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Unisex-Tarife : Sicherheitszuschlag macht Policen teurer

Vor den Versicherern sind Frauen und Männer künftig gleich. Bild: ddp images/AP/Markus Schreiber

Von Dezember an dürfen Versicherer nicht mehr zwischen Männern und Frauen unterscheiden. Garantierenten sinken jedoch unter ihren Mittelwert.

          Für Mathematiker gibt es bei Versicherern immer etwas zu tun. Die Hälfte seiner mathematischen Abteilung sei derzeit damit beschäftigt, das Unternehmen auf die Kapitalregeln Solvency II vorzubereiten, sagt ein Branchenvorstand. Die andere Hälfte arbeite an der Umstellung auf Unisex-Tarife. An die neuen Tarife, die vom 21. Dezember an nicht mehr zwischen Männern und Frauen differenzieren dürfen, werden sich Neukunden im kommenden halben Jahr einstellen müssen.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Am 1. März vergangenen Jahres hatte der Europäische Gerichtshof eine Ausnahmeregelung aus dem Dezember 2007 mit Ablauf der Fünfjahresfrist zum kommenden Winteranfang gekippt. Sie erlaubte Versicherern von der Regel abzuweichen, dass Dienstleistungen nicht zwischen Geschlechtern diskriminieren dürften. Zwar hatte die Branche statistische Unterschiede wie eine unterschiedlich hohe Lebenserwartung von Männern und Frauen ins Feld geführt. Die Luxemburger Richter aber entschieden anders.

          Frauen zahlen bisher höhere Beiträge

          Vor allem in der Kranken- und der Lebensversicherung hat das Urteil der europäischen Richter Folgen. Bislang zahlen Frauen für eine Rentenpolice oder eine private Krankenversicherung höhere Beiträge als Männer, weil sie länger leben und höhere Leistungen ausbezahlt bekommen. Das wird künftig anders sein. Der neue Einheitsbeitrag wird sich jedoch nicht in der Mitte der bisherigen Monatszahlungen einpendeln. „Im Bestand wird sich das Mischungsverhältnis zwischen Männern und Frauen ändern“, sagt Roland Weber, Vorstand des kundenstärksten Krankenversicherers Debeka. Für die Unternehmen ist es eine Rechnung mit mehreren Unbekannten: Wenn Frauen weniger, Männer aber mehr bezahlen, müssen sie gemäß der vorsichtigen Kalkulation mit einem höheren Frauenanteil rechnen. „Es dürfte 15 Jahre dauern, bis sich das Mischverhältnis wieder einpendelt“, erwartet Weber.

          Doch noch können die Versicherer nicht kalkulieren. Eine Leitlinie der EU-Kommission hat festgeschrieben, dass die Regel nur für Neuverträge gelten soll. Diese Vorgabe hat das Bundeskabinett inzwischen auch im neuen Versicherungsaufsichtsgesetz umgesetzt. Schaden- und Lebensversicherer könnten ihre Tarife neu berechnen. Nicht aber Krankenversicherer: Ihre Kunden dürfen in günstigere Tarife der eigenen Gesellschaft wechseln. Ob dieses Wechselrecht auch in einen der (für Frauen) wohl spürbar günstigeren Unisex-Tarif gilt, lässt das Bundesjustizministerium noch offen. „Die Details müssen jetzt sehr rasch abschließend geklärt werden, damit die Branche Rechtssicherheit bekommt“, sagt Clemens Muth, Vorstandsvorsitzender des beitragsstärksten Krankenversicherers DKV.

          Neuer Beitrag höher als Durchschnitt von Männer- und Frauentarif

          Die Versicherer müssen für die künftige Bestandszusammensetzung Daumenregeln anwenden. Dabei können sie das Verhalten ihrer Kunden aus den Wechselströmen ableiten, die sie bei neu eingeführten Tarifen in der Vergangenheit beobachten konnten. Ein Drittel der Kunden, die es könnten, wechseln tatsächlich, lautet eine Faustformel. Der neue Beitrag müsste also höher sein als der Durchschnitt von Männer- und Frauentarif. Solange das Wechselrecht noch unbestimmt ist, bleiben hier aber Fragezeichen.

          Deutlich weiter ist da schon der Volkswohl Bund. Der Dortmunder Maklerversicherer hat in der Rentenversicherung zum 1. Oktober seinen Unisex-Tarif eingeführt. „Im freien Vertrieb ringt man immer um die Gunst der Vertriebspartner“, sagt Vorstand Dietmar Bläsing. Für die Kunden, die in der Unisex-Welt besser fahren, sei eine frühere Einführung sinnvoll, sagte sich die Führung des Unternehmens. Weil die Versicherungsgesellschaft schon 2005 in der Riesterrente auf geschlechtsneutrale Tarife umstellen musste, wusste sie, dass ein Mischungsverhältnis von 50 zu 50 zu geringe Beiträge ergeben hätte. Diesmal lag die garantierte Monatsrente eines 30 Jahre alten Kunden, der monatlich 100 Euro einzahlt, im Alter von 67 Jahren für Männer bei einer Zahlung von jeweils 207 Euro. Frauen konnten mit 194 Euro rechnen. Der Mittelwert hätte bei 200,50 Euro gelegen.

          Versicherer rechnen mit einem Schub fürs Jahresendgeschäft

          Der Volkswohl Bund nahm nun eine veränderte Bestandsmischung an und errechnete für den Unisex-Tarif einen Wert von rund 198 Euro. Damit der neue Tarif aber nicht für Männer vollends unattraktiv würde, baute er eine Zusatzkomponente ein. Führt ein Unfall zur Pflegebedürftigkeit, spart der Kunde künftig beitragsfrei bis zum Renteneintritt an. Das reduziert die Garantierente auf 197 Euro.

          In jedem Fall rechnen die Versicherer auch in diesem Jahr wieder mit einem Schub für das Jahresendgeschäft. „Bei Rentenverträgen haben Männer derzeit einen Vorteil. Wer ohnehin eine Altersvorsorge abschließen will, macht es lieber in diesem Jahr“, sagt Markus Faulhaber, Vorstand des Marktführers Allianz Leben. Kurzfristig werde das Geschäft davon beeinflusst, langfristige Bremsspuren erwartet er nicht. Zudem werde der Effekt geringer sein als durch die Absenkung des Garantiezinses in diesem Jahr, erwartet Dietmar Bläsing vom Volkswohl Bund. Denn für Männer verringere sich die Rentenleistung nur zwischen 3 und 5 Prozent. Der gesenkte Garantiezins hingegen habe eine Minderung um 15 Prozent der garantierten Monatsrente bedeutet.

          Quelle: F.A.Z.

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