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Freiwillige im Ausland : Mal kurz die Welt retten

  • -Aktualisiert am

„Voluntourism“ heißt die Kombination aus Freiwilligenarbeit und Tourismus. Die vier Jugendlichen bauen Häuser im südafrikanischen Kapstadt. Bild: Picture-Alliance

Nach dem Abitur arbeiten viele Jugendliche in afrikanischen Ländern in Waisenhäusern als Helfer oder bauen Schulen auf. Das schadet oft mehr, als dass es nutzt.

          Die Kinder beäugten die junge Frau verwirrt. Das war also die neue Freiwillige. Doch die Kleinen verstanden nicht, warum sie eine Schwarze vor sich sahen. Sind Helfer nicht immer weiße Menschen? Die Neue passte nicht in ihr Weltbild, in dem die Weißen den Schwarzen überlegen sind. „White Supremacy“ nennt sich diese Vorstellung, die sich vor allem durch die Kolonialzeit-Propaganda in der ganzen Welt tief in der gesellschaftlichen Überzeugung verankert hat. Auch hier. Die Kinder selbst waren zwar unterschiedlichster Herkunft. Doch trotzdem mussten sie alle erst einmal das Klischee der „weißen Retter“ über Bord werfen.

          „Das Vermächtnis des Kolonialismus ist viel gewaltiger, als man es sich vorstellen kann“, berichtet diese Freiwillige später. Die Siebenundzwanzigjährige ist als Schwarze in einem Land aufgewachsen, das ihre Familie noch als Rhodesien erlebt hat und das heute Zimbabwe heißt. Nach dem britischen Kolonialherrn Cecil Rhodes benannt, herrschte dort Rassentrennung. Da sie sowohl Zimbabwerin als auch Britin ist, lebt sie seit der Oberstufe in England. Die junge Frau hat ein Masterstudium in Internationaler Entwicklung absolviert und später ein Freiwilligenprojekt in Bolivien geleitet.

          „Geh reisen, und sieh dir die Welt an!“, rät sie. Einen philanthropischen Ansatz dabei zu haben sieht die Zimbabwerin aber kritisch: Selbst wenn weiße Menschen mit den besten Intentionen Freiwilligenarbeit leisteten, verstärke es bereits bestehende rassistische Vorurteile. Die subtile Hierarchie zwischen Schwarzen und Weißen werde so gefestigt. Ein zentrales Problem ist die teils überhebliche Illusion der Freiwilligen, sie könnten mal eben die Welt retten – in den Sommerferien oder während eines „Gap Year“ nach dem Abitur oder im Studium.

          Jedes Jahr entscheiden sich mehr als eine Million der 20 bis 25 Jahre jungen Menschen für „Voluntourism“. Die Kombination aus Tourismus und Freiwilligenarbeit wird seit Jahrzehnten immer beliebter. Besonders gefragt sind ferne Länder, die sowohl wunderschöne Urlaubsziele als auch Möglichkeiten bieten, „aktiv vor Ort einen sozialen Beitrag zu leisten“. Mit solchen Worten versprechen unzählige Anbieter, „sinnvolle Ferien“ zu organisieren – mit Entwicklungsprojekten sowie zusätzlichen Ausflügen und Abendveranstaltungen. So kann sich die Freiwillige doppelt gut fühlen. Und ein rundum positives Erlebnis zu schaffen ist oberste Priorität der Anbieter. Schließlich zahlen ihre Kunden bis zu mehrere tausend Euro in der Woche zuzüglich Flugkosten, um sich zum Beispiel an einem Hausbau in Kapstadt zu beteiligen. „Voluntourism“ ist eine Industrie, deren Wert auf mehr als eine Milliarde Euro geschätzt wird. Viele Hobby-Helfer sind vermutlich von jugendlichem Idealismus getrieben, aber auch Rentner und ganze Familien wollen ihr soziales Engagement unter Beweis stellen, zumindest am anderen Ende der Welt.

