07.05.2011 · Fleiß und Sparsamkeit sind auf dem langen Weg zu finanziellem Wohlstand die besten Begleiter. Anleger sollten nicht auf „heiße“ Geldtipps warten, sondern jeden Monat mindestens 10 Prozent ihres Nettoeinkommens auf die hohe Kante legen.
Von Volker LoomanDer Traum vom finanziellen Wohlstand ist uralt. Das gilt besonders für die erste Million. Die Eins mit den sechs Nullen zieht viele Menschen magisch in ihren Bann. In Amerika hat sich in den letzten Jahrzehnten eine regelrechte Industrie entwickelt, die den Traum von Geld und Wohlstand in vielen Facetten verkauft. Längst ist die Welle nach Europa geschwappt. In Buchhandlungen weisen Bücherstapel die Richtung zum Reichtum ohne Stress, im Fernsehen fiebern Millionen, wer Millionär wird, und in Seminaren verkünden Geldapostel, ein 500-Euro-Schein in der Hosentasche sei der beste Begleiter auf dem Weg zum Wohlstand, weil er den Besitzer schon mal an große Summen gewöhne.
Dieser Hokuspokus ist fragwürdig und erinnert an den Tanz um das goldene Kalb: Geld, Geld und noch einmal Geld. Im Mittelpunkt stehen Parolen und Unterhaltung: Reichtum sei ein Grundrecht des Menschen, Wohlstand sei eine Frage der Einstellung, und richtige Geldanlagen würfen Renditen von mindestens 10 Prozent pro Jahr ab, so dass jeder Investor mit wenigen Kniffen ein Millionenvermögen aufbauen könne. Die Welt der „Lifestyle-Gurus“ und „Money Coaches“ ist einfach, die Sprüche sind platt, doch es besteht die Gefahr, dass viele Menschen enttäuscht auf der Strecke bleiben, weil der Weg zum Wohlstand eben doch nicht so einfach ist.
Einsicht in der Vorbereitung
Die Situation ist heikel. Auf der einen Seite ist es ohne Zweifel richtig, dass Wohlstand viel mit der Einstellung zu Geld zu tun hat. Auf der anderen Seite werden in Menschen, wenn die Sache zu einfach dargestellt wird, aber Sehnsüchte geweckt, die in dieser Form nicht erfüllbar sind. Vor allem junge Leute sind für solche Visionen schnell zu begeistern, doch die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass die Träume wie Seifenblasen platzen und Enttäuschung und Verbitterung auslösen. Wohlstand entsteht nicht durch ein paar Handgriffe, und meistens kommt er auch nicht in Windeseile. Der Weg zum Wohlstand ist in der Regel eine lange Reise. Sie erfordert viel Einsicht bei der Vorbereitung und große Selbstdisziplin bei der Umsetzung. Wohlstand entsteht durch Arbeit und Sparsamkeit. Reichtum gedeiht auf anderem Boden.
Die Arbeitskraft ist für die meisten Menschen das mit Abstand größte Kapital. Bei Arbeitslosigkeit, Invalidität, Krankheit und Tod können Versicherungen einspringen und Geld zahlen. Gegen „sinnlose“ Arbeit ist aber kein Kraut gewachsen. Daher sollte die Arbeitskraft wie ein kostbarer Schatz gehütet und gepflegt werden, weil sie in Verbindung mit Sparsamkeit die Basis des Wohlstandes bildet. Die Grundlage „ertragreicher“ Arbeit ist nicht ein „toller“ Job, wie viele Menschen meinen, sondern die Begeisterung für bestimmte Dinge und die Ausdauer, die Arbeit auch in schwierigen Zeiten ohne Murren zu erledigen.
Aus diesem Grund kommt es schon bei der Wahl des Berufes darauf an, nicht Dinge zu tun, die eine Mode sind, sondern Sachen anzupacken, für die Leidenschaft vorhanden ist. Es ist wichtig, individuelle Neigungen zu erkennen, sich auf diese Fähigkeiten zu konzentrieren und zu versuchen, die Stärken zum Nutzen anderer Leute einzusetzen. Das hört sich einfach an, ist aber in der Praxis für viele Menschen nur schwer umsetzbar.
Die Betriebswirtschaft zum Beispiel ist seit Jahren ein wahres Modefach. Tausende von Studenten finden das Fach interessant, aber bei näherem Hinsehen fehlt jede Begeisterung. Die Folgen sind fatal. Die meisten Betriebswirte und Kaufleute sind austauschbar. Sie treten sich gegenseitig auf die Füße, ruinieren die Preise und machen sich das Leben schwer. Der Weg zu „konkurrenzlosen“ Spitzenleistungen sieht anders aus. Hier geht es um Profil statt Gesichtslosigkeit, Individualität statt Anpassung und Klasse statt Masse. Der erste Schritt ist die Besinnung auf individuelle Stärken. Was kann der einzelne Mensch besonders gut? Dann folgt die Konzentration auf eine Tätigkeit, die viel Erfolg verspricht. Der dritte Baustein ist die Suche nach Menschen, welche diese Stärke als Lösung eines brennenden Problems empfinden.
