Home
http://www.faz.net/-hc8-6yscs
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Peter Maier baut ein Haus (6) Eine knappe Kasse belastet das Familienglück

Peter Maier wohnt seit zwei Jahren in dem neuen Haus. Doch auf der jungen Familie lastet eine schwere Hypothek. Trotz Gehaltserhöhung bleibt das Geld knapp.

Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (24)

Es ist Mittwochabend. Peter Maier stellt das Bier in den Kühlschrank. Er erwartet zwei Freunde aus Frankfurter Zeiten. Im Fernsehen läuft ein Fußballspiel. Dass Freunde aus Frankfurt unter der Woche den Weg nach Kelkheim-Hornau finden, ist die Ausnahme, seit Peter mit seiner Frau Eva vor zwei Jahren das fertig gebaute Haus bezogen hat.

Inzwischen gibt es Nachwuchs: Sohn Christian wurde kurz nach dem Umzug geboren. Der schläft fest, stellt Peter fest und hofft auf einen netten Fußballabend. Eva ist in der Volkshochschule in einem Spanischkurs.

Nörgelnde Kumpels

Zwar hat Peter, der weiter als Diplomingenieur in der Automobilindustrie arbeitet, eine Gehaltserhöhung bekommen und verdient nun netto 2800 Euro im Monat. Aber die Haushaltskasse bleibt knapp. An einen Urlaub am Mittelmeer ist nicht zu denken. Immerhin will Eva als ausgebildete Lehrerin demnächst wieder Nachhilfeunterricht geben. Das könnte das monatliche Budget um bis zu 400 Euro aufbessern, denkt sich Peter, als es an der Tür klingelt.

Klaus, ein auf Familienrecht spezialisierter Anwalt, sowie Matthias, stellvertretender Filialleiter einer Bank im Frankfurter Nordend, stehen vor der Tür. Beides sind Mittdreißiger wie Peter, haben feste Freundinnen, denken aber noch nicht an die Gründung einer Familie und erst recht nicht an den Bau eines Hauses. Zuletzt hatten sie den Weg in den Vordertaunus vor einem Jahr geschafft, als Peter in seinem Garten eine Grillparty gegeben hatte.

“Sieht ja noch immer so aus wie damals“, unkt Klaus, der eine spitze Zunge pflegt. Peter wertet seinen Satz auch eher als Anspielung darauf, dass sich in der Einrichtung in der Zwischenzeit wenig verändert hat. „Darf es ein Bier sein?“, fragt Peter. Klaus nickt. Matthias, der den Wagen fährt, besteht auf Alkoholfreies. Sie nehmen im Wohnzimmer Platz, zum Anpfiff sind es noch zehn Minuten. „Wo ist denn die Dame des Hauses?“, fragt Klaus. „Beim Spanischkurs“, antwortet Peter.

Spannungen

Ihm ist klar, dass Klaus die Frage mit einem Hintergedanken gestellt hat. Und tatsächlich haben Hausbau und monatliche Finanzierungskosten auch in der Beziehung ihre Spuren hinterlassen. Zudem ist nach der anfänglichen Euphorie mit der Geburt eines Kindes und dem neuen Haus schnell der Alltag eingekehrt. Auf der jungen Familie lastet mit dem Hausbau eine schwere Hypothek.

„Ablenkung tut Eva und dir gut, und ich kann mich heute Abend auf das Spiel konzentrieren“, versucht Matthias einer Spitze von Klaus zuvorzukommen. Der lässt aber nicht locker: „Auf den Rausch folgt in der Regel ein Kater.“ Peter kontert: „Du willst mich doch nicht als Mandanten gewinnen?“ Klaus feixt: „Das müsstest du dir dann aber auch leisten können.“

Dass das Spiel nun endlich anfängt, nimmt Peter mit Erleichterung zur Kenntnis. Aber so richtig kann er sich nicht darauf konzentrieren. Er schaut nach seinem Sohn, der noch immer fest schläft. Eva ging mit den Bekannten aus dem Spanischkurs im Anschluss gerne noch einen Wein trinken, rief aber davor Peter immer an, um sicherzugehen, dass mit Christian alles in Ordnung war. Auch jetzt muss Peter an den Lehrer, einen Spanier, denken, der bislang in der Kneipe auch immer dabei war.

Nicht viel über Hartz IV

Peter und Eva haben sich in den vergangenen Monaten immer häufiger gestritten. So richtig glücklich in dem neuen Haus sind beide bislang noch nicht geworden. Für den Immobilienkredit zahlen sie im Monat 1000 Euro. Hinzu kommen monatliche Kosten für Strom und Heizung von 200 Euro. An die Stadt Kelkheim müssen monatlich Steuern und Gebühren von 110 Euro gezahlt werden. Das Auto, auf das er beruflich angewiesen ist, kostet im Monat 250 Euro. Für Versicherungs- und Rentenverträge fallen im Monat 150 Euro an.

