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Geldanlage für Angsthasen : Wer wenig wagt, gewinnt

  • -Aktualisiert am

Auch mit wenig riskanten Aktien kann man eine hohe Rendite erzielen. Bild: dpa

Eine bekannte Börsenregel lautet: Nur wer hohe Risiken eingeht, kann auch mit hohen Renditen rechnen. Von wegen!

          Es gibt Börsenregeln, die haben sich den Anlegern ins Gedächtnis eingebrannt. Die können sie auch im Schlaf aufsagen. „Mehr Risiko bringt mehr Rendite“ ist so ein Grundsatz. Populär machte ihn nicht zuletzt John Maynard Keynes, britischer Starökonom des 20. Jahrhunderts und erfolgreicher Anleger. Investoren werden nicht dafür belohnt, dass sie die Zukunft besser kennen als die Märkte, sondern dafür, dass sie Risiken eingehen, schrieb er. Was er meint, lässt sich an den Renditen von Staatsanleihen festmachen. Wer Deutschland über zehn Jahre Geld borgt, bekommt nur 0,5 Prozent pro Jahr. Griechenland hingegen lockt mit 5,3 Prozent. Ein Unterschied von fast fünf Prozentpunkten, weil die Märkte das Ausfallrisiko von Griechenland als weit höher einstufen. Die Südeuropäer müssen daher mehr bieten – eine Risikoprämie, wie Fachleute sagen.

          Das Zusammenspiel zwischen Risiko und Prämie hat fast schon Naturgesetz-Charakter, so oft begegnet es einem im Leben. Unfallträchtige Fahrer müssen höhere Prämien für die Kfz-Versicherung berappen, denn sie bürden Versicherern mehr Risiken auf. Wer am Roulettetisch auf eine Zahl wettet, kann viel mehr gewinnen als derjenige, der auf Rot setzt – weil die Wahrscheinlichkeit, leer auszugehen, ebenfalls höher ist. Kaum vorstellbar, dass sich das Verhältnis von Risiko und Gewinn umdrehen könnte. Dann würde ja jeder auf Rot oder Schwarz setzen, um viel Gewinn bei wenig Risiko einzuheimsen. Oder ein paar Blechschäden verursachen, um die Versicherungsprämie zu senken. Verkehrte Welt!

          Doch diese Welt existiert. Oder wie der Schriftsteller Martin Walser sagte: „Nichts ist ohne sein Gegenteil wahr.“ 1969 beobachtete der amerikanische Finanzmarktforscher Robert Haugen ein Phänomen, das so gar nicht zum Rendite-Risiko-Verständnis passte. Er untersuchte die Wertentwicklung von amerikanischen Aktien in Abhängigkeit von ihrem Risiko. Ergebnis: Je risikoärmer die Papiere, desto höhere Gewinne warfen sie im Schnitt ab. Eine spektakuläre Neuigkeit. Haugen und sein damaliger Professor A. James Heins wollten sie in den einschlägigen Fachzeitschriften veröffentlichen. Doch da schlug ihnen erst mal heftiger Gegenwind ins Gesicht. Weniger Risiko bringt mehr Rendite – das war eine fast ketzerische Behauptung.

          Mehr noch: Es war ein Frontalangriff auf die Börsenforschung, unvereinbar mit dem etablierten Capital Asset Pricing Model (CAPM) des späteren Nobelpreisträgers William Sharpe. Seine Formel besagt, dass die erwartete Rendite eines Wertpapiers proportional zu dessen Risiko steigt. Haugens Entdeckung widersprach auch der These von den effizienten Kapitalmärkten, die Eugene Fama fast gleichzeitig aufgestellt hatte und für die er 2013 den Wirtschaftsnobelpreis erhielt. Wie einst Don Quichotte musste Haugen gegen die Windmühlen der Wissenschaftselite ankämpfen. Erst 1975 erschien sein Artikel im „Journal of Financial and Quantitative Analysis“. Und das Phänomen bekam einen Namen: Low-Volatility Anomaly (Niedrig-Volatilitäts-Anomalie). Denn Finanzprofis setzen das Risiko eines Investments fast immer mit dessen Kursschwankungen gleich, also mit der Volatilität.

          Weniger Risiko, höhere Rendite: Wie kann das sein?

          Bis diese Anomalie gründlicher untersucht wurde, vergingen Jahrzehnte. Die dänische Jyske Bank veröffentlichte im September 2015 eine neue Studie dazu. Die Analysten untersuchten den amerikanischen Aktienmarkt und teilten alle Titel in fünf Klassen mit aufsteigendem Risiko ein. Jede Klasse bildete ein Portfolio, in dem alle Aktien gleich gewichtet sind. Über 40 Jahre übertraf die jährliche Rendite des Portfolios mit dem niedrigsten Risiko die des risikoreichsten Aktienkorbs um fast sieben Prozentpunkte.

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