20.09.2008 · Die Turbulenzen auf den Finanzmärkten machen es deutlich: Privatausgaben müssen langfristig durch Geldanlagen mit hoher Sicherheit abgedeckt werden. Auf dem langen Weg zum Reichtum spielt den meisten Anlegern die Psyche böse Streiche. Die Vermögensfrage.
Von Volker LoomanDie Turbulenzen auf den Finanzmärkten zeigen in aller Deutlichkeit, dass es bei Geldanlagen keine Sicherheit gibt. Das ist zwar ein alter Hut, doch der Umgang mit solchen Krisen ist neu. Frei nach dem Motto, dass das gestrige Geschwätz heute nicht mehr gilt, werfen immer mehr Privatanleger ihre Pläne binnen weniger Tage über den Haufen. Gab es vor Wochen oder Monaten noch langfristige Konzepte über die Aufteilung des Vermögens in Anleihen, Immobilien und Aktien, so sind die Pläne in Krisenzeiten nur noch Schall und Rauch.
Selten ging die Umschichtung von Vermögenswerten so rasant über die Bühne wie heute. Die schnelle Umschichtung ist die beste Altersversorgung der Banker und Vermögensverwalter, weil dabei üppige Gebühren und Provisionen anfallen. Die meisten Anleger verlieren bei diesem Wechsel aber dermaßen viel Geld, dass gerade in Krisenzeiten zwei Regeln besonders beherzigt werden sollten: Hin und Her macht Taschen leer, und es können nicht überall Gewinne erzielt werden.
Realistische Zahlen aufs Papier bringen
Vor diesem Hintergrund bleibt Vorsicht ein guter Ratgeber und die durchdachte und langfristige Aufteilung des Privatvermögens auf viele Töpfe ist die beste Versicherung gegen Verluste. Hilfreich ist in Krisenzeiten vor allem die „umgekehrte“ Privatbilanz. Hier wird zuerst der zukünftige Konsum abgezinst, dann wird überprüft, wie die Schuld gedeckt ist, und schließlich wird Kapital auf verschiedene Töpfe verteilt. Dieser Blick auf Soll und Haben zeigt vor allem Senioren, die ständig Angst haben, finanziell nicht über die Runden zu kommen, wie sie ihr Vermögen anlegen sollten, und die „umgekehrte“ Vermögensbilanz zeigt in der aller Deutlichkeit, welche Risiken bei der Geldanlage überhaupt möglich sind.
Der Dreh- und Angelpunkt dieser Betrachtung sind die künftigen Ausgaben des täglichen Lebens. Dazu gehören die Aufwendungen für Auto, Bildung, Kleidung, Krankenkasse, Unterkunft, Urlaub und Verpflegung. Es ist egal, wie hoch die einzelnen Beträge sind. Die Summe kann bei dem einen Anleger monatlich 2.000 Euro betragen, und bei dem anderen Investor mögen es 15.000 Euro sein. Wichtig ist allein die Bereitschaft, realistische Zahlen aufs Papier zu bringen. Im zweiten Schritt wird die jährliche Teuerungsrate festgelegt, weil nicht damit zu rechnen ist, dass die Preise stabil bleiben werden. Dann muss der Anlagezins für sichere Geldanlagen nach Steuern bestimmt werden. Schließlich wird die Zahlungsdauer der Ausgaben definiert, und das Ergebnis der Bemühungen ist der Geldbetrag, der heute zur Verfügung stehen muss.
Für ein Ehepaar, das Anfang 60 ist, können die Rechenschritte zu folgenden Ergebnissen führen. Der Aufwand für das tägliche Leben liegt bei 4.000 Euro im Monat. Die Inflationsrate wird auf 2,5 Prozent je Jahr eingestellt. Bei der Geldanlage werden Staatsanleihen mit einem Zinssatz von 4 Prozent im Jahr unterstellt. Davon werden nach Abzug der Abgeltungsteuer etwa 3 Prozent im Jahr übrigbleiben. Die Versorgungsdauer soll 300 Monate betragen, weil die Anleger noch 25 Jahre leben wollen. Das führt zu einem Barwert von 1.117.000 Euro.
Die Antwort ist einfach
Die gute Million mag für viele Menschen ein strammer Betrag sein, doch wer monatlich 4.000 Euro ausgeben will, muss sich an große Zahlen gewöhnen. Die Multiplikation von 300 Raten von jeweils 4.000 Euro ohne Inflation führt zu einem Produkt von 1,2 Millionen Euro. Wird die jährliche Teuerung berücksichtigt, kommen bei bloßer Addition knapp 1.640.000 Euro zusammen. Bei einem Zinssatz von jährlich 3 Prozent reichen zum Leben gute 1,1 Millionen Euro aus, weil die Lücke durch Zinsen geschlossen wird. Ist Geld in dieser Höhe vorhanden, kann das Leben in der gewünschten Form verlaufen. Wenn mehr Kapital auf den Konten liegt, dürfen die Anleger mit dem Überschuss spielen. Ist das Geld aber gar nicht vorhanden, muss entweder der Konsum eingeschränkt oder das Leben entsprechend verkürzt werden.
