Falschparken wird von April an teurer, und zwar überall in Deutschland. Das Bundesverkehrsministerium will die Verwarnungsgelder erhöhen, die mit einem der auch „Knöllchen“ genannten Strafzettel verbunden sind. Am 1. Februar soll die Verordnung im Bundesrat beraten werden - aber die Zustimmung gilt als höchst wahrscheinlich. Zum Teil wird es künftig sogar doppelt so teuer wie bisher (siehe Kasten): Wer bis zu 30 Minuten ohne Parkschein parkt, soll 10 statt 5 Euro zahlen - wer drei Stunden zu lange parkt, zahlt 25 Euro statt bisher 20 Euro.
Viele Leute ärgern sich über die kleinen Zettel, die zwischen Windschutzscheibe und Scheibenwischer geklemmt werden: Nur mal eben beim Brötchenholen kein Parkticket gezogen - und schon hat man einen Strafzettel. Nur mal eben die Parkscheibe vergessen, wenn man die Tochter morgens zur Krippe bringt - und schon schlägt der städtische Kontrolleur in all seiner Unbarmherzigkeit zu. Schnell hat man das Gefühl, die Stadtverwaltung wolle ihren desaströsen Haushalt ausgerechnet auf Kosten der Falschparker sanieren.
Höhere Gebühren für Knöllchen finden die meisten in Ordnung
Trotzdem stößt die Anhebung der Verwarnungsgelder in Umfragen auf erstaunlich viel Verständnis. In einer Umfrage des Emnid-Instituts gaben immerhin 58 Prozent der Befragten an, sie fänden diesen Schritt richtig. Schließlich ärgert man sich als Autofahrer auch, wenn Falschparker einen behindern oder alles zugeparkt ist. Und wer immer brav ein Parkticket kauft, der ärgert sich auch über diejenigen Leute, die sich das Geld dafür regelmäßig sparen.
Im Gesetzentwurf der Bundesregierung heißt es, viele Autofahrer verzichteten derzeit „bewusst auf die Zahlung der Parkgebühr“ und nähmen „stattdessen das Verwarnungsgeld in Kauf“. Wer in Städten wie München, Stuttgart oder Berlin zwei Euro je Stunde und mehr fürs Parken in der Innenstadt zahlt (siehe Tabelle), den können Verwarnungsgelder von 5 Euro für einen Strafzettel nicht besonders schrecken. Und selbst 20 Euro für ein Knöllchen lassen sich von Autofahrern gezielt in Kauf nehmen - wenn man nicht allzu oft erwischt wird.
Lieber Knöllchen riskieren als Parkticket ziehen
Mit diesem Kalkül der Autofahrer hat sich Donald Shoup beschäftigt, Professor an der University of California in Los Angeles und seit mehr als 30 Jahren Experte für die Ökonomie des Parkens, eine Art amerikanischer Park-Papst. Shoup lässt das schlechte Gewissen, das rechtschaffene und sensible Autofahrer möglicherweise bei jedem Strafzettel haben, einfach mal außer Acht, ebenso wie die Umstände, die damit verbunden sind, das Verwarnungsgeld zu überweisen.
Er sagt, Autofahrer kalkulieren - mehr oder minder bewusst - so: Wie hoch ist der Preis für ein Parkticket? Wie hoch ist der Preis für einen Strafzettel? Und wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, erwischt zu werden? Bußgeldhöhe mal Wahrscheinlichkeit kann man dann mit den Parkgebühren vergleichen: Wird man jedes zehnte Mal erwischt, und es kostet 20 Euro, ist das genauso teuer, wie jedes Mal zwei Euro Parkgebühren zu zahlen. Steigt das Bußgeld auf 25 Euro, lohnt sich das Falschparken in diesem Fall nicht mehr - vorausgesetzt, es wird genauso häufig kontrolliert wie zuvor.
