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Veröffentlicht: 17.06.2016, 09:46 Uhr

Abhängigkeit von Zinsersträgen Aufseher erhöhen den Druck auf die Banken

Die deutsche Finanzaufsicht hat die Banken zuletzt immer wieder ermahnt, ihre Abhängigkeit von Zinserträgen zu verringern und ihre Geschäftsmodelle zu überarbeiten. Wie reagieren die Institute und was bedeutet dies für den Kunden?

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© dpa Besonders hart trifft der Niedrigzins die Sparkassen und Volksbanken. Sie befürchten nach einer Umfrage der Bundesbank und der Bafin einen Gewinnrückgang bis zum Jahr 2019 um bis zu 75 Prozent.

In der Finanzwelt werden die schlimmsten Befürchtungen wahr. Nachdem die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe in den negativen Bereich gerutscht ist, erwarten Banken und Versicherer auf absehbare Zeit Zinsen, die um die Nulllinie schwanken.

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Die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) stellt die bewährten Geschäftsmodelle in Frage, und die Aufseher erhöhen deshalb den Druck. Der Präsident der deutschen Finanzaufsicht Bafin, Felix Hufeld, hat sich zuletzt häufiger zu Wort gemeldet und die Banken ermahnt, ihre Geschäftsmodelle zu überarbeiten. Deutschlands höchster Bankaufseher hält es für fatal, dass die Institute noch immer zu 80 Prozent von den Zinserträgen abhängen.

Auch die für die Bankenaufsicht zuständige EZB fordert dies. In der Kreditwirtschaft regt sich Widerstand, denn die ausradierte Ertragsbasis wird hier der Geldpolitik der EZB zur Last gelegt. „Es wäre nicht im Sinne der Volkswirtschaft, wenn Mittelstandsfinanzierer wie die Volks- und Raiffeisenbanken ihre Geschäftsmodelle ändern würden“, sagte eine Sprecherin des Bundesverbandes der Volks- und Raiffeisenbanken. 

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Doch arbeiten alle, Großbanken, Sparkassen und Volksbanken, an Antworten. Denn der Druck nimmt zu. „Stellen Sie sich vor, beispielsweise den Automobilherstellern würde vorgeschrieben, ihre Fahrzeuge bei gleichbleibenden Produktionskosten um einen zweistelligen Prozentsatz billiger verkaufen zu müssen. So treffen uns die verzerrten Zinsen“, beschreibt der Vorstandsvorsitzende der Bausparkasse Schwäbisch Hall, Reinhard Klein, die Lage.

„Müssen uns die Preise angucken“

Die Banken reagieren: Sie versuchen ihre Kostenbasis zu verringern, oder sie denken verstärkt über neue Gebühren nach. Bislang ist es noch ein Tabu, die negativen Einlagenzinsen, die ihnen die EZB für die bei ihr angelegten Gelder auferlegt, an Privatkunden weiterzureichen. Dagegen müssen Großkunden solche Strafzinsen für ihre Einlagen schon seit längerem zahlen. Doch die Banken drehen längst an der Gebührenschraube.

Infografik / Banken fürchten Einbußen © F.A.Z. Vergrößern

„Ja, wir müssen uns auch die Preise angucken - das tun alle Banken“, sagte Michael Mandel, Privatkundenvorstand der Commerzbank, am Donnerstag. Dabei nannte er als Beispiel beleghafte Überweisungen, die teurer sind als Online-Überweisungen. Diese Mehrkosten werde die Bank zunehmend an die Kunden weitergegeben müssen.

Andere Banken wollen das kostenlose Girokonto aufgeben. „Unsere Dienstleistungen haben einen Wert und somit auch einen Preis“, sagte ein Sprecher der Postbank. Dementsprechend beschäftige sich die Postbank mit der Bepreisung auch von solchen Services und Angeboten, die für die Kunden derzeit kostenlos seien.

„Begrüßungsgeld“

Das kostenlose Girokonto will dagegen die Commerzbank nicht aufgeben. „Das ist weiterhin eine gute Investition für die Bank in Kundenwachstum“, sagte Mandel. In der aktuellen Werbekampagne zahle die Commerzbank auch bewusst 100 Euro „Begrüßungsgeld“, weil sich erwiesen habe, dass man so die gewünschten Kunden gewinne.

