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Lebensversicherungen : Große Versprechen, kleine Rendite

Noch ist genug da: die Versicherer sind kurz- bis mittelfristig stabil Bild: Fricke, Helmut

Lebensversicherer können ihre Garantien noch bedienen, aber für viel mehr reicht es nicht mehr. Für eine Kündigung gibt es dennoch keinen Anlass. Ein Überblick zur Lage des Kunden.

          Erst senkte die Bundesregierung den Garantiezins für neue Lebensversicherungsverträge auf 1,75 Prozent. Dann verpflichtete sie die Lebensversicherer, wegen der dramatisch niedrigen Zinsen am Kapitalmarkt, eine Zinszusatzreserve zu bilden. Schließlich entlastete sie die Unternehmen von der Pflicht, ihre Bewertungsreserven an ihre Kunden auszuschütten. Die Politik tut derzeit alles dafür, dass kein Unternehmen in die Lage kommt, die langfristigen Versprechen an ihren Kunden nicht mehr erfüllen zu können.

          Wie gefährdet ist die Garantie?

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Rendite, die Versicherer mit ihrer Kapitalanlage erwirtschaften, lag im vergangenen Jahr mit 4,14 Prozent über dem durchschnittlichen Garantiezins von 3,2 Prozent. Die Unternehmen zehren von Zinstiteln mit höherer Rendite, die sie in der Vergangenheit abgeschlossen haben. In der Neuanlage erwirtschaften sie allerdings nur noch rund 3,3 Prozent. Das ist ein Durchschnittswert. Schwächere Unternehmen erzielen nur noch 2,6 Prozent, berichtete die Ratingagentur Standard & Poor’s kürzlich. Zudem gibt es Unternehmen mit höherer durchschnittlicher Garantie - nämlich diejenigen, die in den Jahren 1995 bis Mitte 2000 ein besonders gutes Neugeschäft erzielt haben und deshalb viele Verträge mit einem Versprechen von 4 Prozent verwalten: etwa HDI Gerling, Swiss Life oder die Hannoversche Leben.

          Liegt der Anteil durchschnittlich bei 25 Prozent, so haben sie rund 40 Prozent. Dennoch sieht S&P keines der untersuchten Unternehmen in fünf Jahren nicht mehr in der Lage, seine Verpflichtungen zu erfüllen. Auch die Finanzaufsicht Bafin geht davon aus, dass die Versicherer kurz- bis mittelfristig stabil genug sind. Entlastend wirkt die schrittweise Absenkung des Garantiezinses seit 2000 auf heute 1,75 Prozent. Die durchschnittliche Garantie schmilzt jährlich um rund 0,1 Prozentpunkte - aber langsamer als der Renditeverfall.

          Die Zinsen sind im Sinkflug
          Die Zinsen sind im Sinkflug : Bild: F.A.Z.

          Wie gefährlich ist die Lage am Kapitalmarkt für den Kunden?

          Ende vergangenen Jahres verwalteten die deutschen Lebensversicherer für ihre Kunden 743 Milliarden Euro, die sie zu 89 Prozent in festverzinsliche Papiere angelegt haben: Deren Verzinsung sinkt stetig. Im vergangenen Jahr haben die Versicherer aus ihren Kapitalanlagen 30,7 Milliarden Euro verdient, von denen sie zuerst die Garantien bedienen müssen. Noch im Jahr 2003 betrug die Rendite 4,98 Prozent. Wäre sie heute noch so hoch, hätten die Versicherer 5,3 Milliarden Euro mehr auf die rund 89 Millionen Verträge zu verteilen. Das belastet den Rohüberschuss, aus dem die Versicherer ihre Überschussbeteiligung bedienen, die seit Jahren sinkt. Die Kapitalanlage trug dazu 2011 nur 4,5 Milliarden Euro bei, weniger als die Risikogewinne.

          Ein Vertrag mit 30 Jahren Laufzeit mit 100 Euro monatlicher Einzahlung brachte bei Ablauf 2011 rund 83.900 Euro ein - eine Beitragsrendite von 5 Prozent. Zehn Jahre zuvor wären es noch 104.600 Euro gewesen (6,2 Prozent). Für einen zwölf Jahre laufenden Vertrag nahm die durchschnittliche Verzinsung der eingezahlten Beiträge gegenüber dem Vorjahr von 3,75 auf 3,48 Prozent ab. Wer vor zwölf Jahren 50.000 Euro eingezahlt hat, bekam 2.395 Euro weniger ausgezahlt als bei Vertragsabschluss ein Jahr zuvor. Die Überschussbeteiligungen dürften weiter fallen. Führende Versicherer gestehen ein, dass sie die Wiederanlage von mehr als 3 Prozent nur erwirtschaften, indem sie schwächere Bonitäten in Kauf nehmen. Tendenziell steigt damit das Ausfallrisiko.

          Überschuss und Kapitalanlagen der deutschen Lebensversicherer
          Überschuss und Kapitalanlagen der deutschen Lebensversicherer : Bild: F.A.Z.

          Wie wirkt die Zinszusatzreserve?

          Der Zehnjahres-Durchschnitt als sicher geltender Anleihen ist im vergangenen Jahr unter 4 Prozent gerutscht. Seither verlangt das Bundesfinanzministerium eine Zinszusatzreserve, damit die Unternehmen sicherstellen können, dass die Kundenversprechen von 4 Prozent aus den Jahren 1995 bis 2000 nachhaltig erfüllt werden können. Für die gesamte Branche ergab sich im vergangenen Jahr ein Betrag von 1,5 Milliarden Euro.

          Das entsprach etwa einem Zehntel des Rohüberschusses der Branche. In diesem Jahr rechnet die Ratingagentur Assekurata wegen der weiter gefallenen Renditen mit 5 Milliarden Euro, womit der Überschussanteil aus der Kapitalanlage des vergangenen Jahres aufgefressen wäre. Die Reserve schränkt den Spielraum ein, den Kunden über die Garantie hinaus eine Überschussbeteiligung zu gewähren.

          Lohnt sich eine Kündigung?

          Dafür gibt es keinen Anlass. Erst einmal müssen die Versicherer zusehen, wie sie die Versprechen erfüllen. Zudem ist ein Verkauf mit hohen Verlusten verbunden, dem Kunden entgeht der üppige Schlussüberschuss. Und wenn er jünger als 60 Jahre alt ist oder der Vertrag kürzer als 12 Jahre lief, muss er die Erträge nachträglich versteuern. Verträge mit hohen Garantien aus der Vergangenheit bleiben weiterhin attraktiv. Wenn ein Versicherer strauchelt, versucht die Finanzaufsicht Bafin zunächst, ihn aus Mitteln des Unternehmens zu stabilisieren.

          Als zweiten Schritt kann sie den Bestand auf einen finanzstärkeren Versicherer übertragen. Als letzte Instanz steht der Auffangschirm Protektor bereit, der bislang einmal einen Bestand übernommen hat. Die Verträge der Mannheimer erfüllen nicht nur die Garantie, sondern beinhalten auch einen bescheidenen Überschuss. Ob Protektor auch ausreichen würde, um mehrere Versicherer aufzufangen, wird in der Branche bezweifelt.

          Quelle: F.A.Z.

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