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Schließung von Filialen : Banken in der Zwickmühle

Ein Schatten ihrer selbst: Geschlossene Filiale der Deutschen Bank Bild: Picture-Alliance

Mit weniger Filialen wollen Kreditinstitute Geld sparen – doch die Banken stecken in einer Zwickmühle.

          Die Kunden der Deutschen Bank im Frankfurter Stadtteil Bornheim haben es künftig weiter zu ihrer Filiale. Wenn sie mit einem Bankberater sprechen wollen, können sie das von 2017 an nicht mehr an der beliebten Einkaufsstraße im Viertel, der Berger Straße, sondern müssen in die Innenstadt fahren, an die Konstablerwache. Bargeld für den Einkauf in der Nachbarschaft müssen sie an anderen Geldautomaten holen.

          Tim  Kanning

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Bornheimer Filiale ist eine von 188 Zweigstellen, welche die Deutsche Bank in den nächsten zwei Jahren schließen will. Ein Viertel der bisherigen Zweigstellen hält sie für überflüssig. Vor allem im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen setzt der Rotstift an, 51 Filialen schließen dort; in Berlin sind es 43, wie die Bank am Sonntag mitteilte.

          Damit geht das seit Jahren andauernde Sterben der Bankfilialen in Deutschland weiter. Kunden, die Wert auf persönliche Beratung und Service legen, müssen dafür immer häufiger weite Wege in Kauf nehmen. Auch andere Banken und Sparkassen reduzieren die Zahl der Anlaufstellen drastisch. Die Sparkasse Köln-Bonn etwa hat gerade angekündigt, bis 2017 ein Fünftel ihrer Zweigstellen zu schließen.

          In einer Umfrage des Genossenschaftsverbands unter den 281 ihm angeschlossenen Volks- und Raiffeisenbanken gab mehr als die Hälfte an, in den nächsten fünf Jahren Filialen schließen zu wollen. Die Commerzbank hatte nach der Übernahme der Dresdner Bank schon in den vergangenen Jahren das gemeinsame Filialnetz deutlich gestrafft.

          Zahl der Bankstellen nahezu halbiert

          Alles in allem hat sich die Zahl der Bankstellen in Deutschland laut der Bundesbank in den vergangenen 20 Jahren nahezu halbiert auf zuletzt noch 34.000. Die Unternehmensberater von Investors Marketing erwarten einen weiteren Rückgang auf 20.000 bis zum Jahr 2025.

          Die Gründe sind vielfältig. Zum einen verdienen viele Banken wegen der Niedrigzinsphase und der verschärften Regulierung immer weniger Geld, so dass sie ihre Kosten verringern müssen. Die Deutsche Bank steht zudem wegen der hohen Rechtskosten unter Druck. Zum anderen nutzen die Kunden zunehmend das Internet, um sich über Finanzprodukte zu informieren, und erledigen auch komplexere Geschäfte wie den Handel mit Wertpapieren oder den Abschluss einer Baufinanzierung selbst online. Bei einer Kundenbefragung der Deutschen Bank gaben 43 Prozent an, dass sie im vergangenen Jahr nur einmal in ihrer Filiale gewesen seien.

          Der Betrieb der teuren Verkaufsstellen in Innenstadtlage lohnt sich daher immer weniger. Die Deutsche Bank etwa muss nach eigenen Angaben für jeden Euro, den die Filiale einspielt, mehr als 80 Cent für die Kosten aufbringen. Mit dem nun angekündigten großen Streichprogramm, dem 2500 Stellen zum Opfer fallen werden, will Privatkundenvorstand Christian Sewing diesen Wert auf 60 Cent drücken.

          Vielen ist persönlicher Kontakt wichtig

          Auch der Präsident des Genossenschaftsverbands, Michael Bockelmann, nannte vor allem das veränderte Kundenverhalten als Grund, als er im Frühjahr die Ergebnisse der Volksbanken-Umfrage vorstellte: Mit 51 Prozent lag der Anteil der Kunden, die online Bankgeschäfte erledigten, erstmals bei mehr als der Hälfte. „Es wird niemand in einem Ort eine Filiale aufrechterhalten können, die alle Bereiche abdeckt, wenn am Tag nur zehn Kunden kommen“, sagte Bockelmann.

          Doch die Banken stecken in einer Zwickmühle. Denn viele Kunden, die sich für eine Bank mit Filialen entschieden haben, statt gleich zur Direktbank zu gehen, legen gerade auf den persönlichen Kontakt großen Wert. In einer Umfrage der Unternehmensberatung Investors Marketing unter 2000 volljährigen Bankkunden gab mehr als jeder Fünfte (22 Prozent) an, seine Bankgeschäfte ausschließlich in der Filiale zu erledigen.

          Etwas mehr als die Hälfte wollte sowohl online als auch in der Filiale Geschäfte machen. Und ausführliche Beratungsgespräche wollten sogar 88 Prozent nur in der Filiale führen. Immerhin jeder Zehnte gab an, seine Bank wechseln zu wollen, wenn sie die Zweigstelle in seiner Nähe schließen würde. Die Kunden der Deutschen Bank zeigten sich in dieser Frage sogar etwas wechselwilliger (14 Prozent) als die fast aller anderen Kreditinstitute.

          Große Beratungszentren

          Die Banken müssen also einen Weg finden, ihren Kunden auch dann noch einen guten persönlichen Service zu bieten, wenn sie ihn seltener nutzen. Deutsche-Bank-Vorstand Sewing legt daher größten Wert darauf, das Ausdünnen des Filialnetzes nicht allein als Sparprogramm darzustellen, und betont zu jeder Gelegenheit, dass sich die Bank mit weiterhin mehr als 500 Filialen nicht aus der Fläche zurückziehe.

          Im Gegenteil würden die Filialen ja jeweils mit der nächstgelegenen zusammengelegt und böten dann noch mehr Service als bisher. An jedem Standort soll nun auch Vermögensverwaltung angeboten werden. Und an sieben bis acht Standorten sollen große Beratungszentren entstehen. Insgesamt 200 Fachleute sollen dort auch außerhalb der gewöhnlichen Geschäftszeiten für persönliche Gespräche zu erreichen sein – über Telefon oder Online-Chat. Das erste soll schon in der nächsten Woche in Berlin eröffnen.

          Neue Formen der Filiale

          Auch der neue Privatkundenvorstand der Commerzbank, Michael Mandel, experimentiert mit neuen Formen der Filiale. In Berlin und Stuttgart hat die Bank zuletzt große, sogenannte Flagship-Filialen getestet, in denen die Berater in lockerer Atmosphäre, mit iPads in der Hand die Kunden betreuen sollen.

          Die Beratungsgespräche gingen nach dem Umbau laut der Bank um knapp ein Drittel nach oben, die Erträge immerhin um 9 Prozent. Drei neue Flaggschiffe in Hannover, Bremen und Bochum sollten schon in den nächsten Monaten öffnen, insgesamt könnte sich Mandel sogar hundert vorstellen.

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