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Regierungs-Studie : Viele Anlageberater schummeln

Das Beratungsgespräch in einer Bank oder Sparkasse muss schriftlich festgehalten werden. Oft geschieht dies zu Lasten des Kunden. Bild: picture alliance / dpa Themendie

Beratungsprotokolle sollen die Kunden von Banken oder Versicherungen schützen. In der Praxis ist das aber nicht der Fall. Das Verbraucherschutzministerium kommt zu einem vernichtenden Urteil.

          Die Beratungsprotokolle verfehlen ihren Zweck. Die Berater von Banken, Versicherern und anderen Finanzdienstleistern übergeben oftmals keine Dokumentation der Gespräche mit Kunden. Tun sie es doch, missachten sie durchgehend die gesetzlichen Vorgaben. Statt den Kunden vor Fehlberatung zu schützen, besteht die Gefahr, dass das Beratungsprotokoll ihm schadet. Die Ergebnisse einer Studie des Bundesministeriums für Justiz und Verbraucherschutz, die der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vorliegt und an diesem Mittwoch veröffentlicht wird, fallen vernichtend aus. Kritiker an dem bürokratischen Aufwand zur Erfüllung der Dokumentationspflichten rund um die Geldanlageberatung werden sich bestätigt fühlen.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Im Auftrag von Justiz- und Verbraucherschutzminister Heiko Maas befragte das Berliner Institut für Transparenz 1000 Verbraucher und zahlreiche Experten. Doch die wichtigsten Erkenntnisse gewannen die 119 Testkäufer. Nur in jedem vierten Beratungsgespräch hätten diese eine Dokumentation erhalten, geht aus der Studie mit dem Titel „Evaluierung der Beratungsdokumentation im Geldanlage- und Versicherungsbereich“ hervor. Der Dachverband der Banken- und Sparkassenverbände, die Deutsche Kreditwirtschaft, will die Studie nun genau auswerten. Er nannte es ein ureigenes Interesse der Banken und Sparkassen, die Kunden qualitativ hochwertig zu beraten. „Dazu gehört selbstverständlich eine faire und transparente Anlageberatung in Wertpapieren“, teilte die Deutsche Kreditwirtschaft mit. Seit vier Jahren müssen die Banken ihren Kunden nach einer Beratung ein Protokoll aushändigen.

          Bundesverband deutscher Banken fordert Verzichtsmöglichkeit

          Bei Versicherungen besteht diese Pflicht schon seit sieben Jahren, aber in der Studie schneiden die Versicherungsvermittler am schlechtesten ab. Sie hätten ihren Kunden am seltensten Protokolle übergeben. Dagegen kommen die Honorarberater dieser Pflicht noch am ehesten nach. Sie erhalten von ihren Kunden für die Beratung eine Gebühr, während andere Vermittler von den Provisionen der Versicherer oder Anlagegesellschaften leben. Aber das ist nur eine Randerscheinung, die an den verheerenden Ergebnissen der Studie nichts ändert. „In allen Bereichen mussten wir feststellen: Wesentliche Inhalte des Gesprächs, zum Beispiel die Empfehlung eines Produkts und deren Begründung, haben Berater in vielen Fällen nicht dokumentiert“, lautet das Fazit der Studie. Andere Gesprächsinhalte seien unvollständig wiedergegeben worden. Das Verbraucherschutzministerium sieht sich nun in der Pflicht, die großen Defizite in der Beratungsdokumentation abzustellen.

          Der Bundesverband deutscher Banken (BdB) fordert eine Verzichtsmöglichkeit der Kunden. „Einige Kunden haben kein Interesse an dem Beratungsprotokoll“, erklärte BdB-Hauptgeschäftsführer Michael Kemmer. Für sie – und nur für sie – wäre eine Verzichtsmöglichkeit nötig. Wie schon zuvor zahlreiche Vertreter der Banken und Sparkassen verweist Kemmer auf die bürokratische Belastung der Banken, die durch die Protokollpflicht enorm gestiegen ist. Er wünscht sich, dass die Bundesregierung die Regeln zum Beratungsprotokoll „in einem Rutsch“ mit der Umsetzung der neuen EU-Finanzmarktrichtlinie (Mifid II) in deutsches Recht überarbeitet. Ziel dieser Richtlinie ist mehr Transparenz und weniger Spekulation an den europäischen Finanzmärkten.

          Protokolle nicht sehr verständlich verfasst

          Die Beratungsprotokolle kommen in der Studie des Verbraucherschutzministeriums dem Transparenzgebot nicht nach: Wegen der unvollständigen Dokumentation hätten die Verbraucher keine Grundlage, das Gespräch richtig nachzuvollziehen. Darüber hinaus seien die Protokolle nicht sehr verständlich verfasst und unübersichtlich gestaltet. „Meistens gehen die Protokolle am Ziel vorbei und geben nicht das wieder, was wirklich besprochen wurde“, kritisiert auch Dorothea Mohn, die im Verbraucherzentrale Bundesverband für Finanzthemen zuständig ist. Der Verband der Verbraucherschützer hat schon in den Jahren 2010 und 2012 eigene Untersuchungen durchgeführt, die zu ähnlichen Ergebnisse kommen wie die aktuelle, 500 Seiten dicke Studie des Verbraucherschutzministeriums.

          „Im Zweifel schadet das Beratungsprotokoll den Verbraucher“, sagt Mohn. Ein Beleg für ihre These lässt sich auch in der aktuellen Studie finden. „Wenn eine Unterschrift des Kunden vorgesehen ist, soll der Kunde meistens in eine ungünstige Position gebracht werden“, heißt es dort. Die Verbraucherschützerin Mohn fordert grundsätzlich den Systemwechsel zur provisionsfreien Beratung. Denn die Berater haben ein Interesse daran, ihren Kunden die Produkte mit der höchsten Provision zu empfehlen. Damit verdienen die Berater am besten, doch die Kunden fahren damit nur selten am besten. „Auf dem Weg dorthin brauchen wir eine Standardisierung der Protokolle und des Beratungsprozesses in Verbindung mit Ausfüllvorgaben“, fordert Mohn. Klare Vorgaben für Form und Inhalt sollten sicherstellen, dass alle wichtigen Verbraucherangaben erfasst und berücksichtigt würden.

          Als eine gute Maßnahme wertet die Studie das Mitarbeiter- und Beschwerderegister bei der Finanzaufsicht Bafin. Dort können sich die Kunden über Berater beschweren. Bis Ende April zählte die Bafin 14760 Beschwerden. Das Register erfasst 159323 Bankberater, 25992 Vertriebsbeauftragte und 2326 Mitarbeiter, die für die Überwachung gesetzlicher und aufsichtsrechtlicher Pflichten zuständig sind. In Banken wird das Register nicht selten auch als Einladung zur Denunziation kritisiert. Doch in der Studie des Verbraucherschutzministeriums wird darin ein geeignetes Instrument gesehen, um die Berater besser zu überwachen. Darüber hinaus fordern die Verfasser der Studie eine Vereinheitlichung der Dokumentation. Eine Arbeitsgruppe mit Vertretern aller Branchen und Mitarbeitern der zuständigen Ministerien soll einen Standard entwickeln.

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