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Zinseszinseffekt : Kapitalanlage funktioniert auch bei Niedrigzinsen

Besitzer von Sparbüchern und Tagesgeldkonten bekommen nur noch niedrigere Zinsen für ihre Ersparnisse. Bild: dpa

Viele Anleger unterschätzen die langfristige Rolle des Zinseszins. Er ist heute das stärkste Argument gegen dauerhafte Zinsanlagen. Aber es gibt Alternativen.

          Tagesgeld ist eine der liebsten Anlagen der Deutschen. Derzeit bringt Tagesgeld im Schnitt eine Rendite von rund einem Prozent im Jahr. Ein Anleger, der heute 10.000 Euro auf ein Tagesgeldkonto einzahlt, käme – einen unveränderten Zins vorausgesetzt – nach 30 Jahren auf ein Guthaben von lediglich 13.478,50 Euro. Das ist über einen so langen Zeitraum ein sehr bescheidener Wertzuwachs, aber dennoch nutzen viele Sparer in Deutschland das eigentlich als kurzfristige Sparform gedachte Tagesgeld als Daueranlage.

          Gerald Braunberger

          Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.

          Ganz anders sähe die Rechnung für einen sehr langfristigen Anleger aus, wenn es ihm gelänge, über einen Zeitraum von 30 Jahren sein Geld zu einer Rendite von 4 Prozent im Jahr anzulegen. Hier verwandelte sich seine Einzahlung von 10.000 Euro im Laufe der Zeit zu einem Guthaben von 32.434 Euro. Im aktuellen Kapitalmarktumfeld mag eine Rendite von 4 Prozent auf die Dauer nicht leicht erreichbar erscheinen, und ganz ohne Risiko ließe sie sich auch nicht anstreben – aber viele Anleger versuchen es nicht einmal.

          Der erhebliche Unterschied in der Auszahlung nach 30 Jahren erklärt sich mit dem von vielen Anlegern unterschätzten Zinseszins: Es wird bei solchen Rechnungen angenommen, dass der Anleger seine Zinserträge während der Laufzeit nicht abhebt, sondern wieder anlegt. Es ist dieser aus der Wiederanlage von Zinserträgen stammende Zinseszinseffekt, der zur erheblichen Spreizung der Ergebnisse aus einer langfristigen Kapitalanlage zu einem oder zu vier Prozent führt. Wie die untere Tabelle zeigt, gilt dieser Effekt auch für Sparpläne, in die kontinuierlich neues Geld eingeschossen wird.

          Aktien gehören zu einer langfristigen Vermögensbildung

          Gänzlich unattraktiv werden langfristige Kapitalanlagen zu einem Prozent, wenn der Anleger noch die Inflationsrate und Steuern in seine Rechnung einbezieht. Dann wird er mit einer solchen Anlage überhaupt keinen Gewinn mehr erzielen. Vergleichbare Überlegungen lassen mit der Kapitallebensversicherung ein anderes Lieblingskind des deutschen Sparers derzeit nicht sehr vielversprechend aussehen. Lebensversicherungen investieren die ihnen anvertrauten Mittel zu einem erheblichen Teil in Anleihen guter Bonität, die sich derzeit auch nur mäßig rentieren: Zehnjährige Bundesanleihen bringen derzeit rund 1,35 Prozent, zehnjährige deutsche Pfandbriefe mit 1,5 Prozent kaum mehr. Die Bundesregierung will den sogenannten Garantiezins – das ist der von den Versicherern garantierte Mindestzins der Lebensversicherung – für neue Verträge mit dem Januar 2015 von 1,75 auf 1,25 Prozent reduzieren.

          Das derzeit sehr niedrige Zinsniveau, das nach Ansicht von EZB-Präsident Mario Draghi längere Zeit Bestand haben sollte, verlockt somit nicht zur langfristigen Kapitalbildung auf eine traditionelle Weise. Die Europäische Zentralbank, die ihren Leitzins am vergangenen Donnerstag noch einmal gesenkt hatte, sieht jedenfalls angesichts einer sehr niedrigen Inflationsrate und einer schwachen Wirtschaftsentwicklung in weiten Teilen des Euroraums auf absehbare Zeit keinen Anlass für Zinserhöhungen. Und auch Anleihen mit schwächerer Bonität lohnen nicht mehr wirklich. Durch die Leitzinssenkung der EZB unterstützt, sind die Renditen zehnjähriger Staatsanleihen mit 2,73 Prozent in Italien und 2,61 Prozent in Spanien auf historische Tiefs gefallen.

