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Die Vermögensfrage Die Vorsorge für den Ruhestand empfinden viele Anleger als lästig

11.11.2011 ·  In den letzten Jahren des Berufslebens bietet die Optimierung des Privatvermögens Chancen. Wichtig ist es, mit Realitätssinn an die Sache zu gehen.

Von Volker Looman
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© Kai

Die finanzielle Gestaltung des Ruhestands ist für zahlreiche Berufstätige ein schwieriges Thema. Wer im Alter von 55 oder 60 Jahren merkt, dass der Sommer vorbei ist, macht sich im Herbst verständlicherweise Gedanken über den Winter. Wie hoch wird die Rente ausfallen? Was soll mit den Anleihen und Aktien geschehen? Was wird aus den Lebensversicherungen? Was soll mit dem Eigenheim geschehen? Die Fragen klingen harmlos, doch wer Menschen in solchen Lebenslagen kennt, weiß auch um deren Nöte. Das Thema wird von Jahr zu Jahr vertagt. Irgendwann freilich ist Winter. Da helfen keine Vorsätze mehr. Dann zählt nur noch Kohle, hilfsweise Holz oder Öl. Dafür ist freilich - wie im folgenden Fall - gewisse Vorsorge nötig.

Ein freiberuflicher Arzt ist 55 Jahre alt. Er ist geschieden und hat zwei erwachsene Kinder. Nun lebt er mit einer Kollegin zusammen. Das Paar teilt zwar Bett und Tisch, doch beim Geld hört die Liebe auf. Da gehen beide Partner eigene Wege, und das dürfte bei Menschen dieses Alters tatsächlich auch die beste Lösung sein. Denn gemeinsame Geldanlagen führen in der Regel zu Ärger und Verdruss. Der Mann hat in den letzten Wochen für sich Kassensturz gemacht, und da ist einiges zusammengekommen.

Wie hoch wird die Versorgung sein?

Die Rente aus dem Versorgungswerk der Mediziner wird ab dem 65. Lebensjahr monatlich etwa 3000 Euro betragen. Die Rückkaufswerte seiner Kapitallebensversicherungen betragen 150.000 Euro. Das alte Mietshaus, das er vor Jahren von den Eltern geschenkt bekommen hat, ist ungefähr 500.000 Euro wert. Dann gibt es noch die Privatwohnung im Wert von 200.000 Euro. Sie steht die meiste Zeit leer, weil der Arzt bei seiner Freundin wohnt. Trotzdem sind Verkauf oder Vermietung kein Thema, weil sich der Mediziner die Wohnung für Rückzüge freihalten will, wenn im Haus der temperamentvollen Freundin mal wieder eine Tasse an der Wand landet. Die Anleihen und die Aktien, die bei der ärztlichen berufsständischen Bank liegen, summieren sich zurzeit auf ungefähr 400.000 Euro.

Die wenigen Zahlen führen zu vielen Fragen. Wie hoch ist das Vermögen? Wie hoch ist die Rente, wenn der Mann den Arztkittel heute an den Nagel hängt? Wie hoch wird die Versorgung sein, wenn er noch zehn Jahre arbeitet? Ist die Aufteilung des Vermögens sinnvoll? Gibt es Möglichkeiten für Verbesserungen? So einfach die Fragen klingen, so schwer sind die Antworten, weil guter Rat rar oder teuer ist. Steuerberater glänzen in der Regel durch würdevolles Schweigen, und Besuche in Banken können, wenn die Dinge schiefgehen, teurer als die Visiten im Casino sein. Folglich helfen nur gesunder Menschenverstand und die Einsicht, dass das Leben nur in Maßen planbar ist.

Die Frage nach der Höhe des Vermögens ist leicht zu beantworten. Der Laie wird 1.250 000 Euro ermitteln, falls die Versicherungen (150.000 Euro), die Immobilien (700.000 Euro) und das Depot (400.000 Euro) zusammengezählt werden. Der Fachmann wird freilich auf einen höheren Betrag - nämlich 1.550.000 Euro - kommen, weil die Rente von 3000 Euro einen Kapitalwert von 300.000 Euro darstellt, wenn sie vom 65. bis zum 85. Lebensjahr bezahlt werden wird. Das sieht nach viel Geld aus, doch bei genauem Hinsehen wird sich die Freude des Mediziners in Grenzen halten.

Die erste Rechnung geht von fünf Prämissen aus. Der Arzt hört am Ende des Jahres mit der Arbeit auf und wird 85 Jahre alt. Er legt das Kapital vor Steuern zu 3 Prozent und nach Abzug der Abgeltungsteuer zu 2,21 Prozent an. Die Inflation beträgt 3 Prozent pro Jahr. Die beiden Immobilien werden nicht verkauft. Dann kommt unter dem Strich eine Rente von 2128 Euro heraus. Davon sind die Krankenkasse, die tägliche Lebenshaltung und die leerstehende Wohnung zu bezahlen, so dass die Aussicht, sich 30 Jahre lang ein schönes Leben zu machen, gewissen materiellen Einschränkungen unterworfen sein dürfte.

