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Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Altersvorsorge Selbst ist die Frau

 ·  Frauen sollten sich bei der Altersvorsorge nicht unbedingt auf ihre Männer verlassen. Einfachheit und Preisvorteile sind die wichtigsten Punkte bei der Gestaltung des finanziellen Ruhestandes.

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© Kai Weibliche Altersvorsorge

Geld im Alter kann ein Segen sein. Oft ist es aber auch eine Last. Wenn auf den Konten hohe Guthaben liegen, die zur Finanzierung des Ruhestandes nötig sind, haben zahlreiche Menschen mit der Strukturierung ihres Vermögens gewaltige Probleme. Das beginnt bei dem Druck, das Geld „anständig“ anzulegen, und hört bei der Frage auf, in welche Produkte es gesteckt werden soll. Hier stehen Frauen und Männer im Grunde vor denselben Schwierigkeiten, doch das Verhalten ist unterschiedlich.

Männer stehen auf dem Standpunkt, beim Geld alles im Griff zu haben, doch das ist ein Märchen. Da sind Frauen in der Regel ehrlicher. In vertrauter Runde und bei Likör geben sie ohne Umschweife zu, dass ihnen der Umgang mit Geld im Alter doch Sorgen bereitet. Da ist es kein Wunder, dass die Banken auch in Zukunft die großen Gewinner bleiben werden. Ihnen bläst zwar seit der Finanzkrise heftiger Wind ins Gesicht, aber wenn es um Geld geht, können sie darauf bauen, dass Frauen weiter zu ihnen kommen werden. Das ist aber mit Gefahren für Leib und Seele verbunden. Vorteilhafter ist, sich bei der Gestaltung der finanziellen Ruhestandes nicht auf Männer zu verlassen.

Eine ledige Ärztin, 66 Jahre jung, hat Ende des letzten Jahres ihre Praxis verkauft. Es sind Kapitalversicherungen fällig geworden, und das Versorgungswerk hat die Bezüge auf Betreiben der Ärztin auf einen Schlag ausbezahlt. Nun liegen seit einigen Wochen rund 950.000 Euro auf den Konten und harren der Verwendung. Das mag auf den ersten Blick viel Geld sein, doch beim zweiten Blick trübt sich der Ruhestand ein. Die Ärztin ist gesund und munter. Sie baut darauf, mindestens 90 Jahre alt zu werden. Trotz ihrer Lebensfreude ist die Dame auf Sicherheit bedacht und will mit der knappen Million kein Risiko eingehen. Außerdem rechnet sie in den nächsten Jahren mit einer Inflation von mindestens 2 Prozent pro Jahr.

Das sind in jeder Hinsicht „unerfreuliche“ Vorgaben. Wer auf Sicherheit setzt, kann zurzeit nach Steuern mit einem Anlagezins von bestenfalls 2 Prozent rechnen. Wird eine Geldentwertung in ähnlicher Höhe erwartet, strebt die Verzinsung gegen null. Letztlich brauchen die 950.000 Euro nur durch die „Restlaufzeit“ der Medizinerin geteilt werden. Bei 24 Jahren kommen 3299 Euro pro Monat heraus, so dass die erste Aufgabe gelöst zu sein scheint. Davon ist die Ärztin aber ein ganzes Stück entfernt, weil sie davon träumt, jeden Monat wenigstens 4000 Euro ausgeben zu können.

Viele Gespräche enden mit faulen Kompromissen

Der Wunsch ist aber nicht erfüllbar, und das ist der wunde Punkt vieler Beratungen. Die Anleger haben Träume, und die Verkäufer nur selten den Mut zu dem Hinweis, dass nicht passend gemacht werden kann, was eben nicht geht. Daher enden viele Gespräche mit faulen Kompromissen. Hier eine Beteiligung, da ein Investmentfonds, dort eine Rentenversicherung. Bei einem Anlagebetrag von 950.000 Euro muss jeder Verkäufer unruhig werden, weil Provisionen von 4 bis 5 Prozent beziehungsweise 38.000 bis 47.500 Euro winken.

