Home
http://www.faz.net/-gvg-15ne6
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Die Vermögensfrage Anlegerträume sind für Banken eine Goldgrube

21.02.2010 ·  Geld im Alter kann ein Segen sein. Oft ist es aber auch eine Last. Bei der Geldanlage im Alter können sich unrealistische Vorstellungen als kostspielig erweisen.

Von Volker Looman, Reutlingen
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Geld im Alter kann ein Segen sein. Oft ist es aber auch eine Last. Wenn auf den Konten hohe Guthaben liegen, die zur Finanzierung des Ruhestandes nötig sind, haben zahlreiche Menschen mit der Strukturierung ihres Vermögens gewaltige Probleme. Das beginnt bei dem Druck, das Geld „anständig“ anzulegen, und hört bei der Frage auf, in welche Produkte es gesteckt werden soll. Hier stehen Frauen und Männer vor denselben Schwierigkeiten, doch das Verhalten ist unterschiedlich.

Männer stehen auf dem Standpunkt, beim Geld alles im Griff zu haben, doch das ist ein Märchen. Da sind Frauen in der Regel ehrlicher. In vertrauter Runde geben sie ohne Umschweife zu, dass ihnen der Umgang mit Geld zusetzt. Da ist es kein Wunder, dass die Banken auch in Zukunft die großen Gewinner bleiben werden. Ihnen bläst zwar seit der Finanzkrise heftiger Wind ins Gesicht, und das Ansehen ist im Sturzflug gesunken, doch wenn es um Geld und Frauen geht, können sie darauf bauen, dass die Seniorinnen weiter zu ihnen kommen werden. Das ist freilich wie im folgenden Fall mit Gefahren für Haus und Hof verbunden.

Die Träume der Anleger

Eine geschiedene Ärztin, knapp 60 Jahre alt, hat Ende des letzten Jahres ihre Praxis verkauft. Es sind mehrere Lebensversicherungen fällig geworden, und das Versorgungswerk hat die Altersrente in einem Betrag ausgezahlt. Nun liegen etwa 1,1 Millionen Euro auf den Konten. Das mag auf den ersten Blick viel Geld sein, doch beim zweiten Hinsehen wird das Vermögen wie Schnee in der Sonne schmelzen, und das hat drei Gründe. Die Ärztin ist gesund und munter, und sie hat vor, mindestens 90 Jahre alt zu werden. Trotz ihrer Lebensfreude ist die Dame auf Sicherheit bedacht und will mit ihrer Million nach Möglichkeit kein Risiko eingehen. Außerdem rechnet sie in den nächsten Jahren mit einer Inflation von mindestens 3 Prozent pro Jahr.

Das sind schwierige Rahmenbedingungen. Wer auf Sicherheit setzt, kann zurzeit nach Steuern mit einem Anlagezins von bestenfalls 3 Prozent rechnen. Wird eine Geldentwertung in gleicher Höhe dagegengesetzt, strebt die Verzinsung gegen null. Letztlich brauchen die 1,1 Millionen Euro nur noch durch die gewünschte Restlaufzeit der Medizinerin a.D. geteilt zu werden. Bei 30 Jahren kommen 3000 Euro pro Monat heraus, so dass die erste Aufgabe gelöst zu sein scheint. Davon ist die Ärztin aber weit entfernt, weil sie davon träumt, jeden Monat wenigstens 4000 Euro ausgeben zu können.

Der Wunsch ist nicht erfüllbar, und das ist der wunde Punkt vieler Beratungen. Die Anleger haben Träume, und die Banken nicht den Mut, ihnen reinen Wein einzuschenken. Daher enden viele Gespräche mit faulen Kompromissen. Hier eine Beteiligung, da ein Investmentfonds, dort eine Rentenversicherung. Bei einem Anlagevolumen von 1,1 Millionen Euro läuft jedem Vermittler das Wasser im Mund zusammen, weil er mit Provisionen von 50.000 Euro rechnen kann, wenn er sich nicht ganz dumm anstellt.

Geduld und Kraft

Die Zahlen mahnen zu Besonnenheit. Das kostet zwar Geduld und Kraft, doch wer glaubt, dass Geld keine Arbeit mache, dass sich das Problem auf dem Weg vom Golfplatz in die Oper lösen lasse, ist von Anfang an auf dem Holzweg. Das bedeutet im vorliegenden Fall erst einmal, den massiven Konflikt zwischen Traum und Realität zu lösen. Eine monatliche Rente von 4000 Euro, die wegen der Geldentwertung jedes Jahr um 3 Prozent steigen soll, setzt bei einer Laufzeit von 30 Jahren einen Zinssatz von 4,9 Prozent nach Steuern voraus. Das ist mit sicheren Anlagen, um es mit Nachdruck zu unterstreichen, nicht zu schaffen, weil vor Steuern mindestens 6,5 Prozent notwendig sind. Folglich gibt es nur drei Möglichkeiten: Entweder gibt sich die Anlegerin mit monatlich 3000 Euro zufrieden, oder sie verkürzt ihren Ruhestand um sieben Jahre, oder sie sucht sich einen reichen Mann, der die Zeche übernimmt.

