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Girokonten : Banken werden kreativ bei den Zusatzkosten

Kostenlos zieht immer: Girokonten, bei denen wirklich alles gratis ist, gibt es kaum. Bild: www.marco-urban.de

Für Girokonten erheben Banken zunehmend Gebühren. Derzeit sorgt vor allem die Postbank für Unmut. Verbraucherschützer denken schon über eine Klage nach - mit unsicherem Ausgang.

          Im kleinen Rednitzhembach ist gerade mächtig was los. Die Schutzgemeinschaft für Bankkunden, die in der mittelfränkischen Gemeinde ihren Sitz hat, kann sich seit Tagen vor Anfragen und Beschwerden kaum retten. Es sind vor allem empörte Postbank-Kunden, die sich melden. Zu Hunderttausenden wurden sie von der Bank mit einer Änderung der Konditionen überrascht. Wer das Postbank-Angebot „Giro plus“ nutzt, der muss von April an für schriftlich eingereichte Überweisungen 99 Cent pro Auftrag berappen. Die Postbank begründete dies mit den hohen Kosten, die bei der Bearbeitung von Papier-Belegen anfielen. Zwar gestehe der Gesetzgeber den Instituten ein angemessenes Entgelt für Zahlungsdienstleistungen zu, sagt Jörg Schädtler, Vorsitzender der Schutzgemeinschaft: „Aber wir glauben nicht, dass die Höhe von 99 Cent darstellbar ist.“ Die Verbraucherschützer sind in den Startlöchern, um dagegen juristisch vorzugehen.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Seit einiger Zeit schon drehen Banken und Sparkassen an der Gebührenschraube, weil sie in der anhaltenden Niedrigzinsphase unter hohem Kostendruck stehen. Seit vorigem Juni verlangt die Europäische Zentralbank einen Strafzins für kurzfristige Einlagen der Banken. Zudem sorgen die Niedrigzinsen dafür, dass die Institute derzeit kleine Renditen erhalten, wenn sie auslaufende sichere Anlagen wieder neu anlegen. Manche Institute sind dazu übergegangen, Firmenkunden auf sehr große Einlagen einen Negativzins zu berechnen. Nun schauen vor allem Banken mit einem teuren Filialnetz, wie sie auch bei Privatkunden Kosten eintreiben können. „Die Tendenz geht dahin, still und heimlich an den Gebührensätzen zu drehen, ohne dabei den Kunden zu verprellen“, sagt Max Herbst von der FMH-Finanzberatung.

          Jährlich mehr als sechs Milliarden Überweisungen

          Mit dem Zinsniveau hat auch die Postbank ihren Schritt begründet. Das sei „fies für ältere Leute, die es gewohnt sind, am Schalter ihren Beleg abzugeben“, findet Schädtler. Ob seine Schutzgemeinschaft gerichtlich gegen die Postbank-Klausel vorgeht, hängt davon ab, wie die ausführliche Begründung des jüngsten Urteils des Bundesgerichtshofes zu Buchungskosten aussieht (Az.: XI ZR 174/13). Der BGH hatte entschieden, dass Gebühren „pro Buchung“ unzulässig sind, jedenfalls, wenn der Bank dabei ein Fehler unterläuft.

          Ob das BGH-Urteil auf die Postbank übertragbar ist, erscheint der Stiftung Warentest als unsicher. Widerspruch einzulegen und eine Kündigung zu riskieren, halten die Verbraucherschützer nicht für den Königsweg. Sie raten den Kunden, schriftlich einen Vorbehalt zu äußern, um später gegebenenfalls Gebühren erstattet zu bekommen. Die Postbank sieht ihre neue Gebühr nicht von dem BGH-Urteil betroffen. Für die Banken und Sparkassen ist es naheliegend, Girokonten in den Blick zu nehmen: Von ihnen gibt es hierzulande etwa 99 Millionen, die Zahl der Bewegungen auf ihnen sind enorm. Laut Bundesbank-Statistik werden jährlich mehr als sechs Milliarden Überweisungen getätigt, der überwiegende Teil davon am Automaten oder Online. Aber immer noch war 2013 etwa jede achte Überweisung beleghaft, also auf Papier.

          Banken wollen Kunden für das Online-Banking werben

          Diverse Gebühren von bis zu 1,50 Euro sind bei einer Reihe von Girokontomodellen der Banken und Sparkassen längst gang und gäbe. Ein Grund ist, dass die Institute Kunden für das für sie günstigere Online-Banking gewinnen wollen. Offenbar mit Erfolg, wie eine Umfrage des Bankenverbandes aus dem vorigen Jahr nahelegt. Demnach ist Online-Banking den Deutschen zunehmend lieb und billig: 55 Prozent erledigen ihre Geschäfte inzwischen im Internet. Auch beim Postbank-Konto „Giro plus“ bleiben die im Internet, am Telefon oder am Bankautomaten abgewickelten Geschäfte für den Kunden kostenlos. Gratiskonten, die vor Jahren noch als Köder für Neukunden dienten, werden seltener. Dagegen sind die Kontomodelle vielfältiger geworden. Bei einigen gibt es zwar keine Grundgebühr, dafür kostet eine Kreditkarte, mitunter auch jeder Buchungsposten extra. Bei sogenannten Premium-Angeboten wird zwar eine monatliche Kontoführungsgebühr erhoben, doch Überweisungen und Kreditkarten sind inklusive. „Sie sind aber oft so teuer, dass die Kunden keinen Nutzen haben“, warnt Herbst.

          Neue Kunden werden mit Bonuszahlungen, Begrüßungsgeld oder gar einer Zufriedenheitsgarantie gelockt. Allerdings könnten dann später Überraschungen folgen. „Man spart möglicherweise zunächst etwas ein, bis irgendwoanders etwas gedreht wird und es dann doch teurer wird“, sagt Schädtler. Tatsächlich heißt es von vielen Finanzinstituten, „aktuell“ wolle man, anders als die Postbank, keine weiteren Gebühren oder gar Negativzinsen für Privatkunden einführen. Die Kontomodelle würden aber „regelmäßig überprüft“. „Wir behalten uns vor, diese gegebenenfalls an veränderte Marktbedingungen anzupassen“, sagt zum Beispiel ein Commerzbank-Sprecher.

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