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Neurofinanz : „Unser Hirn kann nicht mit Geld umgehen“

Buddhistische Mönche in Bangkok: Sie können ihre Impuls kontrollieren - deshalb wären sie gute Börsenhändler. Bild: Imago

Das Hirn ist ein archaisches Konstrukt – Geld ein modernes. Beides geht nicht zusammen: Die emotionalen Reaktionen auf Gewinne und Verluste machen vernünftiges Handeln schwierig. Doch es gibt eine Lösung.

          „Gier frisst Hirn“ heißt es, wenn Anleger durch eigene Fehler schmerzliche Verluste erleiden. Roland Ullrich findet das zwar ein wenig platt, aber letztlich doch zutreffend. „Unser Hirn ist das Ergebnis eines evolutionären Selektionsprozesses. Es ist uns zum Überleben gegeben und nicht dafür geschaffen, mit Geld umzugehen. Schon gar nicht in komplexen Finanzmärkten. Insofern haben die Verstandsareale des Hirns bei Anlageentscheidungen generell eher selten das Sagen.“

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der ehemalige Investmentbanker und heutige Managementberater hat sich als Spezialgebiet die „Neurofinanz“ erkoren, ein interdisziplinäres Forschungsgebiet, in dem Erkenntnisse aus Verhaltensökonomie, Hirnforschung und Psychologie zusammenfließen.

          Grundsätzlich zutreffend an der Aussage „Gier frisst Hirn“ sei, dass eben das Hirn, genauer der Verstand, allzu oft aussetze, wenn es um Gewinne und Verluste geht. Das treffe zumindest zu, wenn man unter „Hirn“ den präfrontalen Cortex verstehe, der für das Überlegen zuständig sei. Definiere man das limbische System, in dem Emotionen verarbeitet werden, dann als „Bauch“, so entscheide man in Gelddingen fast immer aus dem Bauch heraus.

          Verräterische Redewendungen

          Warum das so ist, meint die Neurofinanz belegen zu können. Ein eigenes Geldzentrum, sozusagen eine Hausbank, gibt es nicht im Gehirn. Also stellte sich die Frage: Welche Gehirnareale werden aktiviert, wenn es um finanzielle Entscheidungen geht? Einen Hinweis geben weitere Redewendungen: Etwa, dass es im Geldbeutel weh tut oder dieser lacht.

          „Verluste sind Schmerz. Das Gehirn unterscheidet nicht zwischen einem Wespenstich, dem Hammer auf dem Daumen oder aber einem finanziellen Verlust. Hier ist ein Schmerz, das aktiviert das Aversionszentrum in der Insula, und dann heißt es: Kampf oder Flucht, ein in unserer Evolutionsgeschichte durchaus bewährtes Verhalten.“ Der präfrontale Cortex wird in dieser Situation unterversorgt - das Denken fällt schwerer.

          Die „Börsenpanik“ als Cortisol-Schock

          Die praktische Reaktion ist unterschiedlich. Wird die Bedrohung nicht als existentiell empfunden, sind Wut oder Ärger die Folge: Der Bankberater bekommt einen bösen Anruf, der Vorstand der AG ist ein Idiot, und die Aktie wird aus Enttäuschung verkauft. Oder es greift der Fluchtreflex und der Anleger redet sich die welt schön: Alles kein Problem, an der Börse gehe es rauf und mal runter, das werde schon wieder und am besten schaue man gar nicht hin.

          Das Letztere geht so lange, bis die Bedrohung existentiell zu werden scheint: Dann schüttet die Nebennierenrinde Cortisol aus, und der Anleger verfällt in Panik. „Neurophysiologisch ist ein Börsencrash ein Cortisol-Schock“, sagt Ullrich. „Da setzt der Verstand wortwörtlich aus, und es herrscht kopflose Panik.“ Deswegen nennt man den Börsencrash wohl zu Recht auch „Börsenpanik“.

          Doch auch bei Gewinnen setzt der Verstand aus. „Kursgewinne sind eine Belohnung. Also reagiert das Belohnungszentrum im Nucleus accumbens, und wir wollen unseren Gewinn haben - jetzt und sofort.“ Deswegen verdienten auch so viele Privatanleger an der Börse kein Geld. Fatal wirkt sich dies auch auf die Altersvorsorge aus. „Unser Gehirn springt auf eine langfristige Zukunft hin nicht an. Es ist gepolt auf sofortige Belohnung und die Abwehr von akuten Gefahren.“

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