Von der Bürde befreien

Bei diesen Perspektiven könnte der Mann die Brille wechseln. Er sollte das elterliche Haus verkaufen und das Kapital verzehren. Dann könnte die Rente auf 3379 Euro pro Monat steigen. Das ist zwar erfreulicher, aber die Praxis zeigt, dass nur wenige Leute in der Lage sind, elterliches Tafelsilber auch tatsächlich zu versilbern. Die Einstellung zu Geld und Moral ist in diesem Punkt zum Teil sehr fragwürdig. Die einzige Möglichkeit, sich von dieser Bürde zu befreien, sind rechtzeitige Gespräche mit den Eltern über Geld und Versorgung, weil sonst aus der Lust am Vermögen schnell eine Last wird.

Im vorliegenden Fall ist diese Möglichkeit verstrichen. Die Eltern des Arztes leben nicht mehr, und die Bereitschaft, die Immobilie zu verkaufen und das Geld zu verleben, ist im Augenblick nicht vorhanden. Daher neigt der Mann, von Hause aus Schwabe, weiter zu schaffen. Die Arbeit macht ihm zwar, das ist der wunde Punkt der Geschichte, überhaupt keinen Spaß mehr. Die überbordende Bürokratie und eine restriktive Gesundheitspolitik haben dem Mediziner jegliche Freude am Beruf verdorben. Im Angesicht der "kargen" Rente sieht der Arzt für sich im Moment keine Alternative.

Privatvermögen strukturieren

Der dritte Weg besteht aus sechs Teilen. Das Versorgungswerk läuft weiter, die Versicherungen werden bedient, das elterliche Haus wird vermietet, die eigene Wohnung steht leer, und das Depot wird verwaltet. Hinzu kommen weitere Sparraten, weil der Arzt nicht ganz schlecht verdient. Monatlich bleiben nach Abzug der üblichen Abgaben und Steuern etwa 6000 Euro übrig, so dass rund 2000 Euro auf die hohe Kante gelegt werden können.

Damit taucht scheinbar die Frage auf, wie die Sparraten angelegt werden sollen, doch in Wahrheit geht es um die Überlegung, wie das gesamte Privatvermögen strukturiert werden soll. Hier gibt es zwei Möglichkeiten. Der Arzt kann sich Gedanken machen, wie die Vermögensstruktur heute aussehen soll, und er kann sich überlegen, wie sich das Vermögen in zehn Jahren zusammensetzen soll. Es ist naheliegend, das heutige Vermögen zu nehmen, doch das ist heikel, weil noch 120 Sparraten hinzukommen werden. Folglich ist der Ansatz günstiger, sich durch den Kopf gehen zu lassen, wie sich das Zukunftsvermögen am Ende des Berufslebens auf Anleihen, Immobilien und Aktien verteilen soll. Das ist zwar für viele Anleger gewöhnungsbedürftig, aber es ist der bessere Weg.

Vorsichtige Anlage

Falls die Antwort zum Beispiel lautet, dass in zehn Jahren etwa 30 Prozent auf Anleihen, grob 50 Prozent auf Immobilien und rund 20 Prozent auf Aktien entfallen sollen, muss ein bisschen gerechnet werden. Die einzelnen Vermögenswerte müssen aufgezinst werden. Der Rentenanspruch wird zum Beispiel in zehn Jahren durch Einzahlungen und Zinsen ungefähr 544.000 Euro wert sein. Die Ablaufleistungen der Kapitalpolicen können wegen der Restprämien und Zinsen auf 350.000 Euro steigen. Das Haus und die Wohnung sollen ihre Werte behalten, so dass 700.000 Euro hinzukommen. Auch der Wert des Depots soll bei 400.000 Euro stehen bleiben, weil die Erträge im Augenblick in den Konsum fließen. Die geplanten Sparraten können bei vorsichtiger Anlage ein Zusatzvermögen von 275 000 Euro bescheren. Folglich wird das Vermögen in zehn Jahren schätzungsweise 2.269.000 Euro betragen.

Der Verteilungsschüssel führt zu drei Töpfen. In den Anleihen sollten 30 Prozent beziehungsweise 680.000 Euro liegen. Bei einem Zielwert von 50 Prozent für Immobilien sind im zweiten Topf rund 1.135.000 Euro notwendig. Und bei den Aktien sollten 20 Prozent oder 454.000 Euro vorhanden sein. Wenn diese Aufgabe erledigt ist, steht der Optimierung des Vermögens nicht mehr viel im Wege. Sie wird aus drei Schritten bestehen.

Die heikelste Baustelle

In dem Gefäß mit den Anleihen werden die Arztrente (544.000 Euro) und die Kapitalversicherungen (350.000 Euro) liegen, so dass der Topf überlaufen wird. Der Arzt muss 214.000 Euro abschöpfen. Die einfachste Lösung wird die Beitragsfreistellung der Kapitalversicherung sein. Das bedeutet in Zahlen, dass nur die heutigen Rückkaufswerte von 150.000 Euro bis zur Fälligkeit in zehn Jahren mit 3 Prozent aufgezinst werden. Die jährlichen Prämien von jeweils 12.000 Euro werden für andere Dinge verwendet. Auf diese Weise werden aus 150.000 Euro im Laufe der Zeit schätzungsweise 201.000 Euro. Damit wird der Topf zwar immer noch überlaufen, doch die Überschwemmung sinkt auf 149.000 Euro.

