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Die Vermögensfrage Disziplin ist in stürmischen Zeiten die größte Tugend

12.10.2008 ·  Gefühle sind in Krisenzeiten schlechte Ratgeber. Besser sind Strategie und Disziplin. Der nachhaltige Erfolg bei Geldanlagen hängt in erster Linie von der Beharrlichkeit der Investoren ab. Die Vermögensfrage.

Von Volker Looman
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Der nachhaltige Erfolg von Geldanlagen hängt von zwei Dingen ab. Das ist auf der einen Seite die Strategie, und das ist auf der anderen Seite die Disziplin. Von diesen Tugenden ist bei zahlreichen Anlegern im Moment freilich nicht viel zu spüren. Das heftige Erdbeben auf den Finanzmärkten hat private Anleger dermaßen in Angst und Schrecken versetzt, dass die meisten Vermögenspläne nur noch Schall und Rauch sind. Die Panik ist zwar nicht aufzuhalten, doch die Sorgen sind unnötig wie ein Kropf. Erstens gehören Krisen zum Alltag, und zweitens kommen Anleger, die ihr Vermögen streuen und ihren Prinzipien treu bleiben, nur selten unter die Räder. Umgekehrt bezahlen Investoren, die wie aufgescheuchte Hühner über den Hof rennen und ihre Pläne ständig über den Haufen werfen, viel Geld für diesen Wankelmut. Das wird zum Beispiel in folgendem Fall deutlich.

Ein Anleger ist 70 Jahre alt, und seine Frau ist 65 Jahre jung. Die beiden Senioren sind seit 40 Jahren verheiratet und haben sich im Laufe ihres Lebens ein stattliches Vermögen aufgebaut. Das Ehepaar wohnt in einem schuldenfreien Eigenheim, das etwa 400.000 Euro wert ist. Die monatlichen Pensionen und Renten summieren sich auf 5000 Euro. Im Depot liegen Anleihen im Wert von 300.000 Euro und Aktien von 600.000 Euro. Zudem sind noch drei Schiffsbeteiligungen vorhanden, die jährlich 15.000 Euro abwerfen.

Fehler bei der Aufstellung des Vermögens

Das Vermögen sollte Anlass sein, um den Lebensabend in vollen Zügen zu genießen. Davon sind die beiden Anleger im Moment aber weit entfernt. Sie machen sich große Sorgen über die Wertpapiere und haben das Gefühl, in Kürze zu verarmen. Das ist bei nüchterner Betrachtung der Lage zwar grober Unfug, doch wie können die Anleger ihre Angst bekämpfen? Wie sollen sie sich gegen die täglichen Schreckensmeldungen über sinkende Börsenkurse und zusammenbrechende Banken zur Wehr setzen? Die Antwort ist einfach, doch die Umsetzung ist schwierig. Die Anleger sollten Bilanz ziehen, wie viel Geld sie besitzen, und eine Strategie entwickeln, wie das Kapital anzulegen ist. Sie sollten den Plan mit stoischer Gelassenheit umsetzen und weniger in den Fernseher und die Zeitung schauen, weil Nachrichten im Übermaß das Leben erheblich verkürzen können.

Der größte Fehler, der bei der Aufstellung des Vermögens gemacht wird, ist die fehlende Kapitalisierung der Pensionen und Renten. Der Mann ist 70 Jahre alt und wird, wenn die aktuellen Sterbetafeln stimmen, noch mindestens 15 Jahre leben. Allein die Multiplikation von 180 Monaten mal 5000 Euro zeigt, dass die Schwerenöter viel Geld besitzen. Nur spüren die Senioren den Reichtum nicht, weil nirgendwo 900.000 Euro herumliegen. Trotzdem stellen die hohen Bezüge ein Vermögen von 681.000 Euro dar, wenn die einzelnen Zahlungen mit jeweils 4 Prozent abgezinst werden, und dieser Betrag gehört, auch wenn sich die Anleger dagegen sträuben, in die Privatbilanz, weil sonst jede Strukturierung auf falschen Werten aufbaut.

Vermutlich ist der Barwert der Renten sogar noch höher, weil die Frau jünger ist und eine Lebenserwartung von mindestens 20 Jahren hat. Sie hat Anspruch auf Witwenrenten von 60 Prozent ihres Mannes, so dass sich die Schuldner darauf einstellen müssen, zunächst 180 Monate lang 5000 Euro und danach 60 Monate lang 3000 Euro bezahlen zu müssen. Das führt bei einem Zinssatz von 4 Prozent zu einem Rentenbarwert von 772.000 Euro.

Der Lebensabend ist gesichert

In enger Verbindung zum Rentenbarwert steht der Gegenwartswert des Konsums. Das sind die abgezinsten Ausgaben fürs tägliche Leben. Dazu gehören in erster Linie die Aufwendungen für Auto, Ernährung, Haus, Kleidung, Urlaub und Versicherungen. Sie summieren sich im vorliegenden Beispiel auf 4000 Euro im Monat. Wenn einer der beiden Ehepartner stirbt, werden die Ausgaben auf schätzungsweise 2500 Euro sinken. Das führt in Anlehnung an die Rentenrechnung zu 240 Ausgaben von jeweils 4000 Euro und zu 60 Raten jeweils 2500 Euro, so dass unter dem Strich ein Barwert von 621.000 Euro herauskommt.

