http://www.faz.net/-hbv-7mcwp

Streit bei der Scheidung : Wenn das Sorgerecht zum Zankapfel wird

Lassen sich die Eltern scheiden, fühlen sich Kinder oft hin- und hergerissen. Bild: Corbis

Die Scheidung der Küsters ist besiegelt. Doch den Umgang mit den Kindern wollen sie ohne juristischen Streit regeln. Einfach wird das nicht. Teil 2 unserer Scheidungs-Serie.

          Es geht in erster Linie um das Wohl der Kinder. Dieser Satz seines Anwalts will Markus Küster nicht mehr aus dem Kopf. Kann es das Wohl der Kinder sein, wenn sie ihn nur noch selten sehen? Markus ist mit einem Mal klargeworden, was die Scheidung von seiner Frau Marie auch heißt: die weitgehende Trennung von seinen beiden Töchtern. „Bei wem die Kinder nach der Trennung wohnen, hängt ganz entscheidend davon ab, wer die Hauptbezugsperson ist“, sagt Inge Saathoff, Fachanwältin für Familienrecht in Oldenburg: „Im Fall der Küsters ist davon auszugehen, dass die Mutter die Hauptbezugsperson ist, da sie ihre berufliche Tätigkeit eingeschränkt hat und damit offensichtlich mehr Zeit für die Betreuung der Kinder aufbringen konnte.“ Markus hatte immer Vollzeit als Ingenieur bei einem Anlagebauer durchgearbeitet. Marie war dagegen fünf Jahre zu Hause geblieben und arbeitet seither Teilzeit als Ärztin in einem Krankenhaus.

          Daniel Mohr

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Markus liebt seine beiden Töchter sehr. Die Bezeichnung Hauptbezugsperson für seine Frau stört ihn. Er empfindet sich nämlich nicht als Nebenbezugsperson oder Bezugsperson zweiter Klasse. Sein Anwalt macht ihm aber klar, dass das Aufenthaltsbestimmungsrecht im Streitfall der Mutter zuerkannt würde, so nicht beide Kinder ausdrücklich lieber zum Vater wollen und dieser darlegen kann, wie er die Betreuung der Töchter vernünftig geregelt bekommt.

          Mit etwas Abstand betrachtet, erscheint ihm die Erziehungs- und Betreuungsleistung seiner Frau nun höher einzuschätzen, als er es ihr während der Ehe jemals gesagt hat. Parallel zum Einstieg in den Beruf hat Markus noch seine Promotion fertiggestellt, später an der Karriere gearbeitet und sicherlich nach Feierabend, an den Wochenenden und im Urlaub gerne mit den Töchtern gespielt. Das Pausenbrot hat er ihnen aber nie geschmiert, keine Laternen gebastelt, die Hausaufgaben betreut oder sie zum Reiten gefahren und zu Freundinnen. Auch das Abendessen war in der Regel schon auf dem Tisch wenn er heimkam, und die Wäsche gewaschen. Das kann und will er auch künftig nicht leisten müssen. Teilzeitarbeiten ist praktisch undenkbar. Schon der Abbau des Überstundenbergs will nicht gelingen. Zudem haben seine Töchter bislang nicht zu erkennen gegeben, dass sie lieber zu ihm wollen. Eher ist er ein wenig in die Rolle des Buhmanns geraten, als er vor zwei Monaten zu Hause ausgezogen ist. Dabei war beiden Eheleuten klar, dass die Ehe nicht mehr zu retten war.

          „Auch wenn die Töchter bei der Mutter bleiben, wird die elterliche Sorge weiterhin gemeinsam ausgeübt“, sagt Anwältin Saathoff: „In Angelegenheiten des täglichen Lebens entscheidet der Elternteil, bei dem die Kinder wohnen, zwar allein, in Dingen von erheblicher Bedeutung ist aber eine einvernehmliche Entscheidung erforderlich.“ Die Auswahl der Schule, Auslandsaufenthalte im Rahmen der Schulausbildung und auch medizinisch erhebliche Eingriffe zählen dazu. „Gibt es dazu keine einvernehmliche Lösung, kann das Gericht Einzelfragen isoliert entscheiden“, sagt Saathoff: „Nur wenn ersichtlich ist, dass die Eltern generell nicht zum Wohle des Kindes zusammenarbeiten können, kann die elterliche Sorge einem Elternteil allein übertragen werden. Das sollte aber die Ausnahme sein.“

