die mit Abstand beste Geldanlage sein, die es überhaupt gibt.
Der Vorschlag ist, um es noch einmal in aller Deutlichkeit zu sagen, von bestechender Schönheit. Er hat nur einen Haken: Er ist so einfach, er ist so schlicht, dass er mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht in die Tat umgesetzt werden wird. Frei nach dem Motto, warum es einfach sein muss, wenn es auch schwierig geht, wird sich das Ehepaar grämen und sorgen. Dagegen ist freilich kein Kraut gewachsen. Banken und Versicherungen werden die Ruheständler in ihrer Haltung bestärken, das Geld anders anzulegen. Und wie sieht die Alternative für alle Verweigerer des Einfachen und Schönen aus?
Hier wird es notwendig sein, Bleistift und Papier aus der Schublade zu holen und aufzuschreiben, was in dem alten Einfamilienhaus zu machen ist, wie hoch die Aufwendungen sein werden und wann die Arbeiten zu bezahlen sein werden. Gleichzeitig kann sich das Ehepaar intensiv Gedanken darüber machen, ob in naher Zukunft das ebenfalls in die Jahre gekommene Zweitauto ersetzt werden soll oder nicht. Die beiden Punkte, hier das Haus, dort das Auto, werden beim Frühstück für viel Zündstoff sorgen, aber was sein muss, ist eben zu erledigen.
625 Zwanzig-Euro-Scheine verschwinden im Mülleimer
Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird die Summe sechsstellig werden, und die 100.000 Euro werden in naher Zukunft benötigt. Folglich kommen für die „Rücklagen“ nur sichere Anlagen wie Sparbriefe oder Wertpapiere in Frage. Ähnlich sollte das Ehepaar an die Finanzierung der Konsumlücke herangehen. Die 180 Raten je 1000 Euro und die 120 Raten je 600 Euro können nicht in Exoten angelegt, sondern müssen in einem sicheren Tresor gebunkert werden. Hier bietet sich der Abschluss einer Leibrente an. In den Vertrag werden 200.000 Euro eingezahlt, und als Gegenleistung kommen die monatlichen Zusatzrenten.
Wenn diese Punkte erledigt sind, hat das Ehepaar noch 450.000 Euro in der Kasse. Vor dem Hintergrund, dass die Senioren in einem schuldenfreien Haus leben, das neuen Glanz versprüht, und der Konsum finanziert wird, könnten die Eltern hohe Risiken eingehen. Das Geld könnte in Aktien angelegt werden, aber die Erfahrung lehrt, dass Senioren in diesem Alter derartige Gedanken nur in Ausnahmefällen oder nach dem Genuss von Whisky und Eierlikör entwickeln. Die Wirklichkeit sieht, wenn der Kopf wieder klar ist, grau und traurig aus.
Das Festhalten an einer Wohnung (200.000 Euro) und die beliebte Übergabe des restlichen Kapitals (250.000 Euro) in die Hände eines Vermögensverwalters bei der Hausbank ist mit Gefahren für Leib und Seele verbunden. Das klingt boshaft, aber der Betrag von 250.000 Euro ist für jede Bank so wenig Geld, dass das Kapital mit hoher Wahrscheinlichkeit in Investmentfonds landen wird, und das geht mächtig ins Geld. Wenn die 250.000 Euro in Aktienfonds investiert werden, ist mit Ausgabeaufschlägen von 5 Prozent zu rechnen. Folglich verschwinden erst einmal 12.500 Euro, das sind 625 Zwanzig-Euro-Scheine im Mülleimer. Hinzu kommt die jährliche Verwaltungsgebühr von 1,5 bis 2 Prozent. Das sind pro Jahr zwischen 3750 und 5000 Euro, so dass bei einer Anlagedauer von 15 Jahren rund 66.000 Euro anfallen können.
Das Konzept ist wirklich kein Hexenwerk
Und was bekommt der Anleger für diesen Betrag? Es ist die Hoffnung, dass der Vermögensverwalter ein Hellseher ist. In Wahrheit ist der Lohn aber heiße Luft. Es ist eine Binsenweisheit, dass kein Mensch in die Zukunft sehen kann. Nur ist die Aussage wiederum von solcher Schlichtheit, dass sie nicht salonfähig ist. Folglich wird das Geld doch der Hausbank übergeben, und die Gebühren und Kosten werden jedes Jahr diskret dem Vermögen entnommen.
Wem dieses Treiben zu bunt ist, wird selbst Hand anlegen müssen, und das schafft auch jeder Anleger im Alter von 70 Jahren. Er nimmt die 250.000 Euro und verteilt das Geld zu gleichen Teilen auf 50 Aktien. Das Konzept ist wirklich kein Hexenwerk und kostet nicht viel Geld. Mehr als 2500 Euro werden es bestimmt nicht sein, wenn die Geschäfte über die Hausbank abgewickelt werden, und wer den Umgang mit Computer und Internet beherrscht, kann die Kosten noch einmal gewaltig senken. Ob auf diese Weise aber die richtige Freude über das Leben aufkommt, ist eine andere Sache. Die ist mit Geld nicht zu kaufen.
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