          Frage der Nachhaltigkeit drängt sich auf

          Für die meisten dieser Projekte sind keine fachlichen Vorkenntnisse nötig. Doch wie sinnvoll ist es, wenn ein Laie irgendwo ein Haus baut? Könnte ein einheimischer Bauarbeiter diese Arbeit nicht besser machen und durch die Bezahlung auch noch seine Familie ernähren? Und was bringt es, nur zwei Wochen lang im Schulunterricht auszuhelfen? Auf der Website des „Voluntourism“-Anbieters „Projects Abroad“ heißt es zum Beispiel: „Aufgrund des Lehrermangels... unterrichtest du in der Regel selbständig nach einem Lehrplan oder gemeinsam mit anderen Freiwilligen.“ Und: „Pädagogische Vorkenntnisse benötigst du nicht.“

          Sofort drängt sich die Frage nach der Nachhaltigkeit auf. Wenn es wie beim Geschäftsmodell des „Voluntourism“ zum Selbstzweck wird, dass immer mehr Freiwillige beschäftigt werden, widerspricht das dem Nachhaltigkeitsprinzip. Stattdessen muss Hilfe zur Selbsthilfe das Ziel sein. Das bedeutet, gemeinsam mit Einheimischen Lösungen zu suchen, die immer weniger Freiwillige erfordern, bis Einheimische das Projekt irgendwann allein tragen. Inwieweit sowohl private als auch staatliche Entwicklungsorganisationen unvoreingenommen daran arbeiten können, muss kritisch überprüft werden. Schließlich würden sie sich damit selbst überflüssig machen.

          Doch die Nachhaltigkeitsfrage hat eine weitere Facette: Würden wir in Deutschland jemanden unsere Kinder unterrichten lassen, der dazu keinerlei Qualifikation besitzt? Warum sollte das in einem anderen Land akzeptabel sein? Die westliche Angewohnheit, mit zweierlei Maß zu messen, kennt die Zimbabwerin nur zu gut. Warum meinen Westler immer noch, auf andere hinunterblicken und sie belehren zu können? Bei allen Problemen, die es zum Beispiel auch mit chinesischen Investoren in Entwicklungsländern gibt, ist mit ihnen das Gespräch auf Augenhöhe erfrischend. Sie kommen ohne den selbstgerechten Dünkel des Weltverbesserers und wollen einfach nur Geschäfte machen – mit Partnern, nicht mit Hilfsbedürftigen. Aus ihrem Herkunftsland kennt die junge Frau „Voluntourism“-Projekte, die daran gescheitert sind, dass Einheimische bei der Planung und Umsetzung gar nicht einbezogen wurden. Anscheinend hatten die „Helfer“ das Gefühl, das nicht nötig zu haben.

          Für Axel Dreher, Direktor des Instituts für Wirtschaftswissenschaften der Universität Heidelberg, ist es das gleiche Konzept wie in der Kolonialzeit: die Idee, dass die Westler immer alles besser wissen. Er spricht zudem von einem „Parallelsystem“, wenn von außen finanzierte Projekte Aufgaben des Staates übernähmen, was letztlich nicht effizient sein könne. Selbst effektive Entwicklungsprogramme an Schulen könnten zum Beispiel die jeweilige Regierung des Landes davon abhalten, selbst in die Schulbildung zu investieren. Stattdessen könnte das eigentlich dafür vorgesehene Geld dann anderweitig und nicht unbedingt nachhaltig verwendet werden.

          Wer profitiert?

          Es ist ein Teufelskreis, da Ursache und Wirkung wirtschaftlicher, politischer und sozialer Zusammenhänge in Entwicklungsländern oft nicht kritisch und damit auch nicht selbstkritisch hinterfragt werden. Dies verstärkt die Gefahr, dass sich sowohl „Voluntouristen“ als auch Einheimische in einem Weltbild der „weißen Vorherrschaft“, der „White Supremacy“, bestätigt fühlen. So wie die Kinder, die noch nie eine Schwarze als Freiwillige gesehen haben, weil deren Zahl eben viel geringer ist. Zudem sind die Zielländer der „Voluntouristen“ oft Entwicklungsländer, die einst von Europäern kolonialisiert und ausgebeutet wurden. Nicht umsonst wird Freiwilligenarbeit und insbesondere „Voluntourism“ mitunter in der Tradition des anmaßenden Missionierungsanspruchs Weißer gegenüber Schwarzen zur Zeit des Kolonialismus gesehen.

