Die finanzielle Gestaltung des Ruhestandes ist für ältere Privatleute ein Thema mit vielen Fragezeichen. Wer im Alter von 55 oder 60 Jahren merkt, dass sich das Berufsleben dem Ende zuneigt, macht sich verständlicherweise Gedanken über den bevorstehenden Ruhestand. Wie hoch wird die Rente sein? Was soll mit den Anleihen und Aktien geschehen? Was wird aus den Lebensversicherungen? Was soll mit dem Eigenheim passieren? Die Fragen klingen harmlos, doch wer Menschen in solchen Lebenslagen kennt, weiß um deren Nöte. Das Thema wurde von Jahr zu Jahr vertagt. Nun aber ist Schicht im Schacht, wie es im Ruhrgebiet heißt. Jetzt sind gute Vorsätze nicht mehr viel wert, sondern es zählt nur noch die Kohle, um im Bild zu bleiben. Die Schwierigkeiten werden im folgenden Fall deutlich.
Ein freiberuflicher Wirtschaftsprüfer ist 55 Jahre alt. Er ist geschieden und hat zwei Kinder, die aus dem Haus sind. Heute lebt er mit einer Ärztin zusammen. Das Paar teilt Bett und Tisch, doch beim Geld gehen beide Partner eigene Wege, und das dürfte auch von Vorteil sein, weil gemeinsame Kassen in diesen Lebensphasen mehr Verdruss als Genuss bereiten. Der Mann hat in den letzten Wochen für sich Kassensturz gemacht, und da ist einiges zusammengekommen. Die Rente aus dem Versorgungswerk ab dem 65. Lebensjahr wird etwa 3000 Euro betragen, wenn keine weiteren Zuzahlungen geleistet werden. Die Rückkaufswerte der beiden Lebensversicherungen liegen bei etwa 200.000 Euro.
Das Leben ist nur in Maßen planbar
Das alte Elternhaus, das er vor einigen Monaten geerbt hat, dürfte bei einem Verkauf rund 250.000 Euro einbringen. Dann gibt es noch die Privatwohnung im Wert von ungefähr 150.000 Euro. Sie steht die meiste Zeit leer, weil der Freiberufler bei seiner Freundin wohnt. Trotzdem ist der Verkauf oder die Vermietung kein Thema, weil sich der Wirtschaftsprüfer die Wohnung für Rückzüge freihalten will, wenn im Haus der Freundin mal wieder dicke Luft herrscht. Die Anleihen und die Aktien, die bei der Hausbank liegen, summieren sich auf einen Wert von ungefähr 400.000 Euro.
Die wenigen Zahlen führen zu vielen Fragen. Wie hoch ist das Vermögen? Wie hoch ist die Rente, wenn der Mann den Beruf heute an den Nagel hängt? Wie hoch wird die Versorgung sein, wenn er noch zehn Jahre arbeitet? Ist die Aufteilung des Vermögens sinnvoll? Gibt es Ansätze für Verbesserungen? So einfach die Fragen klingen, so schwer sind die Antworten, weil guter Rat selten ist. Folglich helfen nur der gesunde Menschenverstand und die Einsicht, dass das Leben allen Unkenrufen zum Trotz nur in Maßen planbar ist.
Die Frage nach der Höhe des Vermögens ist leicht zu beantworten. Der Laie wird 1.000.000 Euro ermitteln, falls die Versicherungen (200.000 Euro), die Immobilien (400.000 Euro) und das Depot (400.000 Euro) zusammengezählt werden. Der Fachmann wird freilich auf 1.405.000 Euro kommen, weil die Rente von 3000 Euro einen Kapitalwert von 405.000 Euro darstellt, wenn sie vom 65. bis zum 85. Lebensjahr bezahlt und mit 3 Prozent auf die Gegenwart abgezinst wird. Das sieht nach einem großen Geldbetrag aus, doch bei genauem Hinsehen wird sich die Freude in Grenzen halten.
Aus der Lust am Vermögen wird schnell eine große Last
Die erste Rechnung geht von fünf Prämissen aus. Der Wirtschaftsprüfer hört am Ende des Jahres mit der Arbeit auf. Er wird 85 Jahre alt. Die beiden Immobilien werden nicht verkauft. Das restliche Kapital wird vor Steuern zu 3 Prozent und nach Steuern zu 2,2 Prozent angelegt. Die Inflation beträgt 3 Prozent pro Jahr. Das ergibt unter dem Strich eine Rente von etwa 2500 Euro. Hinzu könnten jeden Monat rund 800 Euro kommen, wenn das Elternhaus vermietet werden würde. Von der Summe sind die Immobilien, die Krankenkasse, die Lebenshaltung und die Urlaube zu bezahlen, so dass die Hoffnung, sich 30 Jahre lang einen schönen Lenz machen zu können, etwas verwegen ist.