Die Zahlen mahnen zu Besonnenheit. Das kostet zwar Geduld und Kraft, doch wer glaubt, dass Geld keine Arbeit mache, ist von Anfang an auf dem Holzweg. Das bedeutet im vorliegenden Fall, den massiven Konflikt zwischen Traum und Realität zu lösen. Eine monatliche Rente von 4000 Euro, die wegen der Geldentwertung jedes Jahr um 2 Prozent steigen soll, setzt bei einer Laufzeit von 24 Jahren einen Zinssatz von 3,6 Prozent nach Steuern voraus. Das ist mit sicheren Geldanlagen einfach nicht zu schaffen, weil vor Abzug der Abgeltungsteuer mindestens 4,9 Prozent nötig sind. Folglich gibt es nur drei Möglichkeiten. Entweder gibt sie sich - bei einem Anlagezins von 2 Prozent vor Steuern - mit monatlich 3127 Euro zufrieden, oder sie verkürzt ihren Ruhestand um fünf Jahre, oder sie sucht sich einen wohlhabenden Mann, dem blaue Augen und schmachtende Blicke eine monatliche Apanage von 873 Euro wert sind.

Irgendwann sind freilich Nägel mit Köpfen notwendig. Das heißt im vorliegenden Fall erst einmal, um die Betreuung von Vermögensverwaltern aller Art einen großen Bogen zu machen. Hier werden Gebühren von bis zu 2 Prozent pro Jahr erhoben. Davon merken die Anleger in der Regel nicht viel, weil die Gebühren aus dem Depot abgezogen werden. Wenn die jährliche Verzinsung der Anlagen durch die Verwaltung lediglich nur 100 Basispunkte kostet, geht die monatliche Rente schon um 270 Euro zurück, so dass unter dem Strich „bescheidene“ 2857 Euro übrig bleiben.

Der Schwund ist unnötig wie ein Kropf, weil jede Anlegerin mit gesundem Menschenverstand in der Lage ist, eine Summe von 950.000 Euro selbst anzulegen. Denkbar ist der Ansatz, das Kapital auf zwei Töpfe zu verteilen. In den einen Behälter wird ein Notgroschen von 50000 Euro gesteckt. In den anderen Eimer, in diesem Fall eine Kapitalversicherung mit Sofortrente, werden die übrigen 900000 Euro investiert. Diese Lösung kommt in erster Linie für „bequeme, disziplinlose und faule“ Anleger in Frage. Die Aussage klingt boshaft, doch die Empfehlung hat ihren Charme. Wer alleine ist, kein Eigenheim besitzt, keine Kinder hat und keine Festrente bezieht, ist im wahrsten Sinne des Wortes auf sich allein gestellt.

In solchen Fällen hat die Einzahlung des Vermögens in eine Kapitalversicherung mit Sofortrente viele Vorzüge. Der größte Vorteil ist die Tatsache, dass sich die Anlegerin vor sich selbst schützt. Sie gibt einen großen Betrag aus der Hand und bekommt das Geld in kleinen Raten zurück, so dass die Anlegerin davor gefeit ist, großen und teueren Verlockungen zu unterliegen. Es gibt im Internet viele Versicherungen, die Tarifrechner zur Verfügung stellen, um die Sofortrente für einen Einmalbetrag von 900.000 Euro zu berechnen. Bei einem Direktversicherer aus dem Saarland zum Beispiel kommt eine Monatsrente von 3564 Euro heraus, die jedes Jahr um 2,1 Prozent steigt. So schön die Zahlen aussehen, so geduldig ist das Papier, auf dem sie stehen. Der Bezug der Renten bis zum 90. Geburtstag setzt eine Verzinsung von 3,4 Prozent pro Jahr voraus, und dafür gibt es keine Garantie. Noch wichtiger ist aber die Überlegung, woher diese Erträge eigentlich kommen sollen. Momentan gibt es für Anleihen mit einer Laufzeit von zehn Jahren höchstens 2 Prozent. Davon sind noch die Kosten und Margen der Versicherung abzuziehen, so dass für den Anleger vielleicht 1 bis 1,5 Prozent übrig bleiben. Das wird die Rente auf schätzungsweise 2800 Euro drücken.

