30.01.2012 · Aus der Rentenkasse haben Kleinunternehmer und Freiberufler später nicht viel zu erwarten. Dafür sorgen sie anders vor: Sie stecken ihr Geld in Versorgungswerke, Immobilien und Betriebsvermögen. Das zahlt sich aus.
Von Nadine OberhuberMuss man Menschen gelegentlich zu ihrem Glück zwingen? Psychologen und Soziologen antworten darauf: besser nicht. Politiker scheinen da anderer Meinung zu sein: man muss. Denn Menschen wissen oft nicht, was gut für sie ist. Deshalb plant die Politik, die Selbständigen ab 2013 in die Rentenversicherungspflicht zu nehmen. Sonst drohe vielen am Ende die Altersarmut. Aus freien Stücken sorgten die Selbständigen viel zu wenig vor, lautet die Begründung. Die Zahl der Alleinarbeiter mit Kleinsteinkommen sei in den vergangenen Jahren geradezu explodiert. Nun müsse man verhindern, dass sie später dem Staat auf der Tasche liegen, ohne vorher in die Rentenkasse eingezahlt zu haben.
Diskutiert wird anscheinend nur noch über die Frage: Sollen alle Selbständigen in die gesetzliche Rentenversicherung gezwungen werden (das wäre die Pflichtversicherung)? Oder verpflichtet man sie, einen Vertrag abzuschließen, überlässt ihnen aber, ob es ein privater oder gesetzlicher ist (das wäre die Versicherungspflicht)? “Ein festes System einer Altersvorsorge für Selbständige“ will Arbeitsministerin Ursula von der Leyen auf jeden Fall. So weit klingt das alles gerechtfertigt, wenn nicht gar vernünftig. Dennoch geht es weit an der Realität vorbei.
Die Lebenswelt der Selbständigen sieht anders aus. Tatsächlich ist die Zahl der Einzelunternehmer seit 1991 um 40 Prozent gestiegen. Mehr als jeder zehnte Berufstätige ist nicht mehr angestellt, sondern sein eigener Chef. Und es stimmt, dass viele darunter sind, die sich gerade so über Wasser halten. Allerdings nicht mehr als bei den Festangestellten - sogar weniger. Etwa 27 Prozent der Selbständigen verdienen netto weniger als 1100 Euro im Monat. Bei den Festangestellten sind es dagegen 35 Prozent, sagt eine aktuelle Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW).
Wenn also in einem Atemzug so oft die Worte “Soloselbständige“ und „Prekariat“ fallen, dann geht das an Dreiviertel der Selbständigen vorbei. Genau das Gegenteil trifft zu: Freiberufler besetzen gerade die oberen Einkommensklassen viel häufiger als Angestellte. Während 84 Prozent der abhängig Beschäftigten mit weniger als 2300 Euro netto auskommen müssen, sind es nur 64 Prozent der Selbständigen. Knapp 40 Prozent der Alleinarbeiter verdienen sogar deutlich mehr. Und wer zu den Geringverdienern gehört, der bleibt das meist nicht lange: Es sind häufig Existenzgründer, von denen ein Großteil nach drei Jahren angibt, das Einkommen “deutlich gesteigert“ zu haben.
Natürlich ist es schwer, Generalaussagen über “die Selbständigen“ zu treffen. “Gerade bei den Selbständigen streuen die Einkommen und Alterseinkommen sehr“, sagt Klaus Kortmann von Infratest Sozialforschung, der den Alterssicherungsbericht für das Arbeitsministerium erstellt. Die Zahlen, auf die sich Politiker stützen, haben jedenfalls Schwächen: Über Selbständige liegen nicht viele Daten vor. Und die meisten Statistiken erfassen nur die letzte berufliche Stellung vor der Rente. Wer mehrmals zwischen Freiberuflertum und Festanstellung gewechselt ist oder kurz vor der Rente seine Firma verkauft hat und die letzten Jahre als angestellter Geschäftsführer verbringt, der taucht dort in der falschen Spalte auf.
Die allermeisten Selbständigen aber haben sehr wohl das Geld, fürs Alter vorzusorgen. Nur tun sie es? Auch das bejahen Studien wie die des sozialpolitischen Forschungsinstituts Mea: “Aus den Ergebnissen sollte nicht vorschnell auf ein generelles Schutzbedürfnis von Selbständigen geschlossen werden, mit dem eine generelle Vorsorge- und Versicherungspflicht für Selbständige gerechtfertigt werden kann.“ Im Schnitt sparen Selbständige mehr als Festangestellte, sie gehen mit deutlich mehr Vermögen in Rente und kommen dann auf Monatseinkünfte von rund 1400 Euro, die sich vor den Renten höherer Angestellter oder Beamter nicht verstecken müssen. Der durchschnittliche Freiberufler kommt sogar auf 3500 Euro.
Nur stammt ein Großteil des Geldes eben nicht aus der gesetzlichen Rentenkasse, sondern von Sparkonten, Mieteinnahmen oder berufsständischen Versorgungswerken - in denen die meisten Freiberufler bereits pflichtversichert sind. Die Statistiken unterschätzen jedoch diese Privatvermögen, weil sie nur die Einkünfte aus offiziellen Systemen abfragen oder weil sich die Befragten gern zugeknöpft geben. So stellt der Alterssicherungsbericht (ASID) fest: “Vergleiche mit anderen statistischen Quellen legen die Vermutung nahe, dass auch im Rahmen der ASID-Befragung insbesondere die Einkommen aus Vermögen von den befragten Personen tendenziell zu niedrig angegeben wurden.“
Dass Selbständige mehr auf privaten Konten oder in Immobilien anhäufen, kann man ungerecht finden und fordern, sie sollten lieber in die gesetzliche Rente einzahlen. Das wäre aber zu kurz gesprungen: Sie bauen diese Bestände immerhin aus versteuertem Einkommen auf. Lediglich die Beiträge zu Versorgungswerken können sie steuerlich absetzen, haben dabei aber - anders als Festangestellte - nicht den Vorteil, dass ein Arbeitgeber für sie die Hälfte ihrer Rentenbeiträge übernimmt.
Problematisch könnte es zudem werden, wenn tatsächlich die Versicherungspflicht kommen sollte. Zählen die Versorgungswerke dazu? Was ist mit bereits geschlossenen Verträgen, die manche dann nicht mehr besparen können? Das alles steht noch zur Debatte. Finanzfachleute warnen sogar, dass die Pflichtversicherung negative Anreize setzen würde: Bisher ist Selbständigen klar, dass sie aus eigener Kraft möglichst viel Geld flexibel anlegen müssen, um eventuelle Krisen abzufedern. Stecke ihr Geld dagegen im gesetzlichen System fest, fördere das eine Versorgungsmentalität.
Mea-Autor Michael Ziegelmeyer bringt es so auf den Punkt: “Viele Altersvorsorgeprodukte scheinen für Selbständige nur eine geringe Attraktivität zu haben.“ Sie sind zu unflexibel. Bislang regeln viele Unternehmer ihre Altersvorsorge daher lieber selbst und investieren in den eigenen Betrieb, wo sie selbst damit wirtschaften und Renditen erzielen können. Ob das eine schlechtere Art ist, fürs Alter zu sorgen, werden die Politiker entscheiden. Manche Menschen möchte man zu ihrem Glück bringen - andere zur Vernunft.
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Nadine Oberhuber Jahrgang 1973, freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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