Natürlich könnte der Wirtschaftsprüfer das elterliche Haus verkaufen und das Kapital verzehren. Dann könnte die Rente auf 3100 Euro pro Monat steigen. Das ist zwar erfreulicher, doch die Praxis zeigt, dass nur wenige Leute in der Lage sind, das elterliche Vermögen aufzubrauchen. Die Einstellung zu Geld und Moral ist in diesem Punkt heikel. Die einzige Möglichkeit, sich von der Bürde zu befreien, sind frühe Gespräche mit den Eltern über Geld und Versorgung, weil sonst aus der Lust am Vermögen schnell eine große Last werden kann.
Im vorliegenden Fall ist diese Möglichkeit verstrichen. Die Eltern des Wirtschaftsprüfers leben beide nicht mehr, und die Bereitschaft, die Immobilie zu verkaufen und das Geld zu verleben, ist im Augenblick nicht vorhanden. Daher will der Mann weiter arbeiten. Die Arbeit macht ihm zwar, das ist der wunde Punkt der Geschichte, nicht mehr viel Spaß, weil Bürokraten und Politiker dem Freiberufler jegliche Freude am Beruf verdorben haben. Im Angesicht der „kargen“ Rente sieht der Wirtschaftsprüfer aber keine Alternative.
Gewöhnungsbedürftig, aber der bessere Weg
Der dritte Weg besteht aus sechs Teilen. Das Versorgungswerk läuft weiter, die Versicherungen werden bedient, das elterliche Haus wird vermietet, die eigene Wohnung steht leer, und das Depot wird verwaltet. Hinzu kommen weitere Sparraten, weil der Wirtschaftsprüfer nicht schlecht verdient. Monatlich bleiben nach Abzug der Abgaben und Steuern etwa 6000 Euro übrig, so dass rund 2000 Euro auf die hohe Kante gelegt werden können.
Damit taucht die Frage auf, wie die Sparraten angelegt werden sollen, doch in Wahrheit geht es um die Überlegung, wie das ganze Privatvermögen strukturiert werden soll. Hier gibt es zwei Möglichkeiten. Der Wirtschaftsprüfer kann sich Gedanken machen, wie die Struktur heute aussehen soll, und er kann sich überlegen, wie sich das Vermögen in zehn Jahren zusammensetzen soll. Es liegt auf der Hand, das heutige Vermögen zu nehmen, doch das ist schwierig, weil noch 120 Sparraten à 2000 Euro hinzukommen werden. Folglich ist es günstiger, sich die Frage durch den Kopf gehen zu lassen, wie sich das Zukunftsvermögen am Ende des Berufslebens auf Anleihen, Immobilien und Aktien verteilen soll. Das ist zwar für viele Anleger gewöhnungsbedürftig, aber der bessere Weg.
Falls die Antwort zum Beispiel lautet, dass in zehn Jahren jeweils ein Drittel auf Anleihen, Immobilien und Aktien entfallen sollen, muss ein bisschen gerechnet werden, weil die Vermögenswerte aufzuzinsen sind. Der Barwert der Rente wird in zehn Jahren durch Einzahlungen und Zinsen auf 684.000 Euro klettern. Die Ablaufleistungen der Kapitalpolicen können wegen der Restprämien und Zinsen auf 381.000 Euro steigen. Das Haus und die Wohnung mögen ihren Wert behalten, so dass 400.000 Euro hinzukommen. Auch der Wert des Depots soll bei 400.000 Euro stehenbleiben, weil die Erträge in den Konsum fließen. Die zusätzlichen Sparraten werden ohne Zinsen weitere 240.000 Euro bescheren. Folglich wird in zehn Jahren ein Vermögen von 2.100.000 Euro zur Verfügung stehen. Der Verteilungsschlüssel führt zu drei Töpfen mit jeweils 700.000 Euro.
