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Financial Literacy : Wir können nicht mit Geld umgehen!

Bild: F.A.S.

Wir können keine Zinsen berechnen. Uns fehlt das Gespür für Risiko. Und wir verlieren schnell den Überblick über unser Geld. Das muss sich schleunigst ändern. Die F.A.S. hilft.

          Sie legen 100 Euro zu einem Zinssatz von zwei Prozent für ein Jahr an. Wie viel erhalten Sie nach einem Jahr zurück?

          Dennis Kremer

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die richtige Antwort lautet: 102 Euro. Einfacher geht’s nicht. Jedes Schulkind kann das ausrechnen. Und auch jeder Erwachsene?

          Nein. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung hat diese vermeintlich einfache Rechenaufgabe repräsentativ ausgewählten Einwohnern europäischer Staaten gestellt, aus jedem Land mussten mindestens 1000 Leute rechnen, dass zwei Prozent Zinsen auf 100 Euro einen Zinsgewinn von zwei Euro ausmachen. Mehr als jeder dritte deutsche Proband scheiterte an der Zinsrechnung in ihrer einfachsten Form - 36 Prozent der Deutschen gaben eine falsche Lösung an.

          So ist es bestellt um die Kompetenz Europas bevölkerungsreichster Nation in Fragen rund um das Geld. „Financial Literacy“ wird die Finanzkompetenz von Menschen in der Wissenschaft genannt, in Deutschland herrscht davon wenig vor - obwohl es in unserem Leben ständig um Geld geht: wenn wir einen Kredit aufnehmen. Wenn wir eine Anleihe kaufen. Oder eine Lebensversicherung abschließen. Trotzdem haben die meisten keine Ahnung, was sie da tun - das Scheitern beginnt bereits bei der Einschätzung von Wahrscheinlichkeiten.

          Noch ein Selbstversuch: Was genau bedeutet die Aussage „Die Regenwahrscheinlichkeit beträgt morgen 30 Prozent“? Wird es nun morgen regnen oder nicht?

          Bilderstrecke

          Der Risikoforscher Gerd Gigerenzer vom Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung hat diese Frage in einer Studie ganz normalen Menschen gestellt, die Antworten fielen höchst unterschiedlich aus: Einige waren sich sicher, dass es 30 Prozent der Zeit regnen werde, also etwa sieben bis acht Stunden. Andere dagegen waren überzeugt, dass es in 30 Prozent des Berliner Stadtgebiets regnen werde - vielleicht also in Kreuzberg, aber möglicherweise nicht in Wilmersdorf.

          Drama Risikoeinschätzung

          Und wieder andere waren sich sicher: Der Wert der Regenwahrscheinlichkeit von 30 Prozent bezieht sich allein auf die Gesamtwahrscheinlichkeit, dass es am kommenden Tag regnen werde. Im Umkehrschluss bedeutet dies: Mit einer hohen Wahrscheinlichkeit wird es morgen eben gerade nicht regnen. Der Schirm darf im Schrank verbleiben.

          Tatsächlich: Das darf er wirklich! Es ist die letzte Gruppe, die mit ihrer Antwort richtig liegt. Sie kann sich freuen, dass sie trotzdem ins Grüne gefahren ist, während die anderen Probanden den geplanten Familienausflug möglicherweise abgesagt haben. Blöd gelaufen, aber alles in allem kein Drama.

          Geht es ums Geld statt ums Wetter, kann die mangelnde Fähigkeit des Einzelnen, Risiken korrekt einzuschätzen, aber durchaus ein Drama sein. Die fehlende Finanzkompetenz kann dazu führen, dass das Konto am Jahresende trotz eines sechsstelligen Gehalts nicht nur leer ist, sondern gehörig im Minus, die Lebensversicherung zu teuer, die Aktien im Sinkflug.

          Denn in Finanzdingen müssen wir uns häufig mit ähnlichen Dingen wie der Regenwahrscheinlichkeit beschäftigen: Wie wahrscheinlich ist es, dass ich mit meinen Aktien, Anleihen oder Fonds Gewinn mache, wie groß ist die Gefahr eines Verlusts? Kann es passieren, dass Anleger am Ende von oben bis unten vollkommen durchnässt dastehen, weil sie die Großwetterlage falsch eingeschätzt haben?

          Die meisten Menschen haben keine große Lust, sich mit solch anstrengenden Fragen auseinanderzusetzen. Das belegen unzählige Umfragen: Die Bundesbürger empfinden es in der ganz überwiegenden Mehrheit bereits als lästig, ein einziges Mal im Monat über ihr Geld nachzudenken. Es ist weitaus schöner, ins Kino zu gehen oder zum neuen Italiener nebenan, als sich nach Feierabend die Grenzen des eigenen Budgets vor Augen zu führen.

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