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Zertifikate und ETFs

Die Vermögensfrage Der Aufbau der Altersvorsorge fängt im Kopf an

Altersvorsorge ist längst zur Privatsache geworden. Bei Geldanlagen kommt es in erster Linie auf Sparwillen und die Risikovorsorge und weniger auf den Zinssatz an.

© Kai Vergrößern

Die Altersvorsorge ist ein Dauerbrenner. Seit etlichen Jahrzehnten durchkämmen Heere von Finanzberatern und Versicherungsvertretern das Land und mahnen zur Vorsorge im Alter. Trotzdem hält sich die Bereitschaft vieler Menschen, die finanzielle Gestaltung des Ruhestandes in die eigene Hand zu nehmen, in Grenzen. Und es ist zweifelhaft, ob sich daran in den kommenden Jahren viel ändern wird. Die Haltung zahlreicher Anleger, dass nichts so heiß gegessen wird, wie es gekocht worden ist, mag in Einzelfällen richtig sein, doch in der gegenwärtigen Diskussion über die Renten wird immer wieder die Entwicklung der Bevölkerung übersehen.

Deutschland ist ein alterndes Land. Wenn die Babyboomer, die Menschen, die um 50 Jahre herum alt sind, in absehbarer Zeit in den Ruhestand treten, wird der Kampf um die Renten erst richtig losgehen. Es fehlt einfach die Jugend, welche die künftigen Senioren unterstützen soll, und da helfen auch die Rufe nach Zuwanderung nicht viel. Der schöne Generationenvertrag, der nach dem Krieg geschlossen wurde, ist in dieser Form mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr erfüllbar.

Hinzu kommen radikale Änderungen in der Lebensplanung junger Leute. Das Ende der Berufsausbildung verzögert sich aufgrund persönlicher Selbstfindung um Jahre. Wer mit 25 oder 30 Jahren zum ersten Mal eigenes Geld verdient, träumt vom Auto. Wird zusätzlicher Konsum wie Urlaub und Wohnung auf Pump bezahlt, summieren sich die monatlichen Ausgaben schnell auf 1500 bis 2000 Euro, so dass in normalen Haushalten kein Geld für den Aufbau der Altersversorgung übrig bleibt.

Die Eigenkapitaldecke ist in der Regel dünn

Es wird - wenn überhaupt - spät geheiratet. Eltern sind zwischen 35 und 40 Jahre alt, wenn sie ein Eigenheim bauen oder kaufen. Die Eigenkapitaldecke ist in der Regel dünn, und die Finanzierung wird auf Grund knapper Kassen auf 20 bis 25 Jahre angelegt. Parallel dazu wird der zaghafte Versuch unternommen, noch Geld für die Altersversorgung auf die Seite zu bringen. Die Folgen dieser Wirtschaft werden erst in Jahrzehnten zu spüren sein, doch die Umrisse sind bereits heute sichtbar.

Die durchschnittliche Rente der gesetzlichen Versorgungswerke betrug 2010 nach Angaben des Bundesarbeitsministeriums bei Männern monatlich 977 Euro und bei Frauen monatlich 544 Euro. Die Gesamteinkünfte privater Haushalte waren höher. Hier gibt das Ministerium für 2007 und Ehepaare, die in den alten Bundesländern lebten, einen Nettobetrag von 2327 Euro an. In den neuen Bundesländern kamen Ehepaare auf eine Nettosumme von 1933 Euro.

Die jährlichen Hoffnungen, dass die Beiträge zur Rentenversicherung in Zukunft stabil bleiben werden, sind mit Vorsicht zu genießen. Der Beitragssatz hat sich seit 1950 verdoppelt. Damals lag er bei 10 Prozent. Heute beträgt er fast 20 Prozent. Ob er auf Dauer unter dieser magischen Grenze gehalten werden kann, muss in höchstem Maße bezweifelt werden, weil in den letzten Jahren bereits an anderen Schrauben gedreht worden ist. Die Altersgrenze ist in Etappen auf 67 Jahre heraufgesetzt worden. Wer früher in Rente geht, muss Abschläge in Kauf nehmen. Studienzeiten werden nur noch begrenzt anerkannt. Die Anpassung der jährlichen Rentenerhöhungen an die Nettolöhne zeigt, dass das Sicherste an der gesetzlichen Rente die Versorgungslücke ist, und dieses Problem wird auch mit Hilfe der Rentenreform nicht gelöst werden.

Altersvorsoge ist längst Privatsache

Die staatliche Förderung einzelner Geldanlagen mag ein erster Ansatz sein, doch der Glaube der Bürger, dank großzügiger Subventionen im Alter genug zum Leben zu haben, ist in vielerlei Hinsicht trügerisch. Der Kampf um die staatlichen Milliarden, die in Zukunft den Sparwillen der Menschen beflügeln sollen, wird die Taschen einzelner Unternehmen füllen, doch das Versprechen, dass die Renten auf diese Weise sicherer als bisher sein werden, ist in dieser Form nicht haltbar. Die Menschen müssen sich damit abfinden, dass die Altersvorsorge längst Privatsache werden wird. Nur ist diese Entwicklung vielen „mittelalterlichen“ Menschen noch gar nicht bewußt.

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