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Steuerparadiese : Was ist faul mit den Inseln?

Nicht zufällig wird im Englischen von Tax Haven (Steuerhafen) und Offshore-Gebieten (fern der Küste) gesprochen Bild: Malte Knaack

Steuerparadiese finden sich oft auf Inseln im Mittelmeer oder in der Karibik. Das Geschäftsmodell ist nicht totzukriegen. Daran ändert auch Zypern nichts.

          Die Kellner sprechen Russisch, die Speisekarten sind in kyrillischer Schrift, es gibt einen russischen Radiosender und eine russische Schule: Die Russen sind allgegenwärtig in Limassol, dem wirtschaftlichen Zentrum Zyperns. Von einigen Einheimischen wird es scherzhaft Limassolgrad genannt.

          Dyrk Scherff

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Russen - auf ganz Zypern werden sie auf bis zu 30.000 geschätzt - sind hier wohl nur in zweiter Linie wegen der Wärme und den Mittelmeerstränden. Die meisten sind hier, weil sie auf Zypern ihr Geld diskret, sicher und fast steuerfrei anlegen können. Denn Zypern gilt als Steueroase. Wie so viele andere Inseln auf der Welt auch. Ob Malta oder die Kanalinseln Jersey und Guernsey in Europa, ob die Karibikinseln Kaiman, Bahamas oder Barbados oder einige Eilande in Asien: Sie alle locken ausländisches Kapital mit niedrigen Steuern.

          Niedrige Steuern für Ausländer fallen kleinen Inseln leicht

          Es ist kein Zufall, dass ein Großteil dieser Steuerparadiese Inseln sind. Nicht zufällig wird im Englischen von Tax Haven (Steuerhafen) und Offshore-Gebieten (fern der Küste) gesprochen, während die deutsche Steueroase in die Wüste weist, wo es allenfalls in Dubai und Bahrein steuerlich interessante Finanzzentren gibt. Entscheidend für die Entstehung von Steuerparadiesen auf Inseln „sind die geographisch abseitige Lage und die dort ungünstigen Produktionsbedingungen“, sagt Wirtschaftshistoriker Paul Thomes von der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen.

          Das heißt erstens: Weit von den großen Ländern entfernt liegende Inseln konnten sich in der Geschichte eine volle oder gewisse Eigenständigkeit bewahren, denn es war für die großen Mächte zu teuer und zu aufwendig, sie sich voll einzuverleiben und zu verwalten. Das galt auch für die vielen Überseeterritorien, die vom britischen Empire kontrolliert wurden, erst recht aber nach ihrer Unabhängigkeit von der Krone.

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          Die Eigenständigkeit der Inseln ist aber zweitens auch ein Problem. Denn kleine isolierte Gebiete haben nicht viele Möglichkeiten, sich wirtschaftlich zu betätigen, Industrie gibt es nicht. „Diese Staaten mussten sich ein angepasstes Geschäftsmodell ausdenken, dass letztlich nur im Dienstleistungssektor angesiedelt sein konnte“, sagt Wirtschaftshistoriker Thomes. Da bieten sich Finanzdienstleistungen an. Denn um Kapital anzulocken, braucht es nicht viel Platz. „Raum für Briefkastenfirmen ist auch auf einer kleinen Insel.“

          Niedrige Steuern sind ein Weg, um an ausländische Gelder zu kommen. Superreiche bringen ihr Vermögen gern auf die Inseln, weil sie keine Einkommensteuer zahlen müssen, und Firmen gründen hier Tochtergesellschaften, weil deren Gewinne kaum zu versteuern sind. Sie nutzen das, indem sie Gewinne dorthin verschieben. Zum Beispiel, indem sie der Tochtergesellschaft Patente zuweisen, für die die Muttergesellschaft im Hochsteuerland Lizenzgebühren entrichten muss. Das mindert dort den Gewinn und erhöht ihn auf den Inseln. Die gleiche Wirkung haben Zinszahlungen des Mutterunternehmens an die Tochterfirma für Kredite, die die Tochter an die Mutter vergeben hat.

          Niedrige oder gar keine Steuern für Ausländer zu erheben fällt kleinen Inseln oft leicht. Sie finanzieren sich anders - zum Beispiel durch Verwaltungsgebühren und Zolleinnahmen. Und brauchen gleichzeitig weniger Geld. „Große Territorien hingegen benötigen mehr Steuern, um Militär und Verwaltung zu bezahlen“, sagt Wirtschaftshistoriker Jochen Streb von der Universität Mannheim. „Die Kaimaninseln haben kein großes Militär.“ Und die dortige Verwaltung ist tatsächlich eher klein.

          Nicht genau hinschauen

          Das ist ein weiteres Merkmal von Steuerparadiesen: wenig Bürokratie, wenig Regulierung. Das macht die Inseln für die Finanzindustrie interessant. Fonds werden innerhalb eines Tages zugelassen. Das heißt faktisch: Die Zulassungsdokumente werden nicht so genau angesehen. Und auch danach werden die Fonds nicht mehr groß überwacht, lästige Rechenschaftspflichten entfallen. So wurden die Kaimans mit 40 Prozent Anteil zum größten Zentrum für Hedgefonds. Und rund 80.000 Firmen haben hier ihren Sitz. Die Inseln sind mittlerweile der fünftgrößte Finanzplatz der Welt - mit einer Bevölkerung von nicht einmal 50.000 Einwohnern. Der Finanzsektor ist gigantisch überdimensioniert für die kleine Insel und typisch für eine Steueroase.

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