          Aber viele Anleger sind nicht gezwungen, ihre gesamten Mittel langfristig auf Bankkonten und in Anleihen zu bunkern. Es ist wenig erstaunlich, dass in Deutschland über kaum ein Geldthema derzeit so viel geredet wird wie über Wohneigentum. Die sehr niedrigen Zinsen für zehnjährige Hypothekenkredite von durchschnittlich rund 2,25 Prozent locken künftige Wohneigentümer; andererseits sind in beliebten Lagen die Preise schon recht hoch geworden. Wohneigentum kann selbst genutzt werden und schützt als Sachanlage gegen Inflation; andererseits enden die Kosten des eigenen Hauses nicht mit dem Bau. Im internationalen Vergleich gelten die Deutschen bisher eher als ein Volk der Mieter als ein Volk der Immobilienbesitzer. Dies mag sich in der laufenden Niedrigzinsphase allmählich ändern.

          Risiken bei der Finanzberatung

          Noch nicht sicher ist jedoch, ob sich an dem im internationalen Vergleich niedrigen Interesse vieler Deutscher an Wertpapieren etwas ändern wird. Nach den Berechnungen des Deutschen Aktieninstituts besaßen im vergangenen Jahr 8,9 Deutsche Aktien oder Aktienfonds, wobei gegenüber dem Vorjahr die Zahl der Aktionäre konstant und die Zahl der Fondsbesitzer rückläufig war. Kein Prinzip der langfristigen Kapitalanlage ist jedoch so wichtig wie die Streuung des Vermögens auf mehrere Anlageformen, und nach Ansicht vieler Experten gehören Aktien oder Aktienfonds zu einer langfristigen Vermögensbildung. Hierbei sollen im aktuellen Umfeld sehr niedriger Zinsen Aktien die Rendite und Zinsanlagen Sicherheit gegen zu hohe Schwankungen des Depots bieten. Bei Aktien stellt sich eine Art Zinseszinseffekt ein, wenn die Dividenden nicht konsumiert, sondern wieder in Aktien angelegt werden.

          Warren Buffett, einer der erfolgreichsten Anleger unserer Zeit, hat seinen Erben einen einfachen Rat gegeben: Sie sollten 90 Prozent des von ihm hinterlassenen Vermögens in einen Aktienfonds und 10 Prozent in einen Fonds mit kurzlaufenden verzinslichen Wertpapieren wie Schatzwechseln stecken und ansonsten gar nichts tun. Eine Aktienquote von 90 Prozent wäre für deutsche Verhältnisse exorbitant hoch, und auch für amerikanische Verhältnisse ist sie noch ungewöhnlich. Ein seit Jahrzehnten in den Vereinigten Staaten bei Großanlegern bekanntes Anlagemodell sieht eine Aufteilung des Geldvermögens in 60 Prozent Aktien und 40 Prozent Anleihen vor. Solche Aktienquoten erreichen viele Großanleger hierzulande nicht einmal entfernt: Die Aktienquoten deutscher Versicherer liegen im Durchschnitt derzeit zwischen 3 und 4 Prozent. Wie hoch die Aktienquote eines Privatanlegers sein sollte, hängt von seinen finanziellen Möglichkeiten und von seiner Risikobereitschaft ab.

          Ein weiterer Schritt auf dem Weg zu einer höheren Rendite besteht für Privatanleger in der Vermeidung unnötiger Kosten der Kapitalanlage. Viele Berater verkaufen Kunden Produkte, die ihnen oder ihren Arbeitgebern hohe Provisionen bescheren, aber nicht wirklich im Interesse des Kunden liegen. Die Gefahren für den Kunden sind vielfältig: Sie lauern in Gestalt zu vieler Versicherungen oder von komplizierten Anlageprodukten, die der Kunde nicht versteht und die sich später nicht als die angeblichen Renditeraketen erweisen. Daneben wird viel Geld in scheinbar attraktiven Steuersparmodellen versenkt.

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