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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 23.11.2012, 16:10 Uhr

Die Vermögensfrage Die Ruhestandsplanung fängt lange vor der Rente an

Anleger vernachlässigen oft ihr Privatvermögen. Die finanzielle Gestaltung des Ruhestandes wird von Jahr zu Jahr vertagt. Dadurch werden vielfältige Möglichkeiten der Optimierung vergeben.

© Kai „Manchmal habe ich das Gefühl, dass wir unser Geld etwas vernachlässigen...“

Die finanzielle Gestaltung des Ruhestandes ist für ältere Privatleute ein Thema mit vielen Fragezeichen. Wer im Alter von 55 oder 60 Jahren merkt, dass sich das Berufsleben dem Ende zuneigt, macht sich verständlicherweise Gedanken über den bevorstehenden Ruhestand. Wie hoch wird die Rente sein? Was soll mit den Anleihen und Aktien geschehen? Was wird aus den Lebensversicherungen? Was soll mit dem Eigenheim passieren? Die Fragen klingen harmlos, doch wer Menschen in solchen Lebenslagen kennt, weiß um deren Nöte. Das Thema wurde von Jahr zu Jahr vertagt. Nun aber ist Schicht im Schacht, wie es im Ruhrgebiet heißt. Jetzt sind gute Vorsätze nicht mehr viel wert, sondern es zählt nur noch die Kohle, um im Bild zu bleiben. Die Schwierigkeiten werden im folgenden Fall deutlich.

Ein freiberuflicher Wirtschaftsprüfer ist 55 Jahre alt. Er ist geschieden und hat zwei Kinder, die aus dem Haus sind. Heute lebt er mit einer Ärztin zusammen. Das Paar teilt Bett und Tisch, doch beim Geld gehen beide Partner eigene Wege, und das dürfte auch von Vorteil sein, weil gemeinsame Kassen in diesen Lebensphasen mehr Verdruss als Genuss bereiten. Der Mann hat in den letzten Wochen für sich Kassensturz gemacht, und da ist einiges zusammengekommen. Die Rente aus dem Versorgungswerk ab dem 65. Lebensjahr wird etwa 3000 Euro betragen, wenn keine weiteren Zuzahlungen geleistet werden. Die Rückkaufswerte der beiden Lebensversicherungen liegen bei etwa 200.000 Euro.

Das Leben ist nur in Maßen planbar

Das alte Elternhaus, das er vor einigen Monaten geerbt hat, dürfte bei einem Verkauf rund 250.000 Euro einbringen. Dann gibt es noch die Privatwohnung im Wert von ungefähr 150.000 Euro. Sie steht die meiste Zeit leer, weil der Freiberufler bei seiner Freundin wohnt. Trotzdem ist der Verkauf oder die Vermietung kein Thema, weil sich der Wirtschaftsprüfer die Wohnung für Rückzüge freihalten will, wenn im Haus der Freundin mal wieder dicke Luft herrscht. Die Anleihen und die Aktien, die bei der Hausbank liegen, summieren sich auf einen Wert von ungefähr 400.000 Euro.

Die wenigen Zahlen führen zu vielen Fragen. Wie hoch ist das Vermögen? Wie hoch ist die Rente, wenn der Mann den Beruf heute an den Nagel hängt? Wie hoch wird die Versorgung sein, wenn er noch zehn Jahre arbeitet? Ist die Aufteilung des Vermögens sinnvoll? Gibt es Ansätze für Verbesserungen? So einfach die Fragen klingen, so schwer sind die Antworten, weil guter Rat selten ist. Folglich helfen nur der gesunde Menschenverstand und die Einsicht, dass das Leben allen Unkenrufen zum Trotz nur in Maßen planbar ist.

Die Frage nach der Höhe des Vermögens ist leicht zu beantworten. Der Laie wird 1.000.000 Euro ermitteln, falls die Versicherungen (200.000 Euro), die Immobilien (400.000 Euro) und das Depot (400.000 Euro) zusammengezählt werden. Der Fachmann wird freilich auf 1.405.000 Euro kommen, weil die Rente von 3000 Euro einen Kapitalwert von 405.000 Euro darstellt, wenn sie vom 65. bis zum 85. Lebensjahr bezahlt und mit 3 Prozent auf die Gegenwart abgezinst wird. Das sieht nach einem großen Geldbetrag aus, doch bei genauem Hinsehen wird sich die Freude in Grenzen halten.

Aus der Lust am Vermögen wird schnell eine große Last

Die erste Rechnung geht von fünf Prämissen aus. Der Wirtschaftsprüfer hört am Ende des Jahres mit der Arbeit auf. Er wird 85 Jahre alt. Die beiden Immobilien werden nicht verkauft. Das restliche Kapital wird vor Steuern zu 3 Prozent und nach Steuern zu 2,2 Prozent angelegt. Die Inflation beträgt 3 Prozent pro Jahr. Das ergibt unter dem Strich eine Rente von etwa 2500 Euro. Hinzu könnten jeden Monat rund 800 Euro kommen, wenn das Elternhaus vermietet werden würde. Von der Summe sind die Immobilien, die Krankenkasse, die Lebenshaltung und die Urlaube zu bezahlen, so dass die Hoffnung, sich 30 Jahre lang einen schönen Lenz machen zu können, etwas verwegen ist.

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