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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 06.09.2013, 15:48 Uhr

Die Vermögensfrage Der vorzeitige Ruhestand ist für viele Anleger eine Verlockung

Der Wunsch nach einer frühen Rente ist verbreitet, doch die meisten bringen nicht den Mut auf, die Arbeit an den Nagel zu hängen.

von Volker Looman
© Getty Images Sehnsucht nach früher Rente: Gibt es ein Leben nach dem Golf?

Der frühzeitige Ruhestand ist für junge Senioren ein süßer Traum. Nicht mehr arbeiten; golfen und Reisen; oder im Rotary-Club ein Ehrenamt übernehmen; einfach tun und lassen, was das Herz begehrt. Wer mit 55 oder 60 Jahren merkt, dass der Sommer vorbei ist, macht sich im Herbst verständlicherweise Gedanken über den Winter. Wie hoch wird die Rente sein? Was soll mit den Anleihen und Aktien geschehen? Was wird aus den Lebensversicherungen? Was soll mit dem Eigenheim passieren? Reicht das Vermögen bei diesen Magerzinsen und solcher Unsicherheit? Die Fragen klingen harmlos, doch wer Menschen in solchen Lebenslagen kennt, weiß auch um deren Nöte. Das Thema wird von Jahr zu Jahr vertagt. Irgendwann ist freilich Winter. Da helfen keine Vorsätze mehr. Nun zählt nur noch Kohle, ersatzweise Holz oder Öl. Das wird in folgendem Fall deutlich.

Ein Arzt ist 58 Jahre alt. Er ist geschieden und hat drei Kinder, die längst aus dem Haus sind. Nun lebt er mit einer Anwältin zusammen. Das Paar teilt Bett und Tisch, doch beim Geld hört die Freundschaft auf. Da gehen beide Partner eigene Wege, und das dürfte bei Menschen dieser Altersklasse auch die beste Lösung sein, weil gemeinsame Geldanlagen in dieser Lebensphase die beste Voraussetzungen für körperliche und seelische Leiden aller Art sind. Der Mann hat in den letzten Wochen für sich Kassensturz gemacht, und da ist einiges zusammengekommen. Die Rente aus dem Versorgungswerk wird, wenn keine Beiträge mehr entrichtet werden, ab dem 66. Lebensjahr monatlich 2500 Euro betragen. Die Rückkaufswerte der beiden Kapitalversicherungen liegen bei etwa 150000 Euro. Das elterliche Haus, vor Jahren geerbt und in mäßigem Zustand, ist rund 250000 Euro wert. Dann gibt es noch die lastenfreie Eigentumswohnung im Wert von ungefähr 200000 Euro, in welcher der Mann seit der Scheidung lebt. Die Anleihen und die Aktien, die bei der Hausbank liegen, summieren sich zur Zeit auf etwa 300000 Euro.

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Ein kühner Traum

Die wenigen Zahlen führen zu vielen Fragen. Wie hoch ist das Vermögen? Wie hoch ist die Rente, wenn der Mann den Kittel heute an den Nagel hängt? Wie hoch wird die Versorgung sein, wenn er doch noch sieben Jahre arbeitet? Ist die Aufteilung des Vermögens sinnvoll? Gibt es Möglichkeiten für Verbesserungen? So einfach die Fragen klingen, so schwierig sind die Antworten, weil guter Rat rar oder teuer ist. Steuerberater zucken in der Regel mit den Achseln, und Besuche in Banken sind, wenn die Dinge aus dem Ruder laufen, teurer als Visiten in der Spielbank. Folglich helfen nur gesunder Menschenverstand nebst Mut zu Veränderungen und die Einsicht, dass das Leben nur in Maßen planbar ist.

Die Frage nach der Höhe des Vermögens ist leicht zu beantworten. Der Laie wird 900000 Euro ermitteln, da er die Versicherungen (150000 Euro), die Immobilien (450000 Euro) und das Depot (300000 Euro) addieren wird. Der Fachmann wird aber auf 1332000 Euro kommen, weil die Rente von 2500 Euro einen Kapitalwert von 432000 Euro darstellt, hat, sie ab dem 66. Lebensjahr bezahlt werden wird. Das sieht nach viel Geld aus, doch bei genauem Hinsehen wird sich die Freude in gewissen Grenzen halten.

Die erste Rechnung geht von fünf Prämissen aus. Der Arzt hört am Ende dieses Jahres mit der Arbeit auf und wird 90 Jahre alt. Die beiden Immobilien werden nicht verkauft. Das restliche Kapital (882000 Euro) wird auf dem Papier zu 3 Prozent vor Steuern und zu 2,21 Prozent nach Abzug der Abgeltungssteuer angelegt. Das gesamte Kapital wird verzehrt, und die jährliche Inflation soll 3 Prozent betragen. Das führt zu einer monatlichen Rente von 2000 Euro. Hinzu kommen jeden Monat etwa 1000 Euro aus der Vermietung des Elternhauses, so dass dem Arzt monatlich 3000 Euro zur Verfügung stehen. Davon sind Auto, Immobilien, Krankenkasse, Urlaub und Verpflegung zu bezahlen, so dass die Hoffnung, sich 32 Jahre einen schönen Lenz zu machen, ein kühner Traum ist.

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