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Negativzinsen : Wer spart, muss zahlen!

Bild: Illustration F.A.S.

Die ersten Banken verlangen jetzt Strafzinsen auf Sparguthaben. Wie absurd ist das denn?

          Es ist nicht bekannt, ob die Chefs der Skatbank in Altenburg eine ganz eigene Art von Humor pflegen. Falls ja, muss es ein bitterböser Humor sein, rabenschwarz, so dass einem das Lachen im Halse stecken bleibt. Wie sonst könnte diese kleine, weitgehend unbekannte Bank aus Thüringen auf die Idee kommen, ihre Kunden ausgerechnet in der vergangenen Woche mit einer Mitteilung zu überraschen, die seitdem in ganz Deutschland Wellen schlägt: In Altenburg schaffen sie das Sparen ab – und das in einer Woche, in der Banken in aller Welt den „Weltspartag“ feiern.

          Dennis Kremer

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Christian Siedenbiedel

          Einst war dies eine Werbeveranstaltung der Sparkassenverbände mit Sparschweinen und Ballons, um die Menschheit vom Wert des Sparens zu überzeugen. Nun macht die Skatbank daraus das genaue Gegenteil. Was wie ein schlechter Scherz klingt, ist für ihre vermögenden Kunden seit dem 1. November bitterer Ernst: Wer mehr als 500.000 Euro auf einem Tagesgeldkonto der Bank hat, erhält dafür nicht etwa Zinsen – nein, stattdessen ist eine Strafgebühr von 0,25 Prozent fällig. Erstmals in Deutschland bringt ein Tagesgeldkonto ganz normalen Kunden keine Zinsen, kein Geld mehr ein. Sondern es kostet sie Geld.

          Mag der Name der Bank auch putzig klingen (Altenburg rühmt sich als die Stadt, in der das Skatspiel erfunden wurde), mag sie in Deutschland völlig unbedeutend sein: Was dort in der vergangenen Woche passierte, ist ein Tabubruch, eine Ungeheuerlichkeit. Und es könnte erst der Anfang sein.

          Negativzinsen in Deutschland? Unvorstellbar!

          Sieben Jahre nach dem Höhepunkt der Finanzkrise schockt die Bankenbranche die Deutschen mit dieser neuen Absurdität. Dass von den Zinsen aufs Ersparte real, also nach Abzug der Inflationsrate, oft ein Verlust bleibt, daran hatten sich viele Kunden gewöhnt – wenn auch mehr schlecht als recht. Aber was sie nun erleben, klingt endgültig nach einer verrückten Welt: Die Zinsen aufs Ersparte werden nun sogar auch nominal, also auf dem Papier und vor Abzug der Inflationsrate, negativ.

          „Das Beispiel der Skatbank wird weitere Banken locken, so etwas auch auszuprobieren“, sagt Hans-Peter Burghof, Bankenprofessor in Stuttgart. Seine düstere Vorhersage: „Es dürfte immer schwerer werden, für größere Beträge irgendeinen Zins ohne Risiko zu erhalten.“

          Noch vor einem Jahr war das kaum vorstellbar gewesen. Als im vorigen November bekannt wurde, dass Deutschlands Banken ihre Computersysteme mit IT-Projektteams auf die Verarbeitung negativer Zinsen vorbereiten, klang das noch nach einer sehr hypothetischen Vorsichtsmaßnahme. Zwar hatte es auch da schon Notenbanken gegeben, etwa in Dänemark, die ihren Leitzins für einige Zeit ins Minus gesenkt hatten. Und in der Schweiz waren die Banken so vom Geld der Euro-Flüchtlinge überrannt worden, dass einige frecherweise Gebühren für Festgeldkonten verlangten, statt Zinsen zu zahlen. Aber in einem großen Land wie Deutschland? Unvorstellbar.

          Firmenkunden müssen schon länger zahlen

          Mario Draghi, der Präsident der Europäischen Zentralbank höchstselbst, gaukelte Europas Sparern Sicherheit vor. Im November 2013 begann er eine Rede in Berlin so: „Bitte schließen Sie nicht aus dem, was ich heute sage, auf die Möglichkeit negativer Einlagenzinsen.“ Negative Zinsen – das ist der vornehme Notenbanker-Ausdruck für ein hässliches Wort: Strafgebühr.

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