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Finanzmarktrichtlinie : Mehr Transparenz für Bankkunden mit 20.000 Seiten

Hoffentlich gut beraten vor dem Vertragsabschluss Bild: dpa

Die deutsche Finanzaufsicht setzt große Hoffnungen in die neue Finanzmarktrichtlinie Mifid II. Alles soll transparenter werden. Die Banken klagen indes über hohe Kosten.

          Wer gerne Post von seiner Bank liest, darf sich freuen. Am 3. Januar 2018 tritt die europäische Finanzmarktrichtlinie Mifid II in Kraft, und die Vorbereitungen bringen die Mitarbeiter in den Banken schon seit einiger Zeit ins Schwitzen. Schließlich belaufen sich die Rechtstexte zur „Markets in Financial Instruments Directive“ (Mifid) inzwischen auf 20.000 Seiten.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Das ist der Umfang der Vorgaben, den europäische und nationale Gesetzgeber den Banken machen. Ob damit das Ziel der Richtlinie – eine bessere Beratung der Kunden – erreicht wird, darüber wird derzeit noch heftig diskutiert. Die Banken bezweifeln dies, während die Aufseher über ihre neuen Eingriffsmöglichkeiten begeistert sind.

          Für die Kunden der Banken lohnt sich der Aufwand, ist Elisabeth Roegele, Exekutivdirektorin der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin), überzeugt. Vieles werde besser, sagt sie, so etwa die Kostentransparenz oder der Grad der Dokumentation.

          Banken klagen über Kosten

          Doch hier scheiden sich die Geister. Der Bundesverband deutscher Banken (BdB), dessen größte Mitglieder die Deutsche Bank und die Commerzbank sind, hat die verschärften Dokumentationspflichten zuletzt als unverhältnismäßig kritisiert.

          Die einmaligen Kosten seit dem Jahr 2014 für die deutsche Kreditwirtschaft in Vorbereitung auf die Einführung von Mifid II bezifferte der Bankenverband auf eine Milliarde Euro. Das ist ein Betrag, den die Banken und Sparkassen in Zeiten historisch niedriger Zinsen und ständig steigender Aufsichtsvorgaben gerne für andere Zwecke verwenden würden als für die Umsetzung der Richtlinie.

          Problem Telefonberatung

          Stein des Anstoßes ist die Pflicht, in Zukunft Telefongespräche im Rahmen der Anlageberatung aufzuzeichnen. Die Aufzeichnungen müssen die Banken dann fünf Jahre vorhalten, wobei sich die Frist auf Wunsch der Aufsicht um zwei Jahre verlängern kann.

          Findet das Beratungsgespräch in der Filiale statt, dann reicht ein schriftlicher Vermerk über den Gesprächsverlauf, wenn er zu einem Wertpapierauftrag geführt hat. Das wird nach den Worten Roegeles aber kein Beratungsprotokoll mehr sein.

          Dafür wird es im Anschluss eine Geeignetheitserklärung geben, ob das Produkt für die Anlageziele und die Risikotragfähigkeit des Kunden geeignet ist. Der Aufsicht geht es vor allem darum, ob die Beratung bedarfsgerecht erfolgt ist.

          Der „negative Zielmarkt“

          Eine wesentliche Neuerung stellt für die oberste Wertpapieraufseherin der Bafin die stärkere Haftung der Hersteller von Finanzprodukten dar. Das sind zum Beispiel Fondsgesellschaften oder Banken, die Zertifikate auflegen. Diese müssen künftig den Zielmarkt ihrer Produkte festlegen, also welche Kunden damit angesprochen werden sollen.

          Damit verbunden kann auch die Definition eines „negativen Zielmarkts“ sein, worunter Roegele den Ausschluss bestimmter Kundengruppen von dem Produkt versteht. Das können zum Beispiel dann komplizierte strukturiert Produkte sein, die für die meisten Privatanleger kaum zu verstehen sind.

          Damit hofft Roegele, dass die vertreibenden Banken und Finanzdienstleister solche Wertpapiere nicht mehr ahnungslosen Kunden empfehlen. Dabei verwies sie auf die „Lehman-Zertifikate“, die viele deutsche Anleger vor der Finanzkrise gekauft hatten, um damit auf die Entwicklung des deutschen Aktienindex Dax zu setzen.

          Doch als die amerikanische Investmentbank Lehman Brothers zusammenbrach, waren auch die Zertifikate wertlos, weil sie als nachrangige Schuldverschreibung der Bank konzipiert waren.

          Große Hoffnung setzt die Wertpapieraufseherin auch in die verbesserte Kostentransparenz, die den Kunden künftig nicht mehr nur zum Erwerbszeitpunkt, sondern laufend geboten wird. Die Kunden erfahren sämtliche Kosten, die ihnen beim Kauf oder auch beim Verkauf entstehen.

          Letzteres ist vor allem für Fondsanteile wichtig. Die Berater müssen die Kunden vor dem Kauf darüber aufklären, wie die entstehenden Kosten die mögliche Rendite schmälern. Das kann sich auf verschiedene Produkte beziehen, so dass auf diese Art der Wettbewerb erhöht wird.

          Das kann bei Fonds zu geringeren Ausgabeaufschlägen führen. Grundsätzlich sollen Banken für den Vertrieb von Produkten keine Provisionen mehr erhalten. Aber diese Vorschrift ist löchrig: Die Aufsicht kann dies erlauben, wenn damit eine Qualitätsverbesserung verbunden ist. Das kann ein Filialnetz sein, weshalb diese Ausnahme vor allem Sparkassen und Volksbanken entgegenkommt.

          Quelle: F.A.Z.

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