Die heißbegehrte Million auf dem Konto, früher in Mark, heute in Euro, morgen in Talern, hat nichts von ihrer Anziehungskraft verloren. An jedem Wochenende träumen Millionen von Millionen, und die Menschen malen sich in ihrer Phantasie aus, wie schön es wohl sein muss, in so viel Geld zu schwimmen. Das reale Bad in diesem Wohlstand ist freilich eher lau. Wen das Glück zum Beispiel um den 45. Geburtstag herum trifft, hat laut der Sterbetafeln der deutschen Aktuare die erste Halbzeit des Lebens hinter sich, folglich weitere 45 Jahre vor sich. Die Anlage des Geldes auf einem klassischen Sparbuch beschert bei einem „Sonderzins“ von 1,5 Prozent pro Jahr und der Abgeltungssteuer von 26,375 Prozent eine monatliche Rente von 916 Euro, wenn das Kapital nicht angerührt wird.
Bei Angst vor Diebstahl oder Inflation ist der Verzehr des Vermögens ratsam. Wenn die Million im Laufe von 45 Jahren bis auf den letzten Cent aufgegessen wird, sind bei einem jährlichen Anlagezins von 1,5 Prozent nach Steuern monatliche Ausgaben von 2348 Euro möglich. Das sieht auf den ersten Blick nicht ganz schlecht aus, wie es im Schwäbischen heißt, doch in dem Wert steckt der fromme Wunsch, dass die Geldentwertung bis 2057 einfach Betriebsferien macht. Sollte die Inflation jedoch mit einem jährlichen Satz von 3 Prozent zuschlagen, sinkt die Rente auf 1203 Euro pro Monat. Wem das zu wenig ist, so lautet die lapidare Erkenntnis, der muss Anlagen mit höheren Erträgen suchen, doch das ist die verzweifelte Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen. Im Moment gibt es keine Anzeichen, dass sich an den Magerzinsen für sichere Anlagen in naher Zukunft viel ändern wird.
Es klappt einfach nicht, die Märkte zu schlagen
Die Frage nach der „richtigen“ Anlage des Geldes ist ein alter Hut, und es wird auch in tausend Jahren nur individuelle Antworten geben. Trotzdem gelten bestimmte Grundsätze. Zuerst ist die Entscheidung zu treffen, ob das Kapital erhalten oder verbraucht werden soll. Falls es verzehrt werden soll, stellt sich die Frage, in welchem Umfang. Es ist zum Beispiel denkbar, die ganze Million in gleichen Beträgen zu verzehren. Genauso ist es aber auch eine Überlegung wert, mit hohen Entnahmen zu beginnen und die Renten von Jahrzehnt zu Jahrzehnt zu senken in der Hoffnung, dass der Mensch im Alter bescheidener wird. So schön der Ansatz in der Theorie ist, so heikel ist die Umsetzung in die Praxis, weil die Angst vor der Verarmung im Alter zunimmt, und da sind Renten, die sinken, nicht gerade die ideale Therapie.
Der zweite Schritt ist die Aufteilung des Vermögens. Sie ist wichtiger als die Auswahl einzelner Produkte, doch das sehen die meisten Privatleute ganz anders. Sie treffen die Entscheidung über die Aufteilung des Geldes in der Regel zwischen Tür und Angel, und sie werfen das Konzept jedes Jahr über den Haufen. Hilfreich wäre jedoch die Disziplin, die Aufteilung nach Möglichkeit nicht zu ändern. Bei ihrer Jagd nach vermeintlichen „Superzinsen“ werden die Anleger von Banken und Vermögensverwaltern nach Kräften unterstützt. So verständlich die Jagd nach höheren Erträgen ist, so gering ist freilich die Aussicht, dass die Träume in Erfüllung gehen. Viel höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Banken und Vermögensverwalter bei diesem Spiel gewinnen, weil jede Umschichtung bares Geld in deren Kassen spült.
Im dritten Schritt geht es um die konkrete Investition, und hier sollte die Erkenntnis beherzigt werden, dass die Kapitalmärkte auf Dauer stärker sind als die Anleger. Das heißt im Klartext, dass sich Anleger anstrengen können, wie sie wollen. Sie werden bei Aktien und Anleihen auf Dauer keine höheren Renditen als ihre Märkte erzielen. Der Traum von der „Überrendite“ oder „Outperformance“ ist eine Schnapsidee, die nicht auszurotten ist. Natürlich schaffen es viele Verwalter, in einzelnen Jahren besser als ihre Märkte abzuschneiden, doch die Aussichten sind trübe, die Überrenditen auf Dauer zu erzielen. Wer sich einmal die Mühe macht, die Ergebnisse über einen Zeitraum von 15 oder 20 Jahren zu betrachten, wird schnell die Flinte ins Korn werfen. Es klappt einfach nicht, die Märkte zu schlagen, und aus diesem Grund ist es sinnvoll und zweckmäßig, auf die aktive Vermögensverwaltung zu verzichten.