Das ist ein angenehmes Ergebnis. Wenn die Senioren in ihrer Unruhe nicht auf dumme Gedanken kommen und zum Beispiel in die Spielbank gehen, sondern auf dem Boden der Tatsachen stehen bleiben, ist der Lebensabend unter finanziellen Aspekten gesichert. Das Ehepaar hat ein Dach über dem Kopf, und der Barwert der Renten ist um 151.000 Euro höher als der Kapitalwert des Konsums, so dass der Alltag im grünen Bereich verläuft. Damit könnten sich die Anleger mit der Frage beschäftigen, was aus den Anleihen, Aktien und Schiffen werden soll. Das ist aber der falsche Ansatz. Zuerst muss die vollständige Bilanz auf den Tisch, dann kann die Entscheidung getroffen werden, wie die Summe auf die verschiedenen Töpfe verteilt werden soll.

Eine Grundsatzfrage und keine Mode

Im vorliegenden Fall besteht das Vermögen aus fünf Posten. Rentenansprüche (772.000 Euro) plus Eigenheim (400.000 Euro) plus Anleihen (300.000 Euro) plus Aktien (600.000 Euro) plus Barwert der Schiffe (100.000 Euro) ergeben unter dem Strich einen Betrag von 2.172.000 Euro. Davon sind 1.036.000 Euro sicher für Haus und Hof anzulegen. Mit dem Rest kann in Theorie und Praxis gespielt werden, weil die Senioren in der luxuriösen Lage sind, über eine Million in den Sand setzen zu dürfen.

Die Aufteilung des Vermögens ist eine Grundsatzfrage und keine Mode. Das ist zwar eine Binsenweisheit, doch in der Praxis sind nur wenige Anleger bereit, in schriftlicher Form festzulegen, wie viel Geld in welchen Topf fließen soll. Stattdessen wird die Struktur bei Kaffee und Kuchen ausgewürfelt. Und die Aufteilung wird, das ist noch viel schlimmer, nach Gefühl und Wellenschlag verändert, frei nach dem Motto: Erlaubt ist, was beliebt. So kommen freilich nur wenige Anleger auf einen grünen Zweig, weil die Kosten der Umschichtung hoch sind und das Vermögen unter Berücksichtigung von Steuern und Inflation ins Minus rutscht.

Der kluge Anleger legt unabhängig von der Wetterlage fest, wie viel Geld in die einzelnen Töpfe fließt, er bleibt diesem Plan treu. Im vorliegenden Fall ist es zum Beispiel denkbar, dass das Ehepaar die Hälfte des Vermögens in Anleihen investiert und jeweils ein Viertel in Immobilien und Aktien anlegt. Das ist ein solide Mischung, bei der auf Dauer nicht viel anbrennen kann. Folglich sind 1.086.000 Euro in Anleihen und jeweils 543.000 Euro in Immobilien und Aktien zu stecken.

Den richtigen Zeitpunkt gibt es nicht

Die Umsetzung duldet keinen Aufschub, da der richtige Zeitpunkt nicht bestimmbar ist. Die Anleihen - bestehend aus Rentenansprüchen und Obligationen - müssen um 14.000 Euro aufgestockt werden. In offene Immobilienfonds sind 143.000 Euro anzulegen. Abgezogen wird das Kapital aus Aktien und Beteiligungen, weil deren Anteil zu hoch ist. Das kann Probleme bereiten. Wer in den vergangenen Monaten viel Geld an der Börse verloren hat, wird in der Regel kaum bereit sein, weitere Papiere abzustoßen. Wenn sich die Verluste noch in Grenzen halten, ist es denkbar, dass die Anleger nun in Panik alle Aktien über Nacht veräußern.

Gefühle sind in Krisenzeiten freilich schlechte Ratgeber. Besser sind Strategie und Disziplin. Vor allem die Beharrlichkeit, das Ziel trotz rauher See nicht aus den Augen zu verlieren, ist von unschätzbarem Wert. Jeder Segler schaut von Zeit zu Zeit auf den Kompass, ob der Kurs noch stimmt. Übertragen auf Geld und Kapital, heißt das, die Anlagen einmal im Jahr zu überprüfen und die Segel zu trimmen, wenn die Aufteilung nicht mehr stimmt. Das verlangt von Anlegern, die in den vergangenen Monaten viel Geld an der Börse verloren haben, den Verkauf von Anleihen und Immobilien und den Nachkauf von Aktien. Wohl dem, der die Disziplin besitzt, das Schiff - sprich den Anteil der Aktien - wieder auf Kurs zu bringen. Die meisten Leute werden mit hoher Wahrscheinlichkeit genau das Gegenteil tun und den Aktienrest in Festgeld umschichten.

Der Autor ist Finanzanalytiker in Reutlingen.

Quelle: F.A.Z.
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