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Ende des Dämmwahns : Den Deutschen vergeht die Lust am Dämmen

Aus alt mach neu: Auch aus einem Plattenbau kann mit einer Dämmung ein energieeffizientes Gebäude werden. Bild: ZB

Viele Hausbesitzer sind verunsichert - und verzichten auf eine Gebäudesanierung. Denn wenn es sich nicht rechnet, dämmen die Leute nicht. Die Industrie ruft daher die Politik zu Hilfe.

          In Deutschland wird immer weniger gedämmt. Um 10 Prozent sei das Geschäft mit Fassadendämmung im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen, schätzt Klaus Franz, der Vorstandsvorsitzende des Gesamtverbandes Dämmstoffindustrie. Der Markt breche weg, die Industrie werde nervös, sagt Franz dieser Zeitung. Schließlich habe schon der extrem kalte Winter 2012/2013 das Baugeschäft gebremst. Seit Mai laufe das Geschäft richtig schlecht. Und dieses Mal ist es nicht mehr nur die Witterung, die Branche fürchtet vielmehr einen Sinneswandel der Verbraucher.

          Bernd  Freytag

          Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Ludwigshafen.

          Kritik an den Umwelteigenschaften von Dämmstoffen, vereinzelte Fassadenbrände, Zweifel an der Wirtschaftlichkeit, haben viele Bauherren verunsichert. Der Dämmplattenhersteller Sto hatte schon im Sommer davor gewarnt, dass sich etwas grundsätzlich ändert: Trotz der günstigen Entwicklung der Baukonjunktur sei das Umfeld für die Hersteller von sogenannten Wärmedämmverbundsystemen „anhaltend bedrohlich“, schrieb das südbadische Unternehmen seinen Investoren. Der Markt befinde sich nach einer Phase stärkerer Zuwächse seit mehr als zwei Jahren in einer Konsolidierung.

          Neben dem mittlerweile erreichten hohen Absatzniveau, spiele auch die zunehmende Vorsicht von Häuslebauern eine Rolle. Die abwartende Haltung der Kunden sei durch „die schwelende Diskussion in Deutschland über die ökologischen Folgewirkungen von Fassadensystemen, Fragen des Brandschutzes sowie über die Baukultur“ verstärkt worden. An erster Stelle nennt Sto aber einen anderen Grund für die Zurückhaltung: „Die seit längerem unbeantwortete Frage, wie energetische Sanierungsmaßnahmen künftig finanziell oder steuerlich gefördert werden sollen.“

          Es geht also vor allem ums Geld. Wenn es sich nicht rechnet, dämmen die Leute nicht, Umweltschutz hin oder her. Die Angst vor Schimmel im Haus und Fassadenbränden kommt dann noch obendrauf. Die Niedrigzinsphase macht sogar zinsgünstige Sanierungsdarlehen der staatlichen Förderbank KfW unattraktiv. Trotz ihres Refinanzierungsvorteils kann die Bank kaum noch bessere Konditionen anbieten als Geschäftsbanken. Der besondere finanzielle Anreiz zur ökologischen Sanierung fällt damit weg, das wichtigste Förderinstrument des Bundes wird stumpf. Direktzahlungen oder gar steuerliche Anreize lehnt die Bundesregierung bislang ab. Doch der Druck wächst: Seit Monaten trommeln Bauverbände und Dämmhersteller für mehr staatliche Förderung.

          Saniert wird nur, wenn es sich auch lohnt

          Sie verweisen darauf, dass Deutschland ohne eine höhere Sanierungsquote von Bestandsimmobilien die selbstgesetzten Klimaziele nicht erreicht. Bis 2040 soll der Kohlendioxidausstoß schließlich im Vergleich zum Basisjahr 1990 um 40 Prozent sinken, erreicht aber sind erst rund 24 Prozent. Selbst der Monitoringbericht Energiewende der Bundesregierung geht davon aus, dass Deutschland sein Einsparziel verfehlen wird, wenn sich die Klima- und Energiepolitik nicht ändert. Pro Jahr müssten demnach 2,5 Prozent der 40 Millionen deutschen Gebäude saniert werden, damit der Bausektor einen angemessenen Beitrag leistet. Tatsächlich liegt die Quote unter 1 Prozent.

          Appelle aber bringen wenig, saniert wird nur, wenn es sich auch lohnt; das weiß auch die Industrie. Die Allianz für Gebäude-Energie-Effizienz (Geea), ein einflussreicher Verbund aus Bauverbänden, Unternehmen und Forschungseinrichtungen, fordert von der Bundesregierung daher, einen Teil der Steuermehreinnahmen für die steuerliche Förderung der energetischen Gebäudemodernisierung einzusetzen. „Die steuerliche Abschreibung wäre eine sinnvolle und notwendige Ergänzung zum KfW-Gebäudesanierungsprogramm und trifft in der Branche auf eine breite Zustimmung“, heißt es wenig verwunderlich in einem offenen Brief an die Kanzlerin. Die Energieagentur Dena - eine halbstaatliche Organisation mit Beteiligung von Allianz, Deutscher Bank und DZ Bank - fordert, die jährlichen Subventionen von aktuell 1,8 Milliarden Euro auf 5 Milliarden Euro aufzustocken. Bauministerin Barbara Hendricks hat die Forderungen bislang zurückgewiesen. Um die Dämmlust zu fördern, hat sie stattdessen mit der Dena und Vertretern der Industrie die „Hauswende“ ins Leben gerufen - die angestrebte Wende wird aber auch die 3 Millionen Euro teure Imagekampagne samt Hochglanzbroschüren und Informationsveranstaltungen nicht bringen.

          Ende September haben deshalb selbst Wirtschaftspolitiker der Union in einem 10-Punkte-Programm steuerliche Anreize gefordert. Für die Branche ist der Vorstoß der Unionspolitiker Chance und Risiko zugleich. Denn damit werden erst recht Erwartungen geschürt: „Jetzt warten natürlich viele Bauherren ab, bis es eine Entscheidung gibt“, sagt Franz.

          Die vier mittelständischen Unternehmen Sto, Baumit, Brillux und DAW (Alpina) haben derweil mit eigenem Geld den Verein „Qualitätsgedämmt e.V.“ gegründet und den Fernsehmoderator Ulrich Wickert als Werber verpflichtet, um das Geschäft zu stabilisieren. Zugleich verabschiedet sich die Branche Schritt für Schritt von ihren zuweilen unrealistischen Einsparversprechen. Mit Zahlen wird kaum noch geworben: ob nach der Sanierung 90 Prozent oder „nur“ 20 Prozent weniger Energie verbraucht wird, hängt tatsächlich von vielen Faktoren ab. Der Sto-Vorstandsvorsitzende Jochen Stotmeister schreibt sogar, wenn „Raumwärme“ ein Grundbedürfnis sei, wie Essen und Trinken, „dann tritt die Messlatte der Amortisation in den Hintergrund“. Die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Die Menschen dämmen nur, wenn es sich lohnt.

          Quelle: F.A.Z.

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