Beim Blick auf die Habenseite stellt sich die Frage, welche Positionen zu berücksichtigen sind. Die Antwort ist einfach. In die Bilanz gehören alle Gegenstände, die Erträge abwerfen oder Geld bringen könnten. Das heißt in der Regel, dass die Bilanzierung mit der Abzinsung der Pensionen und Renten beginnt. Das ist für viele Anleger zwar gewöhnungsbedürftig, ändert aber nichts an der Tatsache, dass die lebenslangen Versorgungsansprüche ein Vermögen wert sind. Dann kommen die Anleihen, Immobilien und Aktien mit ihren Marktwerten hinzu. Abgerundet wird die Vermögensbilanz durch Wertsachen wie Gemälde oder Schmuck, die auch versilbert werden könnten.
Es muss gerechnet werden
Bei der Bilanzierung der Renten und Pensionen kommen viele Anleger mächtig ins Schwitzen. Dabei ist die Sache einfach und harmlos. Wer zum Beispiel monatlich 2.000 Euro bezieht und damit rechnet, diese Rente noch 25 Jahre lang zu bekommen, wird in der Summe rund 600.000 Euro erhalten. Werden die Leistungen wie der Konsum mit jährlich 3 Prozent abgezinst, liegt der Barwert der Altersversorgung bei stolzen 425.000 Euro. Der Wert der festverzinslichen Wertpapiere mag bei 200.000 Euro liegen, und die Immobilien sollen 400.000 Euro auf die Waage bringen. Dadurch klettert das Vermögen auf 1.025.000 Euro. Sollten auch noch Aktien und Beteiligungen im Wert von 300.000 Euro vorhanden sein, stehen 1.325.000 Euro auf der Habenseite.
Die Gegenüberstellung der beiden Summen - hier Schulden von 1.117.000 Euro, dort Guthaben von 1.325.000 Euro - zeigen dem Ehepaar zwei Dinge. Es kann sich Privatausgaben von monatlich 4.000 Euro leisten, doch der Anteil der Aktien und Beteiligungen ist ein bisschen hoch. Die risikolose Anlage des Vermögens muss den Konsum decken, und das heißt bei nüchterner Betrachtung der Dinge, dass höchstens 208.000 Euro für gefährliche Anlagen verfügbar sind. Das lenkt den Blick auf die Frage, was harmlose und riskante Investitionen sind.
Langer Weg zum Reichtum
Die Bewertung wird bei der Altersversorgung beginnen. Sind die 300 künftigen Monatsrenten von jeweils 2.000 Euro sicher oder nicht? Genauso stellt sich die Frage, wie sicher die festverzinslichen Wertpapiere sind. Anleihen westeuropäischer Länder sind mit hoher Wahrscheinlichkeit sicherer als Obligationen südamerikanischer Staaten, und Schuldverschreibungen erstklassiger Industrieunternehmen genießen anderes Vertrauen als fragwürdige Bankanleihen. Was bei Anleihen gilt, wird bei bei den Immobilien nicht ungültig. Häuser und Wohnungen sind keine stabilen Anlagen, wie viele Anleger meinen, sondern unterliegen Preisschwankungen und können zum Teil sogar unverkäuflich sein.
Bei solchen Perspektiven ist es kein Wunder, dass sich viele Anleger zu Recht fragen, wie sie ihr Geld in der Not anlegen sollen. Die Antwort besteht aus drei Teilen. Erstens müssen die Investoren den Konsum durch Anlagen mit hoher Sicherheit decken. Dafür kommen in erster Linie die Pensionen und Renten in Frage, doch die Tatsache, dass das Geld aus der Staatskasse oder Unternehmen kommt, ist keine Versicherung. Daher müssen weitere Anleihen, das ist die zweite Forderung, auf viele Schultern verteilt werden.
Spekulieren können die Anleger nur mit dem Vermögen, das sie eigentlich nicht brauchen. Wer bei dem Spiel aber nicht nur dabei sein, sondern auch noch gewinnen möchte, muss sich auch die dritte Regel zu Herzen nehmen: Aktien sollten breit gestreut und langfristig gehalten werden. Das ist in Krisenzeiten aber leichter gesagt als getan, weil die Psyche den meisten Anlegern auf dem langen Weg zum Reichtum böse Streiche spielt.
Die Lösung für alle Pensions- und Sozialsysteme!
Hannes Müller (mylly)
- 21.09.2008, 14:40 Uhr
Die Vermögensfrage
Wolf-Dieter Schmidt (ringstrasse)
- 22.09.2008, 01:32 Uhr