Gerade kostenloses Parken führt zu hohen Kosten für Autofahrer
Natürlich ist die Häufigkeit der Kontrollen für diese Rechnung für den Autofahrer nicht ganz leicht abzuschätzen; zumindest aber wer oft an derselben Stelle parkt, etwa in der Nähe seines Arbeitsplatzes, bekommt möglicherweise mit der Zeit ein Gespür dafür. Ökonom Shoup verweist dazu auf eine Studie des „Boston Transportation Department“, das anhand mehrjähriger Testreihen das Parkverhalten amerikanischer Großstädter untersucht hat. In Boston ist der Kampf um die Parkplätze besonders hoch, weil dort neben den Bewohnern der Stadt außergewöhnlich viele Pendler jeden Tag hineinfahren und zusätzlich Touristen Parkplätze suchen. Die Studie kam zu dem Ergebnis, dass an vielen Stellen in der Stadt der Preis eines Strafzettels, multipliziert mit der Wahrscheinlichkeit, erwischt zu werden, deutlich unter den Kosten für legales Parken lag: „Die Versuchung, einen Strafzettel zu riskieren, ist hoch.“
Was aber kann man tun? Parken einfach unentgeltlich möglich machen ist keine gute Lösung, meint Shoup. Wo es keinen Kampf um knappe Parkplätze gibt, etwa in manchen Orten auf dem Land, freut sich vielleicht jeder, einfach irgendwo zu parken, ohne etwas zahlen zu müssen. Wo Parkplätze aber umkämpft sind, sei ein fairer Preis die bessere Lösung zur Regelung von Angebot und Nachfrage - in dieser Hinsicht unterscheide das Parken sich nicht vom Markt für Brötchen oder Eigentumswohnungen: „In vielen Großstädten ist eine Parklücke schließlich sogar mehr wert als das Auto, das darauf parkt.“
Ein Experiment in Los Angeles hat gezeigt: Gerade das kostenlose Parken führt zu hohen Kosten für die Autofahrer. Shoup hat in einem Stadtviertel gemessen, wie lange die Leute durchschnittlich um die Häuserblocks kurven, um einen Parkplatz zu finden. Das Ergebnis: Jeder Autofahrer kam im Schnitt auf dreieinhalb Minuten. Bei 8000 Fahrten pro Tag macht das im Jahr 1,5 Millionen Kilometer Suchfahrten - so viel wie 38 Reisen um die Erde oder vier Fahrten zum Mond. Jeder Einzelne verbrachte 20 Stunden im Jahr mit der Parkplatzsuche.
Parkplatzhöllen: Frankfurter Nordend und Berlin Prenzlauer Berg
Nicht viel besser ist es in Deutschland. Beispiel: Frankfurter Nordend. Ein Teil der Parkplätze am Straßenrand ist dort für Anwohner reserviert. Damit will die Stadt den Kampf um Parkplätze zwischen Pendlern und Anwohnern entschärfen. Wer dort aber beispielsweise jemanden nach der Arbeit mit dem Auto besuchen will, kurvt schnell mal eine Stunde herum. Ein Zeitaufwand, der auch ruhige Zeitgenossen zum Ausrasten bringen kann. Anderes Beispiel: Berlin, Prenzlauer Berg. Eine junge Frau hat dort nach Jahren endlich eine Garage zum Mieten ergattert. Preis: 70 Euro im Monat. Jetzt braucht sie eine größere Wohnung und sucht. Wichtigstes Kriterium: Die neue Wohnung muss in der Nähe der Garage liegen. Verrückt, oder?
Shoup meint, bei all diesen Fragen rund um das Parken komme er immer wieder zu einer Antwort: Es kommt deshalb überall zum Kampf, weil der Preis nicht richtig bestimmt wird. Meistens ist Parken zu billig. „Es gibt in der Ökonomie des Parkens eine goldene Regel“, sagt Shoup. „Der Preis für das Parken ist zu hoch, wenn zu viele Plätze frei sind. Er ist zu niedrig, wenn keine frei sind.“ Stehen dagegen ein oder zwei Parkplätze vor einem Gebäude leer, sei der Preis „gerade richtig“.
Allerdings ist die Sache nicht ganz einfach: Die Nachfrage nach Parkplätzen schwankt nämlich im Laufe des Tages - und damit auch der Preis, der optimal wäre. In Amerika gibt es Versuche mit Parkplätzen, deren Parkgebühr mit der Uhrzeit variiert. In Wohngebieten ist es nachts am billigsten oder kostenlos, wenn nur die Anwohner einen Platz brauchen. Und am frühen Abend am teuersten, wenn die ersten Leute von der Arbeit zurückkommen und noch einige Pendler und Späteinkäufer einen Platz brauchen. In Gewerbegebieten hingegen ist es zu Bürozeiten am teuersten.