Niedrige Zinsen verführen zu riskanteren Anlagen

Von diesem Betrag muss die Ärztin ihren gesamten Lebensunterhalt bestreiten. Die größten Posten werden mit hoher Wahrscheinlichkeit die Miete und die Krankenkasse sein. Danach folgen das Auto und der Konsum. Ob dann noch Geld für Hobbys und Urlaub übrig bleibt, hängt von der Steuerbelastung ab. Sicher ist nur, dass die Frau nicht im Geld schwimmt, sondern auf den Euro sehen muss, und dieser „Druck“ weckt Begehrlichkeiten, das Geld in andere Anlagen zu stecken. Das ist freilich in einigen Fällen der Anfang vom Ende, frei nach dem Motto: Die Hoffnung ist der Tod des Kaufmanns.

Vorteilhafter dürfte sein, sich mit „soliden“ Alternativen zu beschäftigen. Es ist zum Beispiel denkbar, die 900.000 Euro zu gleichen Teilen auf drei Töpfe zu verteilen. Das erste Drittel wandert in die Sofortrente. Das zweite Drittel wird für den Kauf einer Eigentumswohnung verwendet. Und das letzte Drittel wird in Aktien investiert. Mit dieser Aufteilung können drei Fliegen auf einen Streich erlegt werden. Die Sofortrente von 1000 bis 1200 Euro ist die lebenslange Grundversorgung. Von diesem Betrag müssen die Krankenkasse und die Lebenshaltung bezahlt werden. Die selbstgenutzte Wohnung ist das „kostenlose“ Dach über dem Kopf und bietet der Ärztin emotionalen Schutz vor Inflation und Mieterhöhungen. Und die Aktien sind das Treibstofflager. Hier winken die Aussicht auf hohe Erträge, doch es besteht auch die Gefahr, dass Teile des Lagers in die Luft fliegen, wenn die Kurse einbrechen.

Wenn die Ärztin lieber zur Miete wohnen will, weil sie sich auf keinen Fall binden möchte, besteht die Möglichkeit, die 900.000 Euro auf vier Töpfe zu verteilen. Jeweils 225.000 Euro werden in Staatsanleihen, Unternehmensanleihen, Immobilien und Aktien investiert. Die Anleihen und die Aktien sind mit Hilfe börsengehandelter Indexfonds darstellbar, und bei den Liegenschaften kommen offene Immobilienfonds in Betracht. In allen Fällen ist das Augenmerk auf die Kosten zu richten. Der Kauf der Indexfonds kostet bei Banken und Sparkassen im Schnitt etwa 1 Prozent der Anlagesumme, und bei den Immobilienfonds drohen Ausgabeaufschläge von bis zu 5 Prozent. Wem die Gebühren von 18.000 Euro, das sind 900 Scheine von jeweils 20 Euro, zu hoch sind, sollte sich im Internet oder bei Direktanlagebanken umsehen, weil dort die Kosten niedriger sind.

Beteiligungen sind in solchen Lebenslagen aus vielen Gründen mit größter Vorsicht zu genießen. Die Anlagen sind mit hohen Kosten verbunden. Die Provisionen für Beteiligungen bewegen sich zwischen 5 und 10 Prozent. Hinter den Offerten stecken in der Regel nur wenige Anlagen, in manchen Fällen sogar nur ein Objekt, so dass von Risikostreuung keine Rede sein kann. Hinzu kommt die Unbeweglichkeit. Wer in geschlossene Anstalten einsteigt, kommt in der Regel nicht wieder heraus. Das heißt im Klartext, dass die Anpassung der monatlichen Entnahmen an die Geldentwertung und die Lebensumstände nicht mehr steuerbar ist. Der Anleger gibt dann das Geld aus der Hand und vertraut darauf, dass die Erträge bis zum Lebensende fließen.

Der Wunsch nach Ruhe bei der Rente ist verständlich, doch gerade Frauen, die sich nach dieser Geborgenheit sehnen, sollten mit Argusaugen darauf sehen, mit wem sie sich einlassen. Der Ausstieg aus Beteiligungen ist in der Regel schlimmer als der Ausstieg aus Beziehungen oder Ehen, so dass deutlich wird, worauf es bei Anlage von „wenig“ Geld im Alter wirklich ankommt: Abschied von Träumen, Konzentration auf die Realität, Minimierung der Kosten, Streuung der Risiken und Erhalt der Unabhängigkeit. Das sind einfache Ziele, doch die Umsetzung erfordert große Hartnäckigkeit.

Der Autor ist Finanzanalytiker in Bremen.

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