Die Gehaltserhöhung vor einem Jahr war ein Segen. Peter verdient nun einschließlich Kindergeld im Monat netto 2800 Euro. Zuvor waren es mit dem Kindergeld 2684 Euro, der dreiköpfigen Familie blieben 974 Euro im Monat. „Das sind gerade mal 50 Euro über dem Hartz-IV-Satz“, hatte Eva einmal vorwurfsvoll zu Peter gesagt, der daraufhin seinen Chef um eine Gehaltserhöhung bat. Nun sind es 1090 Euro. Rücklagen können nur sehr langsam aufgebaut werden, um Reparaturkosten für das Haus stemmen zu können. Und als die alte Waschmaschine vor drei Monaten ihren Geist aufgab, halfen Evas Eltern aus.

Gütertrennung oder nicht?

Klaus jubelt: Seine Mannschaft geht in Führung. „Auch das noch“, denkt sich Peter. Es ist Halbzeit. „Du warst schon lange nicht mehr im Stadion“, sagt Matthias. „Mir fehlen die Zeit und das Geld“, rutscht es aus Peter heraus. „Das habe ich mir schon gedacht“, mischt sich Klaus ein. Er legt nach: „Eva kann doch demnächst wieder dazuverdienen. Der Sohnemann wird ja bald in den Kindergarten kommen.“ Peter nickt. Tatsächlich wären die 400 Euro im Monat, die Eva durch Nachhilfeunterricht steuerfrei verdienen kann, eine wichtige Entlastung.

“Das Grundstück hast du doch von deiner Großmutter geerbt. Ich hoffe, Ihr habt vor Eurer Hochzeit Gütertrennung vereinbart. So ein Spanischkurs hat schon manche junge Ehe belastet“, stichelt Klaus. Die zweite Halbzeit beginnt. „Das geht uns nichts an“, funkt Matthias dazwischen. Dem hatte Peter aber vor der Hochzeit anvertraut, dass es keine Gütertrennung gebe. Damals war Eva hochschwanger. Peter hatte das Thema nicht ansprechen wollen. Er hatte befürchtet, dass Eva ihm das übelgenommen hätte.

Scheidungskatastrophen

Der Spanischkurs muss schon zu Ende sein, aber Eva meldet sich nicht. Peter wird nervös. Über eine Scheidung hat er bislang noch nicht wirklich nachgedacht. Doch vor kurzem las er in der Zeitung, dass in Deutschland jede zweite Ehe geschieden wird. Und gerade für die Finanzierung eines Hauses stellt die Scheidung oftmals das Ende dar.

Matthias sagte ihm vor Monaten, dass sein Haus samt Grundstück gut 600.000 Euro wert sein dürfte. Davon ginge nach einer Scheidung die Hälfte an Eva. Dann müsste Peter den Kredit vorzeitig ablösen, was aber angesichts der Vorfälligkeitsentschädigung ein teures Unterfangen wäre. „Das kann schnell 10 Prozent des Rückzahlungsbetrages ausmachen“, sagte Matthias damals.

Jeder Euro zählt

Peter hört an der Haustür Schlüsselgeräusche: Eva kommt, tritt ins Wohnzimmer und begrüßt die Freunde. Peters Anspannung beginnt sich zu lösen. Das Spiel geht in die 85. Minute, eine Verlängerung ist wahrscheinlich. Eva geht hoch in Christians Zimmer, der weiter fest schläft. „Bei mir ist er nie so ruhig“, sagt sie und setzt sich neben Peter auf die Couch. „Das schaffen nur du und meine Mutter.“ Peter kann nicht darauf antworten, denn im selben Moment macht seine Mannschaft kurz vor Schluss das 2:1.

Matthias springt aus dem Ikea-Sessel, Klaus versinkt darin. Zu einer Siegesfeier ist Peter nicht zumute, aber ein wenig Schadenfreude angesichts der Sticheleien von Klaus verspürt er dann doch. Da die zwei Freunde am nächsten Tag früh rausmüssen, verabschieden sie sich zügig nach Spielende.

Eva räumt die Bierflaschen vom Wohnzimmertisch, als Peter scherzhaft fragt: „Aber deine Mutter soll jetzt nicht die Erziehung unseres Sohnes übernehmen?“ „Nein, aber sie könnte in nächster Zeit etwas mehr auf ihn aufpassen. Deine Eltern aber auch“, antwortet Eva. „Ich kann schon im nächsten Monat bei einer Freundin in ihrem Nachhilfebüro anfangen. Sie meint, dass anfangs mindestens 300 Euro im Monat drin wären.“ Peter fühlt sich auf einmal deutlich entspannt.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Emittenten-News
Anzeige
Für die Inhalte sind die Emittenten verantwortlich
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1967, Redakteur in der Wirtschaft.

Jüngste Beiträge