Verbrauch des Kapitals trotz der vielen Nullen
Die Aussage wird durch den Blick auf die Gebühren und Kosten bekräftigt. Die Bereitschaft privater Anleger, sich nicht nur über die Risiken, sondern auch die „Nebenwirkungen“ der in Frage kommenden Finanzprodukte zu informieren, hält sich in Grenzen. Die Anbieter erfüllen zwar die gesetzliche Auflage, über einmalige und laufende Kosten zu informieren, doch die Anleger verspüren in der Regel wenig Lust, die dicken Broschüren und Dokumentationen zu lesen. So ist es kein Wunder, dass jeden Tag viel Geld in die Taschen von Banken, Bausparkassen, Investmentgesellschaften und Versicherungen fließt.
Die Hinweise zeigen in aller Deutlichkeit, dass die Anlage einer Million viel Zeit braucht. Wer die Mühe nicht scheut, hat trotz der Finanzkrisen der letzten Jahre gewisse Chancen. Nur wachsen die Bäume nicht in den Himmel, wie in folgendem Beispiel deutlich wird. Ein Anleger ist 45 Jahre und hat nach einer Erbschaft eine Million auf dem Konto. Das verleitet ihn zu der Überlegung, wann er sich zur Ruhe setzen kann. Wenn das Geld wie beim Lotto-Millionär nach Steuern zu 1,5 Prozent angelegt wird und erhalten werden soll, kommt unter dem Strich bis zum Ende des Lebens eine Monatsrente von 469 Euro heraus, die jedes Jahr um 3 Prozent steigt. Das reicht in der Regel nicht einmal für Miete, Brot und Wasser, so dass die Million nicht zu halten sein wird. Der Verzehr der Million beschert bei jährlichen Zinsen von 1,5 Prozent und Inflationsraten von 2 bis 3 Prozent eben nicht mehr als 1203 bis 1524 Euro.
Die wenigen Zahlen zeigen in aller Deutlichkeit, dass eine Million bei langer Laufzeit und „vorsichtiger“ Anlage gar nicht so viel Geld ist. Folglich wird das Kapital trotz der vielen Nullen im Laufe der Zeit verbraucht werden, wenn die Rückflüsse die einzige Rente sind. Die erste Alternative zum Festgeld kann die gleiche Verteilung auf Anleihen und Aktien sein. 500.000 Euro in Anleihen und 500.000 Euro in Aktien führen bei jährlichen Renditen von 2,5 und 5 Prozent nach Steuern zu monatlichen Renten von insgesamt 2010 Euro, die jedes Jahr um 2,5 Prozent steigen. Das ist im Vergleich zu der Ausgangslösung ein ordentliches Plus.
Jede Beteiligung ist bei nüchterner Analyse eine Aktie
Die Aufteilung bietet freilich keine Gewähr, dass die Rechnung aufgehen wird. Doch bei langer Anlagedauer darf der Blick nicht nur auf Sicherheit, Steuern und Inflation, sondern auch auf die Chancen gerichtet werden, an der Börse ordentlich Geld zu verdienen. Dabei wird besser auf fremde Hilfe verzichtet. Verwalter fordern in der Regel eine laufende Gebühr von 1 bis 2 Prozent. Das geht auf Dauer mächtig ins Geld. Im vorliegenden Fall reduzieren jährliche Gebühren von 1 Prozent die Monatsrenten um 300 Euro, so dass im Laufe von 45 Jahren rund 162.000 Euro anfallen.
Die besten Voraussetzungen, um solche Beträge zu vermeiden, bieten kostengünstige Investmentfonds und Rentenpolicen. Erstens sind die Gebühren niedrig, und das Vermögen wird auf viele Titel verteilt. Es ist denkbar, die Anleihen auf Staatsanleihen und Rentenpolicen und die Aktien auf Standardtitel und Beteiligungen zu verteilen, so dass das Vermögen aus vier Paketen besteht. Die Versicherung ist die Grundversorgung, weil die Bezüge bis zum Lebensende bezahlt werden. Außerdem fallen bei dieser Lösung wegen der günstigen Besteuerung kaum Abgaben an. Auch bei den Beteiligungen besteht die Perspektive, dass die Rückflüsse keinen Abzügen unterliegen. Auf diese Weise können die Startrenten auf 2243 Euro pro Monat klettern, weil die Rendite des Quartetts nach Steuern auf 3,3 Prozent steigt.
