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Immobilienfinanzierung : Kredit vom Versicherer

  • -Aktualisiert am

Es reiht sich Eigenheim an Eigenheim Bild: Rüchel, Dieter

Hypothekenkredite waren immer die Domäne der Banken. Doch jetzt erhalten sie Konkurrenz von den Versicherern. Diese vermitteln sogar direkt KfW-Förderdarlehen.

          Wer eine Immobilienfinanzierung sucht, findet in der Regel eine Bank, die den Kredit vergibt. Doch zunehmend mischen Versicherer mit und das nicht mehr nur in der klassischen Weise der Beleihung einer Lebensversicherungspolice: „Der Anteil der Immobilienkredite, die bei uns über einen Versicherer abgeschlossen wurden, hat Anfang dieses Jahres gegenüber dem Vorjahreszeitraum zugenommen“, sagt Heidi Müller von Interhyp, dem größten Vermittler von Immobilienkrediten hierzulande. „Dies gilt besonders für langfristige Darlehen mit einer Zinsbindung von 20 Jahren und mehr.“

          Der Wettbewerb zwischen Banken und Versicherern nimmt weiter zu: So können Kunden seit Anfang April für Baufinanzierungsgeschäfte KfW-Darlehen direkt von einem Versicherer erhalten. Bisher sei die Vergabe eines KfW-Darlehens nur über eine Bank oder eine Bausparkasse möglich gewesen, heißt es beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Aus Sicht der Versicherer hat das Geschäft mit Hypotheken viele Vorteile: Es sind gut kalkulierbare Investitionen mit stabilen Erträgen.

          Geringe Schwankungen

          Zudem hat der Immobilienmarkt in Deutschland geringere Schwankungen zu bieten als der Kapitalmarkt. „Auch Versicherer müssen das Geld ihrer Kunden anlegen, und da ist der Immobiliensektor ein wichtiger Anker für sie“, sagt Max Herbst von der FMH-Finanzberatung. „Viele Versicherungsunternehmen nutzen das niedrige Zinsniveau aus“, sagt Herbst: „Versicherer müssen ihren Kunden einen gesetzlich garantierten Zins von 1,75 Prozent und mehr liefern. Wenn sie Hypothekengeschäfte mit Kunden über 20 bis 30 Jahre abschließen, bekommen sie umgehend Zinsen von über 3 Prozent.“ Da mit Blick auf die Schuldenkrise und die niedrigen Zinsen derzeit kaum ein Anleger langfristig Geld anlegen wolle, seien die langen Zinsbindungen der Immobilienkäufer aus Sicht der Versicherer ideal.

          Derweil hat auch für Banken der Margendruck im Geschäft mit der Baufinanzierung zugenommen - dazu tragen zunehmend Anbieter wie Interhyp bei, die den Kunden Immobilienkredite von rund 300 Anbietern vermitteln. Hinzu kommt: „Die Kapitalanforderungen für Banken sind gestiegen, insbesondere wegen neuer Vorschriften wie Basel III“, sagt Thomas Schnarr, Bankenfachmann des Beratungsunternehmens Oliver Wyman. „Die Banken müssen mehr Kapital vorhalten, wenn sie Kredite wie bei der Immobilienfinanzierung vergeben.“

          Offerten nur für drei bis sechs Monate

          Aus Sicht der Kunden, die für ihren Hausbau oder den Kauf einer Wohnung einen Kredit aufnehmen wollen, ist der Konkurrenzdruck in der Branche von Vorteil - es gibt bessere Konditionen für sie. Für die Kunden macht es ohnehin keinen großen Unterschied, ob sie ihren Kredit bei einer Bank oder einer Versicherung abbezahlen. Viele Versicherer sind aber weniger aggressiv in der Vermarktung als zum Beispiel Online-Banken, die mit günstigen Zinsangeboten um Hypothekenkunden werben. Allerdings, so berichtet Müller von Interhyp, räumen manche Versicherer relativ lange Zeiträume ein, in denen sie für die Bereitstellung eines Immobilienkredits keine Gebühren nehmen.

          In der Regel gelten diese Offerten lediglich für drei bis sechs Monate. „Es gibt aber Versicherer, die bis zu 12 Monate keine Gebühren für die Bereitstellung eines Kredits nehmen.“ Das kann nicht nur für Häuslebauer interessant sein, die noch nicht genau absehen, wann sie das Geld benötigen. Auch Kunden, die einen Kredit über ein Forward-Darlehen ablösen wollen und sich niedrige Zinsen sichern wollen, profitieren. Denn je länger die Zuteilung eines Kredits noch aussteht, desto höher sind die Kosten. Wenn aber die Bereitstellungkosten bis zu 12 Monaten wegfallen, kann in diesem Fall die Wahl eines Versicherers von Vorteil sein.

          Bis in die klassischen Bankgeschäfte

          Nach Angaben von Max Herbst sind die Versicherer längst in das klassische Bankgeschäft vorgedrungen, dazu zählen Angebote wie ein Konto für das Tagesgeld sowie das Festgeld. Wenn zum Beispiel eine Lebensversicherung an einen Kunden ausgezahlt wird, geht das Geld in der Regel auf ein Bankkonto. Die Bank erfährt davon und hat ein Interesse daran, dem Kunden ein neues Anlageprodukt zu verkaufen. Geht das Geld hingegen auf ein Konto, das der Versicherer dem Kunden anbietet, ist der Versicherer in der Lage, für weitere Produkte wie eine Rentenversicherung zu werben.

          Trotz wachsender Konkurrenz ist es unwahrscheinlich, dass die Versicherer die Banken in der Immobilienfinanzierung übertrumpfen werden. Nach Angaben des GDV hatten die Lebensversicherer Ende 2011 Hypothekendarlehen für rund 50 Milliarden Euro vergeben, was 6,7 Prozent ihrer Kapitalanlagen entspricht. Es ist auch nicht zu erwarten, dass alle Versicherer das Hypothekengeschäft ausbauen werden. Manche Anbieter verzichten sogar ganz darauf. Andere Versicherer, die sich dafür entschieden haben, bekamen bisweilen aber auch Probleme: So musste ein Versicherer zeitweilig die Vergabe von Immobilienkrediten stoppen, weil der Kundenansturm zu groß war.

          Quelle: F.A.Z.

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