Finanzieller Wohlstand als zwangsläufige Folge
Auf dieser Spirale entwickelt sich im Laufe der Zeit ein unverwechselbares Profil, das nicht mehr Controlling, Marketing, Steuerberatung oder Wirtschaftsprüfung, sondern zum Beispiel fundierte Beratung bei der Gestaltung der Altersvorsorge heißt. Der Rest ergibt sich von selbst, denn die Konzentration auf Nischen ist in der Regel so ertragreich, dass finanzieller Wohlstand eine zwangsläufige Folge ist.
Wenn das geistige Fundament und der materielle Überbau stimmen, kann der Traum von einem kleinen Vermögen durchaus Realität werden. Entscheidend ist aber nicht der Traum von der schnellen Mark, sondern die Einsicht, dass kleine Schritte auf lange Sicht die größte Aussicht auf Erfolg haben. Aus diesem Grund geht es weniger um den heißen Börsentipp, sondern um die Bereitschaft, von jedem Euro, der verdient worden ist, einen gewissen Teil zur Seite zu legen. Der Aufruf zum Sparen löst allerdings bei vielen Leuten, sowohl bei Junioren als auch bei Senioren, großes Kopfschütteln aus, und die Liste der Ausflüchte, warum es gerade im Augenblick „total“ unmöglich sei, mit dem Sparen anzufangen, scheint endlos zu sein.
Die ersten Leute denken, sie verdienten „später“ so viel Geld, dass es nicht nötig sei, schon jetzt den Gürtel enger zu schnallen. Die zweite Gruppe will ein flottes Leben führen. Da ist Sparen lästige Einschränkung. Aus diesem Grund wird die Zukunft völlig ausgeblendet. Die dritten Anleger sind bei ihrem Versuch, das Sparschwein zu mästen, schon mehrfach auf die Nase gefallen, und leben in dem Glauben, ihre Gewohnheiten nicht ändern zu können. Die Fatalisten kommen mit dem Hinweis, dass Magerzinsen, Steuern und Inflation jeden Vermögensaufbau zerstören. Das ist freilich nicht richtig. Vermögensaufbau durch Sparen klappt schon, nur der Vermögensausbau durch Zins und Zinseszinsen ist in der Regel zum Scheitern verurteilt.
Sparen kann kleine Wunder bewirken
Die schlechteste Lösung sind Fatalismus und Resignation. Die Losung heißt Arbeiten, Leben und Sparen. Dazu gibt es allen Unkenrufen zum Trotz keine Alternative. Es hat immer Menschen gegeben, die es geschafft haben, einen Teil ihres Einkommens auf die hohe Kante zu legen. Bei genauer Analyse zeigt sich, dass diese Anleger ein denkbar einfaches Rezept haben. Sie zweigen 10 Prozent ihrer Einkünfte ab, wobei es keine Rolle spielt, wie hoch die Einnahmen sind. 10 Prozent sind 10 Prozent. Die Beträge werden, sobald sie auf dem Girokonto eingegangen ist, umgehend auf ein Sparkonto gebucht. Das tut vielleicht am Anfang weh, doch der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Er gewöhnt sich an Gehaltskürzungen von 10 Prozent. Genauso sind Gehaltserhöhungen nach einigen Monaten nichts Besonderes mehr. Warum sollte es also nicht möglich sein, regelmäßig 10 Prozent des Nettogehalts auf die Seite zu legen?
Frühes und regelmäßiges Sparen kann kleine Wunder bewirken. Bei monatlichen Sparraten von beispielsweise 250 Euro kommen, im Laufe von 40 Jahren, so lange dauert in der Regel ein Berufsleben, insgesamt 290.000 Euro zusammen, wenn die Sache mit jährlich 5 Prozent verzinst wird. Das ist natürlich keine Million, aber muss es unbedingt diese Million sein? Müssen es um jeden Preis jährlich 10 Prozent sein? Gier und Träume sind nicht gerade die besten Begleiter zum Wohlstand, doch wenn es innerhalb von 40 Jahren unbedingt eine Million sein muss, müssen schwere Geschütze aufgefahren werden. Die erste Möglichkeit sind monatliche Sparraten von 861 Euro. Die zweite Möglichkeit sind Anfangsraten von 250 Euro mit jährlicher Steigerung um 7 Prozent. Die dritte Möglichkeit sind Zinsen von 9 Prozent pro Jahr. Wenn diese Lösungen nicht greifen, bieten sich nur noch anständige Heirat und stattliche Erbschaft an, und wenn das auch nicht klappt, bleiben dem Sparer nur noch der Abstieg aus dem Wolkenkuckkucksheim und die Rückkehr auf den Boden der Tatsachen.