Besonders hart trifft die Niedrigzinsphase die Sparkassen und Volksbanken, Sie befürchten nach einer Umfrage der Bundesbank und der Bafin einen Gewinnrückgang bis zum Jahr 2019 um bis zu 75 Prozent. Das war in der vor einem Jahr durchgeführten Umfrage das schlimmste Szenario, das aber mit der Verschärfung der Nullzinspolitik durch die EZB nun Realität geworden ist.

„Die Zeit kostenloser Girokonten ist vorbei“, hat Georg Fahrenschon, Präsident des Deutschen Sparkassenverbandes, schon im März gefordert. Das alte Geschäftsmodell - Einlagen der Kunden niedrig verzinsen und das Geld höherverzinslich langfristig als Kredit ausreichen oder am Kapitalmarkt anlegen - funktioniert nicht mehr.

„Falsch und nutzlos“

Die lange Zeit auskömmlichen Zinsmargen tragen nicht mehr. Mögliche Maßnahmen, um die Ertragserosion zu stoppen, lägen im Kostenmanagement und in der Intensivierung des Kundengeschäfts sowie in der Steigerung von Provisionserlösen, heißt es vom Verband der Volksbanken (BVR). Höhere Gebühren sind also auch hier wahrscheinlich.

„Jeder muss in seiner Bank überlegen, wie er über Konditionengestaltung gegen die Ertragsverluste vorgeht, die ohne Zweifel da sind“, sagte BVR-Präsident Uwe Fröhlich. Die Geldpolitik der EZB kritisiert Fahrenschon als „falsch und nutzlos“. Den Sparkassen bleibe nichts anderes übrig, als nun ihre Leistungen verursachungsgerecht zu preisen und Quersubventionierungen zu beenden.

Viele Sparkassen riskieren das. Nach Beobachtungen der Unternehmensberatung Boston Consulting (BCG) haben etliche Sparkassen ihre Gebühren rund ums Girokonto, etwa den Jahrespreis für die Kreditkarte, in den vergangenen Monaten verdoppelt. BCG will zudem durch Umfragen herausgefunden haben, dass Banken leicht 20 Euro im Jahr mehr an Gebühren fürs Girokonto verlangen könnten. BCG schätzt, dass deutsche Banken insgesamt 10 Milliarden Euro an Erträgen liegen lassen - bei Gesamterträgen von 50 Milliarden Euro gibt es im deutschen Privatkundenmarkt also noch ein Ertragspotential von 20 Prozent.

Offene Art der Aufseher kommt gut an

In der Versicherungswirtschaft verändern nicht nur die extrem niedrigen Zinsen das Geschäftsmodell, sondern auch neue Regeln. Die Eigenkapitalregeln Solvency II haben das Risiko langfristiger Garantien offengelegt. Sie treiben Versicherer dazu, die Laufzeit ihrer Kapitalanlagen stärker an die ihrer Verpflichtungen anzupassen, und machen Vorgaben, wie sie ihr Geld kosteneffizient anlegen dürfen.

Das Produktangebot der Lebensversicherer war Hufeld schon vor zweieinhalb Jahren zu starr. Die Branche forderte er damals auf, eine vielfältigere Produktlandschaft zu kreieren. Und seine Empfehlungen wurden gehört: Ob Allianz oder Ergo - die beiden größten Versicherer haben neue Garantiemodelle eingeführt, die sie von Kosten entlasten.

Die offenere Art der Aufseher kommt gut an. „Es ist richtig, in der Aufgabe des Aufsehers nicht zu warten, bis eine Krise kommt, sondern Anstöße zu geben, wie sie abzuwenden ist“, sagt Walter Botermann, Vorstandsvorsitzender der Alten Leipziger. Jeder Vorstand wisse zwar selbst, was er sich leisten könne und was nicht. Die enge Begleitung helfe dennoch, das Geschäftsmodell zu modernisieren.“ Auch die engere Begleitung durch die Aufsicht empfinden Versicherer nicht als Knebelung, sondern als Aufforderung, neue Vorschläge zu machen, sagt Botermann.

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