Parken als Privileg
Unbegrenzt anheben kann man die Preise für Parktickets und Strafzettel aber natürlich auch nicht. Schon jetzt beklagen sich Menschen mit geringerem Einkommen deutlich stärker über die höheren Verwarnungsgelder als Menschen mit viel Geld, wie die Umfrage von Emnid gezeigt hat. Wenn sich Parken nur noch reiche Leute leisten können, ist das vielleicht auch nicht sinnvoll: Schließlich müssen auch Menschen mit wenig Geld zur Arbeit fahren oder einkaufen können. Zu hohe Preise fürs Parken können als ungerecht empfunden werden - und die Akzeptanz gefährden. Ein Vorschlag von Shoup, um das Ungerechtigkeitsproblem zu mildern: Man kann die Parkgebühren, die in einem Wohnviertel oder einem Geschäftsbezirk eingenommen werden, unmittelbar den Menschen zugutekommen lassen, die dort wohnen oder arbeiten. Etwa für örtliche Initiativen oder für Straßenreinigung, Grünanlagen oder andere öffentliche Dienstleistungen. Jedes Viertel kann dann wählen: frei Parken und keinen Service - oder Parkuhren und Dienstleistungen. So etwas gibt es beispielsweise in San Francisco.
In Deutschland ist oft das Gegenteil der Fall: Einnahmen aus Parkgebühren verschwinden in den Tiefen des städtischen Haushalts. Und das Geld, das für Strafzettel eingenommen wird, finanziert vor allem die Hilfspolizisten, die Strafzettel verteilen. Aufgrund der Ineffizienz öffentlicher Verwaltung gelingt dieses System in manchen Städten noch nicht einmal kostendeckend. Eine Lösung für das Problem mit den berechnenden Dauer-Falschparkern zeigt laut Shoup die amerikanische Stadt Claremont in Kalifornien. Dort gibt es Strafzettel mit einer drastischen Staffelung: Wer in einem Jahr das erste Mal auf einem Parkplatz mit Parkscheinautomat seine Parkzeit überzieht, muss 35 Dollar zahlen. Wer noch mal erwischt wird, zahlt 70 Dollar. Und beim dritten Mal kostet es dann sogar 105 Dollar.
“Höhere Strafen für Mehrfachtäter können das Falschparken kräftig eindämmen, ohne andere Leute über Gebühr zu bestrafen“, meint Shoup. Mit Verbrechern mache man es schließlich ähnlich: Uneinsichtige Wiederholungstäter müssten mit einer härteren Strafe rechnen als Erst-Straffällige. So könnte man beides verbinden: eine wirksame Abschreckung für berechnende Falschparker und einen vernünftigen Umgang mit Menschen, die aus Versehen oder Unachtsamkeit ihre Parkzeit überziehen und die man nicht übertrieben schröpfen will. Das Kalkül der Dauer-Falschparker, die lieber von Zeit zu Zeit einen Strafzettel in Kauf nehmen, als jedes Mal ein Parkticket zu ziehen, bringt so ein System jedenfalls kräftig durcheinander.
- Das Verwarnungsgeld für das „unberechtigte Parken an Parkuhren und Parkscheinautomaten“ soll jeweils um 5 Euro „nach oben angepasst werden“.
- Wer sein Auto ohne Parkschein, ohne Parkscheibe oder bis zu 30 Minuten länger stehen lässt, als der Parkschein es zulässt, dem drohte bisher ein Verwarnungsgeld von 5 Euro - künftig sollen es 10 Euro sein.
- Wer drei Stunden zu lang parkt, musste bislang 20 Euro zahlen, künftig sollen es 25 Euro sein.
- Die Regelung gilt für Parkplätze mit Parkschein, Parkscheibe oder Parkuhr. Nicht betroffen von der Änderung sind Strafzettel im Halte- oder Parkverbot.
- Bislang handelt es sich um einen Entwurf des Bundesverkehrsministeriums auf Wunsch der Länder. Der Bundesrat muss über ihn noch beraten und beschließen. Die Zustimmung gilt als wahrscheinlich. Am 1. Februar soll die Verordnung im Bundesrat beraten werden.
Tja, beim Knöllchen greift ein Haftungsmechanismus, wie man ihn
sich für Banker wünscht!
Gerold Keefer (solaris21)
- 18.01.2013, 21:40 Uhr
den Amerikanern folgen
yorck sachs (yo-faznet)
- 18.01.2013, 17:54 Uhr
Deutschland das Falschparkerparadies
Thomas Mirbach (lurkius)
- 18.01.2013, 16:46 Uhr
Falschparker und Verbrecher
Marvin Parsons (mapar)
- 18.01.2013, 12:59 Uhr