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Krankenversicherung Lohnt sich die Privatversicherung noch?

21.01.2012 ·  Berechnungen über das ganze Leben sind nicht einfach: Als junger Mensch steigt man mit niedrigen Beiträgen ein, doch im Alter kann die Privatversicherung unbezahlbar werden.

Von Inge Kloepfer
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Dieses Jahr kann Gesundheit richtig teuer werden. Nicht für alle, aber für viele der fast 9 Millionen Menschen, die sich privat krankenversichert haben. Die großen Krankenversicherungen haben ihre Beiträge zum Teil drastisch erhöht. So manche Versicherung kassiert 40 Prozent mehr als im Vorjahr. Das gilt längst nicht für alle Tarife. Aber es reicht, um bei den Versicherten das Gefühl zu schüren, sie seien ihrer Krankenversicherung auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Im Grunde sind sie es auch.

Auch wenn die privaten Krankenversicherer nicht immer so gierig sind - die Beitragssteigerungen sind durchweg ordentlich. Nach Berechnungen des unabhängigen Versicherungsanalysten Morgen & Morgen liegen die Prämienerhöhungen einschließlich der gestiegenen Selbstbehalte im Branchendurchschnitt bei 4,4 Prozent - nach 7 Prozent in 2011.

Sparsam sind die Menschen gerade nicht

Was im öffentlichen Gesundheitssystem seit jeher ein Thema ist, ereilt auch die privaten Versicherungen: die Kostensteigerungen. In den vergangenen zehn Jahren seien die Leistungsausgaben deutlich stärker gestiegen als in der gesetzlichen Krankenversicherung und auch als die allgemeine Preissteigerungsrate, sagt der Verband der Privaten Krankenversicherungen. Die Kalkulationen der Versicherungen müssten eben die Realität abbilden. Und die zeige: Privatversicherte nehmen immer mehr Leistungen in Anspruch.

Dieser Trend lässt sich kaum drehen. Denn das Verhalten von Ärzten und Versicherten können die Versicherungen kaum ändern. Stefan Bause, Krankenversicherungsexperte der Beratungsgesellschaft Towers Watson, sieht zwei Schuldige: erstens die Privatversicherten, die für ihre steigenden Prämien von ihrer Krankenversicherung eine optimale Versorgung erwarten; und zweitens die Ärzte. Für die nämlich besteht angesichts der Kostendeckelung im staatlichen System ein gewisser Anreiz, über Privatpatienten mehr abzurechnen. Eine private Krankenversicherung lohne sich im Grunde nur, wenn alle sparsam seien - so lautet das Fazit des Experten. Aber sparsam sind die Menschen gerade nicht.

Unter den Kostensteigerungen ächzen allerdings nicht nur die privaten Versicherungen, sondern natürlich auch die gesetzlichen Kassen. Da bekommt der Versicherte die fortdauernde Kostenexplosion allerdings weniger als Beitragserhöhung zu spüren - stattdessen werden die Leistungen gekürzt, die Wartezeit bis zum Termin steigt, Praxisgebühr und Zuzahlung werden erhoben. Entkommen also können die Menschen den Kostensteigerungen im Gesundheitssystem weder hier noch da. Die Frage bleibt, wo sie glimpflicher davonkommen: bei der privaten Krankenversicherung oder im gesetzlichen System.

Rückkehr in die Obhut das Staates

Von 50.850 Euro Jahreseinkommen an kann sich jeder Bürger für eine private Krankenversicherung entscheiden. Das taten im vergangenen Jahr 236.000 Menschen und damit 76.300 mehr, als in die Gesetzliche zurückkehrten. Dieser Trend ist seit Jahren ungebrochen. Wer auch heute noch wechseln will, muss aber ein paar Dinge bedenken. Ganz grob gerechnet, kann er über die Versicherungsdauer mit Beitragssteigerungen von durchschnittlich fünf Prozent im Jahr rechnen. Über ein ganzes Leben gerechnet, ist das alles andere als harmlos. Steigt man als junger Mensch mit einem Tarif von 100 Euro in die Privatversicherung ein, dann zahlt man nach 10 Jahren bereits 163 Euro, nach 20 Jahren fast 265 Euro und am Ende - bei durchschnittlicher Lebenserwartung - über 1300 Euro. Hajo Köster, Justitiar beim Bund der Versicherten, sagt es sehr deutlich: „Ein Wechsel aus der gesetzlichen in die private Krankenversicherung sollte nur erwägen, wer neben seinen Arbeitseinkünften noch andere stabile Einkommensquellen hat.“ Mit anderen Worten: nur Menschen mit Vermögen.