Knackpunkt dieses Ansatzes sind freilich die Beteiligungen. Sie bieten auf der einen Seite die Chance, sich von den Berg- und-Tal-Fahrten der Kapitalmärkte abzukoppeln, doch auf der anderen Seite stellt sich bei einem Betrag von 250.000 Euro die Frage, wie das Kapital investiert werden soll. Jede Beteiligung ist bei nüchterner Analyse eine Aktie, so dass die Devise nur lauten kann, so viele Beteiligungen wie möglich zu kaufen. Doch je niedriger die Beträge werden, desto höher ist die Gefahr, dass die Anleger von den Kosten erschlagen werden. Da helfen auch die Private-Equity-Fonds nicht, weil die Kosten dermaßen ins Kraut schießen, dass für die Anleger nur Brotkrumen übrigbleiben.
Bei der Verrentung muss der Anleger selbst Hand anlegen
In dieser Lebenslage hilft nur die Flucht in Indexfonds. Im vorliegenden Fall ist es zum Beispiel überlegenswert, die Rentenversicherung wieder aus dem Boot zu kippen und stattdessen Unternehmensanleihen und Immobilien an Bord zu holen. Dadurch steigt die Verzinsung zwar nur um wenige Basispunkte, doch viel wichtiger ist die Aussicht, dass die Gefahren sinken und die Flexibilität steigt. Hier wird das Vermögen zu gleichen Teilen auf fünf Töpfe verteilt. Je 20 Prozent werden in Staatspapiere, Unternehmensanleihen, Immobilienfonds, Standardaktien und Beteiligungen investiert. Wer noch breiter anlegen will, macht mit Rohstoffen, zu denen auch Gold zählt, den sechsten Topf auf.
Bei den Anleihen und Aktien gibt es Indexfonds in Hülle und Fülle. Sie kosten beim Kauf bei einer Direktbank höchstens 0,5 Prozent der Anlagesumme, und die jährlichen Gebühren bewegen sich zwischen 0,1 und 0,3 Prozent des Vermögens. Erfreulich ist die Tatsache, dass es inzwischen auch Indexfonds für Beteiligungen gibt. Wer die Provisionen scheut, die in den Schiffsbeteiligungen, Solarfonds und Windkraftanlagen enthalten sind, sollte einen Blick auf die öffentliche Infrastruktur wie Kläranlagen, Straßen und Wasserwerke werfen.
Beim Erwerb offener Immobilienfonds besteht nach wie vor das Problem der hohen Ausgabeaufschläge. Sie betragen vielfach 4 und 5 Prozent, so dass die Rentabilität auch bei einer Anlagedauer von zehn Jahren gewaltig sinkt. Hier gibt es nur zwei Auswege. Entweder versucht der Anleger, die Kosten durch den Kauf über Direktanlagebanken oder Internetbroker zu senken, oder er setzt auf die Indexfonds der Immobilienwirtschaft. Bei dem zweiten Weg wird zwar nicht mehr in Büros und Gewerbebauten, sondern in Unternehmen der Immobilienwirtschaft investiert, doch solange die Ausgabeaufschläge nicht zu vermeiden sind, sollte der Einstieg in offene Immobilienfonds gut überlegt sein.
Bei der Verrentung des Kapitals, muss der Anleger - unabhängig von der Entscheidung, welche Mischung gewählt wird - in der Regel selbst Hand anlegen. Das ist aber in der Praxis kein Problem. Der Investor steckt in jeden Topf einmalig 200.000 Euro und legt sämtliche Rückflüsse grundsätzlich im selben Topf wieder an. Unabhängig davon wird aus den einzelnen Töpfen jedes Jahr so viel Geld entnommen, dass die Kassen am Lebensende leer sind. Die meisten Anleger werden die Entnahmen zwar so kalkulieren, dass am „Schluss“ noch eine Reserve übrig ist, doch der vollständige Erhalt der Million über 45 Jahren ist zu viel des Guten. Dafür sind der Betrag zu niedrig und ist das Leben zu schön!
Der US$-Millionär von 1970 ist auch nicht mehr der von heute
Martin Enzinger (FlorianGeyer)
- 16.09.2012, 21:39 Uhr
Die Zeite aendern sich schnell
Egon Weissmann (EgonOne)
- 16.09.2012, 15:57 Uhr
Gratuliere
Frank Thiele (Frank_Thiele)
- 16.09.2012, 14:36 Uhr
Ich sehe das nicht so. Warren Buffet übrigens auch nicht.
Eigentlich ist es so einfach.
Walther Schmidt (silitoe)
- 16.09.2012, 02:50 Uhr