Die heikelste Baustelle sind die Immobilien. Notwendig sind 1.135.000 Euro. Vorhanden sind 700.000 Euro, so dass etwa 435.000 Euro fehlen. Hier bietet sich an, das bestehende Depot zu plündern und die 400.000 Euro in Immobilien umzuschichten. Das mag auf den ersten Blick einfach aussehen, doch bei genauem Hinsehen stellen sich Fragen über Fragen. Das aktuelle Immobilienvermögen besteht aus zwei Objekten, einem alten Mietshaus und einer "leeren" Wohnung. Wie werden sich die Werte entwickeln, wenn das alte Gemäuer beim Beginn des Ruhestandes zehn Jahre älter sein wird und die Wohnung weiter leer steht?

Taube Ohren

Soll der Arzt in das Portfolio eine weitere Immobilie integrieren oder lieber nicht? Wäre es nicht an der Zeit, das Fundament der Immobilien zu verbreitern? Sicherlich ist es wünschenswert, für die zusätzlichen 400.000 Euro nicht eine, sondern 100 oder 200 Objekte zu kaufen, doch das klappt bei diesem Betrag nicht. Oder geht es doch? Denkbar ist zum Beispiel, die 400 000 Euro in offene Immobilienfonds zu stecken, doch der Ratschlag stößt bei vielen Anlegern weiterhin auf taube Ohren.

Die offenen Immobilienfonds gelten als verbrannt, so dass viele Privatleute um diese Beteiligungen weiterhin einen großen Bogen machen. Es ist aber zweifelhaft, ob sich die Betroffenen mit dieser Haltung einen großen Gefallen tun. Natürlich ist es im vorliegenden Fall möglich, die notwendigen 400.000 Euro in zwei Wohnungen zu stecken. Es steht aber in den Sternen, ob der Verkauf der beiden Wohnungen zu gegebener Zeit reibungsloser und schneller als bei den offenen Immobilienfonds ablaufen wird. Damit sind und bleiben offenen Beteiligungen eine überlegenswerte Alternative.

Kurz vor Ladenschluss

Die letzte Aufgabe ist das Aktiendepot. Hier steht ein Zielwert von 454.000 Euro im Raum, und in dem Topf ist kein Cent enthalten. Damit ist klar, was mit den künftigen Sparraten geschieht. Sie werden in Aktien investiert. Hier bietet sich an, die geplanten 3000 Euro - die eingesparten Prämien der Versicherungen und die zusätzlichen Sparraten - zu gleichen Teilen auf drei Märkte zu verteilen: Amerika, Asien und Europa. Wenn der Arzt drei Indexfonds benutzt, kann bei der Umsetzung nicht viel anbrennen.

Indexfonds, auch ETF genannt, sind einfach, praktisch und preiswert. Wenn das Vorhaben aber mit Hilfe klassischer Investmentfonds umgesetzt wird, drohen aber Ausgabe-Aufschläge von bis zu 18.000 Euro. Hinzu kommen die Verwaltungsgebühren von jährlich 2 Prozent. Das muss kurz vor Ladenschluss wirklich nicht sein, wie Loriot sagen würde. Das ist nicht zweckmäßig, das geht auch anders. Börsengehandelte Indexfonds sind gerade für Privatleute erste Wahl, weil sie so kostengünstig sind.

Das Hauptproblem bei diesen Anlagen sind die Privatleute. Die einen Sparer sind gierig und vertreten die Meinung, mit Hilfe ihrer Nase oder des Spürsinns aktiver Verwalter den Markt schlagen zu können. Das mag in einzelnen Jahren möglich sind. Für einen Zeitraum von zehn Jahren wird die Rechnung aber nicht aufgehen, weil die Verwalter bei Ausgabeaufschlägen von 5 Prozent und Verwaltungskosten von 2 Prozent auf Dauer ein Ergebnis abliefern müssten, das 60 Prozent über dem Markt liegt!

Und die anderen Sparer greifen beim Kauf börsengehandelter Indexfonds in die falsche Kiste. Heute pfeifen die Spatzen von den Dächern, dass es bei diesen Anlagen zwei Typen gibt. Die "synthetischen" Papiere sind in Wahrheit keine Aktien, sondern Schuldverschreibungen von Banken. Falls das Institut kollabiert, und das soll in den letzten Jahren vorgekommen sein, ist das Geld der Anleger weg. Das sieht bei den "replizierenden" Indexfonds anders aus. Hier erwirbt der Anleger tatsächlich die Aktien, welche in den Indizes stecken, und die Papiere sind Sondervermögen, so dass die Anleger beim Zusammenbruch des Emittenten keinen Schaden erleiden. Damit sollten bei der Auswahl der "richtigen" Indexfonds alle Fragen beantwortet sein!

Der Autor ist Finanzanalytiker in Reutlingen.

Quelle: F.A.Z.
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