Fragen über Fragen
In dem Gefäß mit den Anleihen werden der Rentenanspruch (684.000 Euro) und die beiden Versicherungen (381.000 Euro) liegen, so dass der Topf überlaufen wird. Folglich sollte der Wirtschaftsprüfer etwa 365.000 Euro aus dem Topf herausnehmen. Die einfachste Lösung ist die Beitragsfreistellung der Policen. Das bedeutet in Zahlen, dass nur die Rückkaufswerte von 200.000 Euro bis zur Fälligkeit in zehn Jahren mit 3 Prozent aufgezinst werden. Die monatlichen Prämien von 800 Euro werden für andere Anlagen verwendet. Auf diese Weise werden aus 200.000 Euro im Laufe der Zeit voraussichtlich 269.000 Euro. Damit wird der Topf zwar immer noch überlaufen, doch eine Überschwemmung ist nicht zu verhindern, da es nicht möglich ist, Teilbeträge der Rückkaufswerte umzuschichten.
Die heikelste Baustelle sind die Immobilien. Notwendig wären auch hier 700.000 Euro. Vorhanden sind jedoch nur 400.000 Euro, so dass etwa 300.000 Euro fehlen. Hier böte sich an, aus dem bestehenden Depot die Anteile im Wert von 300.000 Euro in Immobilien umzuschichten. Das mag auf den ersten Blick einfach aussehen, doch bei genauem Hinsehen stellen sich Fragen über Fragen. Das heutige Immobilienvermögen besteht aus zwei Objekten, dem alten Elternhaus und der „leeren“ Wohnung. Wie werden sich die Werte entwickeln, wenn das alte Gemäuer beim Beginn des Ruhestandes zehn Jahre älter sein wird und die Wohnung weiter leerstehen wird?
Kann das Elternhaus nicht doch verkauft werden? Sollen in dieses Portfolio neue Immobilien integriert werden? Wäre es nicht an der Zeit, das Fundament der Liegenschaften zu verbreitern? Sicherlich ist es wünschenswert, zum Preis von rund 550.000 Euro, wenn die selbstgenutzte Wohnung behalten wird, nicht nur zwei oder drei, sondern 100 oder 200 Objekte zu kaufen, doch das klappt bei diesem Betrag nicht. Das geht nicht einmal mit Hilfe von Krediten. Oder geht es doch?
Der Verzicht auf Aktien wäre fatal
Denkbar ist zum Beispiel, die 550.000 Euro in offene Immobilienfonds anzulegen, doch der Ratschlag stößt bei vielen Anlegern weiter auf taube Ohren. Diese Anlagen gelten nach den vielen Schließungen und Auflösungen als verbrannt, so dass viele Privatleute um die Produkte einen großen Bogen machen. Es ist zweifelhaft, ob die sich Betroffenen mit dieser Haltung einen Gefallen tun. Natürlich ist es im vorliegenden Fall möglich, 550.000 Euro in zehn Altbauwohnungen anzulegen, am besten an der Nordsee gleich hinter dem Deich. Es steht aber in den Sternen, ob der Verkauf zu gegebener Zeit reibungsloser und schneller als bei den offenen Immobilienfonds ablaufen wird. Damit sind und bleiben offenen Beteiligungen eine überlegenswerte Alternative.
Die letzte Aufgabe ist das Aktiendepot. Hier steht ebenfalls ein Zielwert von 700.000 Euro im Raum, und in dem Topf sind, wenn die Aktien des Depots gehalten werden, erst 100.000 Euro vorhanden. Damit ist klar, was mit den künftigen Sparraten passieren sollte. Es ist ratsam, sie in Aktien zu investieren. Hier bietet sich an, die monatlichen 2800 Euro - die eingesparten Prämien der Versicherungen und die zusätzlichen Sparraten - zu gleichen Teilen auf drei Märkte zu verteilen: Amerika, Asien und Europa. Wenn der Wirtschaftsprüfer drei Indexfonds (ETF) benutzt, kann bei der Umsetzung nicht viel anbrennen.
Die Fonds sind einfach, praktisch und preiswert. Wenn das Vorhaben aber mit Hilfe klassischer Investmentfonds umgesetzt wird, drohen Ausgabe-Aufschläge von bis zu 22.000 Euro. Hinzu kommen die Verwaltungsgebühren von mindestens 1,5 Prozent pro Jahr. Das muss kurz vor Ladenschluss wirklich nicht sein, weil es schwer genug werden wird, die 700.000 Euro zu erreichen. Hierfür wäre eine jährliche Rendite von 9,4 Prozent nötig. Bei Gebühren von 5 Prozent pro Rate muss die jährliche Verzinsung auf 11,8 Prozent steigen. Das wird mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht klappen, weil der Verwalter jährliche Überrenditen von 26 Prozent erzielen müsste. Doch der Verzicht auf Aktien wäre fatal, weil es zu der Anlageform keine Alternativen gibt. Daher sind die börsengehandelten Indexfonds gerade für Privatleute erste Wahl, weil sie so kostengünstig sind.
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