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Debatte um negative Zinsen : ING Diba lehnt Gebühren für Bankkunden ab

Als erstes Institut der Sparkassenfinanzgruppe hatte die Sparkasse Köln-Bonn im März bekannt gegeben, von einigen vermögenden Privatkunden Strafzinsen zu verlangen. Bild: dpa

Wohlhabende Privatkunden wecken Begehrlichkeiten der von Negativzinsen belasteten Banken. Ein großer Anbieter sieht das anders.

          Immer mehr Sparkassen und Banken ziehen Strafzinsen für reiche Kunden in Erwägung. Dazu zählen auch die Sparkassen im Rheinland, die zwar alles daran setzen, Negativzinsen für private Sparer auf breiter Front zu vermeiden, diese aber für wohlhabende Kunden nicht ausschließen. Der scheidende Vorstandschef der ING Diba, Roland Boekhout, kritisierte dagegen die höheren Gebühren für Bankkunden wie etwa für Abhebungen am Geldautomaten. Andere Vertreter aus der Kreditwirtschaft verteidigten diese aufgrund der gestiegenen Kosten wie zum Beispiel durch den negativen Einlagensatz, den Banken für Mittel, die sie bei der Europäischen Zentralbank (EZB) anlegen, zahlen müssen. Dieser beträgt minus 0,4 Prozent.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Christine Scharrenbroch

          Freie Autorin im Wirtschaftsteil.

          Die Institute reichen diesen Strafzins schon längst an Großkunden wie zum Beispiel Unternehmen weiter. Inzwischen breiten sich die negativen Zinsen aber auch auf sehr wohlhabende Privatkunden mit hohen Kontoeinlagen aus. Als erstes Institut der Sparkassenfinanzgruppe hatte die Sparkasse Köln-Bonn im März bekannt gegeben, von einigen vermögenden Privatkunden Strafzinsen zu verlangen. Sie gehört zum Rheinischen Sparkassen- und Giroverband. Dessen Präsident Michael Breuer sagte nun: Im Einzelfall könnten bei hohen Einlagen individuelle Lösungen angebracht sein, insbesondere beim Wechsel von Wettbewerbern zu den Sparkassen. Im vergangenen Jahr haben die rheinischen Sparkassen Gegenwind zu spüren bekommen. Infolge der Niedrigzinsen gab der Zinsüberschuss um knapp 5 Prozent auf 2,8 Milliarden Euro nach. Angesichts des schwierigen Umfelds zeigte sich Breuer mit dem auf 587 (Vorjahr 663) Millionen Euro gesunkenen Ergebnis vor Steuern zufrieden.

          ING Diba: Institute sollen Kosten in den Griff bekommen

          Bei den Volks- und Raiffeisenbanken gibt es schon länger negative Zinsen. Vor einem Jahr hatte die Raiffeisenbank Gmund am Tegernsee negative Konditionen für Vermögen ab 100.000 Euro eingeführt. Andere Institute aus dem genossenschaftlichen Verbund haben nachgezogen. In der vergangenen Woche sagte der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Apotheker- und Ärztebank, Herbert Pfennig, Verwahrgebühren für sehr wohlhabende Privatkunden seien denkbar, wenn deren sehr hohe Kontenstände den Schluss zuließen, dass sie ihre Mittel zur Apo-Bank umleiteten, weil sie bei anderen Instituten mit negativen Zinsen konfrontiert seien. Verwahrgebühren sind der beschönigende Begriff der Banken für Negativzinsen. Das auf Heilberufe spezialisierte Institut – mit einer Bilanzsumme von 38,6 Milliarden Euro die größte Mitgliedsbank des Bundesverbandes der Volks- und Raiffeisenbanken (BVR) – zählt gut verdienende Ärzte und Zahnärzte zu ihren Kunden.

          Die Negativzinsen betreffen indirekt schon längst die meisten Privatkunden in Form höherer Gebühren zum Beispiel für die Kontoführung. Zu den neuerdings von einigen Sparkassen erhobenen Gebühren für Bargeldverfügungen am Geldautomaten sagte der Geschäftsführer des rheinischen Sparkassenverbands, Helmut Schiffer, jede Sparkasse müsse bei den Kontomodellen ihren eigenen Weg finden. Der Vorstandschef der mehr als 8 Millionen Kunden in Deutschland zählenden ING Diba, Roland Boekhout, hat dagegen die Einführung von Entgelten für Bankdienstleistungen kritisiert. „Anstatt die Gebühren weiter zu erhöhen, sollten diese Institute besser schauen, ihre Kosten in den Griff zu bekommen“, sagte Boekhout, der Mitglied im Vorstand des Bundesverbandes deutscher Banken (BdB) ist, der „Bild“-Zeitung. Boekhout wird am 8. Mai das Zepter bei der ING Diba an Nick Jue übergeben und in den Vorstand der niederländischen Muttergesellschaft ING wechseln.

          Dombret für „Ende der Umsonstkultur“

          Der Vorstandsvorsitzende der National-Bank, Thomas A. Lange, hält Gebühren für unvermeidbar. „Banken halten sowohl Filialen als auch Geldausgabeautomaten vor, gleichzeitig erwarten die Kunden bequemes Online-Banking“, sagte Lange dem Blatt. Die notwendigen Investitionen seien – anders als früher – aus den Zinserträgen allein nicht mehr zu finanzieren. Preiserhöhungen seien „betriebswirtschaftlich notwendig“. Der Vorstandschef der Südwestbank, Wolfgang Kuhn, bezweifelt indes, dass die Banken Entgelte in der Zukunft wieder rückgängig machen. „Sind die Gebühren einmal eingeführt, werden sie auch bleiben.“ Selbst bei steigenden Zinsen kann sich Kuhn nicht vorstellen, dass sie wieder zurückgedreht werden.

          Ähnlich hatte sich BdB-Hauptgeschäftsführer Michael Kemmer auf dem Bankentag geäußert: „Die Zeiten einer Kostenlos-Kultur sind wahrscheinlich vorbei, und ich glaube, dass sie das dauerhaft sind, bei allen Banken. Das wird nicht mit den Niedrigzinsen enden.“ Aufseher wie etwa Bundesbank-Vorstand Andreas Dombret befürworten die Einführung von Gebühren und das „Ende der Umsonstkultur“. Banken hatten jahrelang die Kontoführung und andere Dienstleistungen kostenlos angeboten. Das konnten sie sich leisten, weil sie die kostenlosen Angebote über den hohen Zinsüberschuss quersubventionierten. Zudem waren nach der Finanzkrise hohe Kundeneinlagen als günstiges Finanzierungsmittel interessant. Mit dem Strafzins der EZB auf Einlagen der Geschäftsbanken hat sich dies aber gedreht. Einlagen sind nicht mehr begehrt, weil sie Kosten verursachen. Dabei hatte EZB-Präsident Mario Draghi vor drei Jahren, als erstmals ein Leitzins in den negativen Bereich gesenkt worden war, zu beschwichtigen versucht: „Die Zinssätze, die wir verändert haben, sind für Banken, nicht für die Leute.“

          Als einer der ersten Präsidenten eines regionalen Sparkassenverbands sprach sich Breuer für die Wiederwahl von Georg Fahrenschon als Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands (DSGV) aus. Die Amtsperiode des früheren Finanzminister Bayerns endet im Mai 2018.

          Quelle: F.A.Z.

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