Eigenkapital als Grundlage vieler Investitionen
Das Sparziel muss nicht die anonyme Million sein, von der so viele Menschen träumen. Es gibt im Leben viele Dinge, für die sich das Sparen lohnt. Das können zum Beispiel in naher Zukunft ein neues Auto oder das schönere Wohnzimmer sein. Genauso ist es denkbar, monatlich Geld auf die Seite zu legen, um damit in einigen Jahren den Start in die Selbständigkeit zu wagen. Die mit Abstand größten Ziele heißen Eigenheim oder Altersvorsorge. In allen Fällen ist Geld gefragt, und in einigen Situationen ist so viel Kapital notwendig, dass es ohne Kredite nicht geht. Das ist kein Beinbruch, weil Existenzgründung und Eigenheim in der Regel nicht bar zu bezahlen sind. Trotzdem ist ein gewisses Maß an Eigenkapital die Grundlage vieler Investitionen, und den Wert von Rücklagen wissen Anleger spätestens in dem Augenblick zu schätzen, in dem sie bei Banken um Kredite bitten.
Die Frage, welcher Sparvertrag in welcher Situation am besten ist, hängt vom individuellen Ziel und von der Risikobereitschaft des Anlegers ab. Allgemein gilt die Formel: Je weiter das Ziel in der Ferne liegt, desto größer können die Risiken sein, doch je kürzer die Sparzeit ist, desto sicherer sollten die Geldanlagen sein, weil einfach nicht mehr genügend Zeit bleibt, um Rückschläge oder Scharten auszuwetzen. Genauso sieht die Rechnung beim Eigenheim aus. Auf den ersten Blick drängt sich die Frage auf, wie die optimale Geldanlage bis zum Umzug aussieht, doch das ist nicht ganz richtig. Hier hört das Sparen mit dem Einzug ins Eigenheim nicht auf, sondern dauert bis zur Tilgung des letzten Kredits. Das heißt bei nüchterner Betrachtung, dass der Anleger in zwei Etappen spart. Zunächst legt er das Geld zu 2 bis 3 Prozent an. Daraus wird nach der Kreditaufnahme ein „umgedrehter“ Sparvertrag mit einer Rendite von 4 bis 5 Prozent, weil der Anleger durch die laufende Tilgung entsprechend Sollzinsen spart.
„Häuslebauer“ setzen auf Sicherheit
Das Sparen und die Tilgung dauern in der Regel mindestens 30 Jahre, so dass vieles für Aktien spricht, weil die Aussicht besteht, mit Aktien mehr als 2,5 oder 4,5 Prozent zu verdienen. Da liegt die Überlegung auf der Hand, die 300.000 oder 350.000 Euro, welche das Haus in zehn Jahren kosten wird, als Sparziel zu definieren, das in 30 Jahren erreicht wird. In zehn Jahren wird das Aktiendepot als Eigenkapital an die Bank verpfändet. Sie gibt im Gegenzug ein Darlehen, bei dem nur Zinsen anfallen. Der Kredit wird am Ende der Laufzeit mit Hilfe des Aktiendepots getilgt.
Trotz der theoretischen Vorteile hat sich das Modell in Deutschland in der Vergangenheit nicht durchgesetzt, und es ist auch in Zukunft nicht damit zu rechnen, dass es viele Anhänger finden wird. Die meisten Eigenheimer setzen auf Sicherheit. Erst Schein auf Schein, dann Stein auf Stein, schließlich wieder Schein auf Schein. Sie sparen Geld an, nehmen die fehlende Summe als Kredit auf und tilgen die Verbindlichkeiten auf direktem Weg. Vor diesem Hintergrund sind Aktien „gefährliche“ Anlagen, weil die Sparzeit in der Regel nur wenige Jahre umfasst. Hier sind Bausparverträge und Pfandbriefe, vorzugsweise Rentenfonds, bewährte Klassiker, weil bei diesen Zinsgeschäften das Risiko, vom Weg abzukommen, verhältnismäßig gering ist.
Die Domäne der Aktien ist die private Altersvorsorge, wenn die Anleger früh anfangen, regelmäßig Geld in „sichere“ Aktienfonds zu investieren. Hier bieten sich Indexfonds an. Bei dieser Geldanlage machen sich die Investoren gar keine Mühe, „heiße“ Aktien oder den „besten“ Vermögensverwalter zu suchen, weil sie wissen, dass auf lange Sicht nur wenige Fondsmanager und Vermögensverwalter besser als der Markt sind. Daher kaufen diese Investoren lieber Märkte. Sie legen ihr Geld in Indizes wie den Euro Stoxx 50 oder den S&P-500 an und schwimmen auf diese Weise im breiten Strom mit. In Amerika sind die Indexfonds ein Renner, weil sie einfach und kostengünstig sind, doch die Deutschen gehen lieber eigene Wege. Der Traum von der Million bleibt eben Privatsache!
Der Autor ist Finanzanalytiker in Reutlingen.
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