          Im Internet lassen sich aber auch einige Berichte von Freiwilligen finden, die vor Ort zu realisieren scheinen, dass ihre Arbeit an der gewünschten Weltverbesserung vorbeigeht oder sogar ins Gegenteil umschlägt. Paradebeispiel hierfür ist der „Waisen-Tourismus“. So führt die hohe Nachfrage nach Freiwilligenarbeit in Waisenhäusern an einigen Orten zu einer Form von Kinderhandel: Die Kleinen werden von ihren Familien getrennt und in scheinbaren Waisenhäusern zur Schau gestellt. Die Betreiber streichen die Spenden der Freiwilligen ein. So hatten laut Unicef, dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, in Kambodscha mehr als drei Viertel der Kinder in Waisenhäusern noch ein oder zwei lebende Elternteile. Außerdem steige dort die Zahl der von nicht staatlichen Organisationen (NGO) betriebenen Waisenhäuser seit mehr als einem Jahrzehnt beständig. Unicef mahnt Freiwillige deshalb, nicht in Waisenhäusern zu arbeiten.

          In Nepal sieht die Situation ähnlich aus. Im südlichen Afrika ist zudem ein „Aids-Waisen-Tourismus“ entstanden, der die Situation der betroffenen Kinder laut einer Untersuchung des südafrikanischen Human Sciences Research Council möglicherweise noch verschlimmert. Denn sie bauen emotionale Bindungen zu den Durchreisenden auf, die dann ständig wieder aufgegeben werden müssen.

          Die junge Entwicklungsexpertin aus Zimbabwe schätzt den Nutzen von solchen Projekten aus diesen Gründen geringer ein als den Schaden. Wer profitiert also davon? Bei geringer Nachhaltigkeit muss man sagen: vor allem die Freiwilligen sowie die Organisatoren mit ihren Angestellten. Versucht man, den Leistungsbericht des Anbieters „Projects Abroad“ mit Projektergebnissen der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) zu vergleichen, wird deutlich, dass die Freiwilligenarbeit von „Voluntouristen“ keine echte Alternative zur Entwicklungszusammenarbeit darstellt.

          Lösungen zuhause suchen

          Grundsätzlich bleibt es aber fraglich, ob selbst professionelle Entwicklungsprogramme, wenn auch weitaus effektiver, wirklich nachhaltig sind. Peter Nunnenkamp vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel hält es für „unsagbar schwierig“, die Wirksamkeit von Entwicklungsprojekten wirklich messen zu wollen. Er könne sich aber auch nicht vorstellen, dass man ohne Bürokratie leicht Nachhaltigkeit schaffen kann. Deshalb zweifle er das auch bei „Voluntourism“-Unternehmen mit einer teils überaus kurzen Durchlaufzeit von Freiwilligen an.

          „Wenn du wirklich helfen willst, dann mach dir nichts vor“, fasst die Zimbabwerin die Situation zusammen. Freiwillige zahlten Tausende Euros und reisten einmal um den Globus, um mit Kindern zu spielen. Allein mit den Flugkosten hätten sie wohl einige Klassenzimmer finanzieren können, mutmaßt sie. Es sei viel Augenwischerei im Spiel, die die Vorstellung aufrechterhalte, man könne damit die Welt retten. Die wirklichen Probleme würden dadurch verschleiert, weil es keine nachhaltigen Lösungen schaffe.

          Es ist kein Geheimnis, dass EU-Staaten mit ihren subventionierten Produkten die Märkte in den afrikanischen Ländern zerstören. Deutsche Milchprodukte werden dort zum Beispiel günstiger verkauft, als afrikanische Hersteller sie in ihrem eigenen Land wirtschaftlich rentabel anbieten können. „Wir sollten uns anschauen, welche Firmen und Unternehmen wir unterstützen und welche Entscheidungen unsere Regierungen in Politik und Wirtschaft auch außerhalb unseres Heimatlandes treffen“, sagt die einstige Helferin aus Zimbabwe. Freiwilligenarbeit beginnt zu Hause. Da, wo es einem weh tun könnte, auf Privilegien zu verzichten – und wo man sein soziales und politisches Engagement nicht mit einem Foto auf Facebook in Szene setzen kann.

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