Irgendwann ist freilich Schicht im Schacht, wie es im Ruhrgebiet heißt, und es müssen Nägel mit Köpfen gemacht werden. Das heißt im vorliegenden Fall erst einmal, um die Vermögensverwaltung der Banken einen großen Bogen zu machen. Hier werden Verwaltungsgebühren von bis zu 2 Prozent pro Jahr erhoben. Davon merken die Anleger in der Regel nicht viel, weil die Gebühren per Lastschrift abgebucht werden. Wenn die jährliche Verzinsung der Anlagen durch die Verwaltung auf 1 Prozent sinkt, geht die monatliche Rente, das sollten sich die Investoren auf der Zunge zergehen lassen, um 820 Euro zurück.

Das Ziel mit einer breiten Mischung erreichen

Der Schwund ist unnötig wie ein Kropf, weil jeder Anleger mit gesundem Menschenverstand in der Lage ist, eine Summe von 1,1 Millionen Euro selbst anzulegen. Denkbar ist der Ansatz, das Kapital auf zwei Töpfe zu verteilen. In den einen Behälter wird die Rente der nächsten 60 Monate gesteckt. Das sind etwa 200.000 Euro. In den anderen Eimer werden die übrigen 900.000 Euro investiert. Sinn und Zweck dieser Teilung sind Ruhe und Übersicht. Die Anlegerin soll wissen, dass die monatliche Rente aus der kleinen Quelle sprudelt, und sie soll die große Quelle frühestens in fünf Jahren wieder anzapfen. Bis dahin soll das Depot um „sichere“ Erträge anwachsen.

Das Ziel kann mit einer breiten Mischung erreicht werden. Möglich sind zum Beispiel vier Untertöpfe. Jeweils 225.000 Euro werden in Staatsanleihen, Unternehmensanleihen, Immobilien und Aktien investiert. Die Anleihen und die Aktien sind mit Hilfe börsengehandelter Indexfonds darstellbar, und bei den Liegenschaften kommen offene Immobilienfonds in Betracht. In beiden Fällen ist das Augenmerk wieder auf die Kosten zu richten. Der Kauf der Indexfonds kostet bei Banken und Sparkassen mindestens 1 Prozent der Anlagesumme, und bei den Immobilienfonds drohen Ausgabeaufschläge von 5 Prozent. Wem die Gebühren von 18.000 Euro zu hoch sind, sollte sich im Internet oder bei Direktanlagebanken umsehen, weil dort die Kosten niedriger sind.

Mit Vorsicht zu genießen

Beteiligungen und Rentenpolicen sind in solchen Lebenslagen aus mehreren Gründen mit Vorsicht zu genießen. Die Anlagen sind mit hohen Kosten verbunden. Die Provision für Beteiligungen bewegt sich zwischen 5 und 10 Prozent, und in Rentenversicherungen sind 4 bis 5 Prozent enthalten. Hinter den Offerten stecken in vielen Fällen nur wenige Anlagen, so dass die Risikostreuung niedrig ist. Hinzu kommt die Unbeweglichkeit. Wer in geschlossene Anstalten einsteigt, kommt in der Regel nicht wieder heraus. Das heißt im Klartext, dass die Anpassung der monatlichen Entnahmen an die Geldentwertung und die Lebensumstände nicht mehr steuerbar ist. Der Anleger gibt - auf gut Deutsch gesagt - das Heft aus der Hand und vertraut darauf, dass die Erträge bis zum Lebensende fließen.

Der Wunsch nach Ruhe bei der Rente ist verständlich, doch gerade Frauen, die sich nach dieser Geborgenheit sehnen, sollten mit Argusaugen darauf achten, mit wem sie sich einlassen. Der Ausstieg aus Beteiligungen, Immobilien und Rentenpolicen ist in manchen Fällen schlimmer als der Ausstieg aus einer Ehe, so dass deutlich wird, worauf es bei Anlage von „wenig“ Geld im Alter wirklich ankommt: Abschied von Träumen, Konzentration auf die Realität, Minimierung der Kosten, Streuung der Risiken und Erhalt der Unabhängigkeit. Das sind einfache Ziele, doch die Umsetzung erfordert große Hartnäckigkeit.

Der Autor ist Finanzanalytiker in Reutlingen.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Zinsen