Das gilt auch umgekehrt. Wer schon privat versichert ist, aber kein Vermögen hat, der muss eine Rückkehr in die Obhut das Staates prüfen. Denn im Alter wird eine private Versicherung so teuer, dass die staatliche Rente nicht ausreichen wird, um neben den Lebenshaltungskosten auch noch die monatlichen Prämien zu bezahlen. Zwar rutscht man bei Zahlungsschwierigkeiten im Alter auf den Basistarif seiner privaten Krankenversicherung zurück. Und auch wenn man gar nicht mehr zahlt, ist man versorgt, seit die Versicherungen ihren Kunden nicht mehr kündigen können. „Aber dort liegen die Leistungen allenfalls auf Kassenniveau“, gibt Köster zu bedenken.

Die Leistungen der Kassen sind vielfach schlechter

Berechnungen über das ganze Leben sind nicht einfach. Wer jung ist und gut verdient, kann in der Privatversicherung einiges sparen. Aber schon in der Mitte des Lebens sieht es anders aus. Vor allem, wenn das Einkommen nicht Schritt hält. Denn die Prämien sind leistungs- und nicht einkommensabhängig. Drei Fakten muss ein Wechselwilliger also aufrichtig Rechnung tragen: Erstens, dass eine private Versicherung immer teurer und niemals billiger wird und zweitens, dass man sie fürs ganze Leben hat. In die gesetzliche Kasse zurückzukommen, ist schwierig. In dieser Falle stecken derzeit viele. Dazu kommt drittens, dass man als Privatpatient bis heute kaum auf Beitragserhöhungen reagieren kann. Der Wechsel von einem Anbieter zum nächsten lohnt sich selten. In der Regel geht ein Teil der bisher angesparten Altersrückstellungen verloren, vor allem, wenn man schon vor 2009 privat versichert war. Außerdem wird dann oft eine neue Gesundheitsprüfung notwendig. Günstiger kann es sein, innerhalb der gleichen Versicherungen einen anderen Tarif zu suchen - möglicherweise mit Leistungseinschränkung. Dann wird es garantiert billiger. Aber: Der Kostenschraube der privaten Anbieter entkommt man dennoch nicht.

Das alles muss bedenken, wer wechseln will. Eine weitere Überlegung ist die der Mitversicherung von Familienmitgliedern. Wer Familie hat, sollte von einer privaten Vollversicherung lieber die Finger lassen. Denn die Familie ist im staatlichen System beitragsfrei mitversichert. Privat aber wird für jedes Familienmitglied eine Prämie entsprechend dem Risiko berechnet. Das macht die Sache sehr viel teurer. Nun ist auch das Dasein als Kassenpatient nicht angenehm. Denn die Leistungen der Kassen sind vielfach schlechter. Dafür können sich Kassenpatienten zusätzlichen Schutz bei einer privaten Versicherung besorgen. Zum Beispiel für Zahnersatz oder Heilpraktiker-Leistungen. Der Vorteil: Zusatzversicherungen sind keine Lebensentscheidungen.

Gewusst, wie: Zurück in die Gesetzliche

1. Früh entscheiden. Nur wer höchstens 55 Jahre alt ist, kann noch aus der Privatversicherung in die gesetzliche Krankenkasse wechseln. Alle älteren müssen privat versichert bleiben.

2. Einkommen senken. Wer mit seinen Einkünften mindestens ein Jahr unter die Versicherungspflichtgrenze von 50.850 Euro Jahres- oder 4237,50 Euro Monatseinkommen rutscht, kann sich wieder gesetzlich versichern. Vorsicht: Kapitaleinkünfte werden mitgezählt.

3. Teilzeit arbeiten. Angestellte können überlegen, für mindestens zwölf Monate ihre Arbeitszeit so zu reduzieren, dass sie unter die Einkommensgrenze fallen.

4. Stelle wechseln. Für Selbständige ist der Wechsel in die gesetzliche Kasse noch etwas schwieriger. Sie müssen ihre Selbständigkeit eine Zeitlang aufgeben und angestellt arbeiten

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Jahrgang 1964, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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