          Sich einigen zum Wohle der Kinder

          An solche Streitigkeiten wollen Markus und Marie noch gar nicht denken. Bislang haben sie sich in Bezug auf die Kinder immer ganz gut einigen können. Markus sieht auch ein, dass es für alle Beteiligten momentan besser ist, wenn die Kinder erst einmal bei Marie bleiben. Er tröstet sich zudem mit dem Gedanken, dass dies nicht in Stein gemeißelt sein muss. Zwar versichern sich beide zunächst gegenseitig schriftlich, dass die Kinder ihren Lebensmittelpunkt bei der Mutter haben sollen. Sollten die Kinder aber irgendwann einen anderen Wunsch haben und sich seine beruflichen Gegebenheiten ändern, könnten sie auch zu ihm ziehen. Noch weiß aber Markus gar nicht, wie es bei ihm beruflich und vor allem privat weitergehen soll. Seine außereheliche Liaison hat jedenfalls nach der Trennung von seiner Frau irgendwie an Charme eingebüßt. Er ist erst einmal allein in eine Wohnung gezogen.

          Marie jedenfalls ist froh, dass die Kinder bei ihr bleiben. Noch nicht ganz schlüssig ist sie, wie sie die Besuchszeiten mit Markus regeln soll. Einerseits ist sie ganz froh, auch mal einen Abend oder ein Wochenende für sich zu haben. Andererseits hat sie aber die Angst, dass die Kinder die Zeit bei Markus schöner finden könnten als bei ihr und schließlich ganz zu ihm wollen. Verhindern kann und will sie den Kontakt zu Markus aber auch nicht, doch irgendwie hat sie bei der Sache ein mulmiges Gefühl.

          „Selbst wenn nur ein Elternteil das Sorgerecht haben sollte, beeinflusst das nicht das Recht auf Umgang“, sagt Familienanwältin Saathoff: „Jeder Elternteil ist zum Umgang verpflichtet und berechtigt.“ Eine genaue Ausformulierung sieht das Gesetz jedoch nicht vor, so dass das Umgangsrecht der häufigste Streitfall in Trennungsfamilien ist. „Das Ziel sollte zunächst sein, den Umgang unmittelbar beginnen zu lassen, um den Kontakt zum Vater gar nicht erst abreißen zu lassen“, sagt Saathoff: „Bald sollte dann eine Regelmäßigkeit eingerichtet werden. Der Klassiker ist jedes zweite Wochenende, aber auch andere Regelungen sind denkbar.“

          Zur Vollansicht bitte das Bild anklicken.
          Zur Vollansicht bitte das Bild anklicken. : Bild: Kircher Burkhardt

          Weigert sich die Mutter, den regelmäßigen Kontakt zu gewähren, kann der Vater vor Gericht eine genau festgelegte Regelung erwirken. Hält die Mutter sich nicht daran, kann gegen sie ein Ordnungsgeld verhängt werden. Auch der Entzug des Sorgerechts ist in extremen Fällen denkbar, da ein solches Verhalten die Frage der generellen Erziehungseignung aufwirft. In allen Streitfällen ist jedoch der erste Ansprechpartner das zuständige Jugendamt. Erst wenn hier keine Lösung erzielt werden kann, müssen sich Gerichte mit den Familienstreitigkeiten auseinandersetzen.

          Wollen die Kinder keinen Kontakt mehr zum Vater und ein Gutachter bestätigt dies, dann kann der Umgang unterbrochen werden. Weigert sich der Vater, die Kinder regelmäßig zu sehen, gibt es keine zwangsweise Durchsetzung des Umgangs, da dies höchstrichterlich als dem Kindeswohl nicht dienlich angesehen wird. Soweit sind die Küsters aber noch nicht. Sie sind festen Willens, sich zum Wohle der Kinder ohne Streit zu einigen. Über Geld haben sie aber noch nicht gesprochen. Um die Frage des Unterhalts soll es in der nächsten Folge der Serie gehen.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Griechenlands Banken kämpfen um Vertrauen

          Eurokrise : Griechenlands Banken kämpfen um Vertrauen

          In dem Krisenland keimt ein zartes Pflänzchen der Hoffnung. Bankenpräsident Karamouzis hofft nun auf Investoren und eine Rückkehr der Einlagen. Was sagen die Zahlen?

          Topmeldungen

          UN-Vollversammlung : „Niemand wird Amerika wieder vertrauen“

          Mit seiner Rede vor der UN hat Donald Trump für Entsetzen gesorgt – und viel Applaus seiner Basis eingeheimst. Einer der vom amerikanischen Präsidenten Kritisierten wird heute die Antwort auf die Vorhaltungen liefern.

          Erdbeben in Mexiko : Zahl der Toten steigt auf mehr als 200

          In der Hauptstadt stürzten mehrere Hochhäuser ein, in einer Schule wurden Kinder unter den Trümmern begraben. Millionen Menschen sind ohne Strom. In der Nacht zu Mittwoch gab es zahlreiche Nachbeben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.