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Gesunkene Auszahlungen : Niedrigzins kostet typischen Versicherten 100.000 Euro

Bescheidenere Monatsrenten Bild: dpa

Wer privat fürs Alter vorsorgt, den treffen die derzeit niedrigen Zinsen hart: Für einen typischen Vorsorgesparer hat sich die Auszahlung seit 1995 mehr als halbiert. Auch private Rentenversicherungen verlieren an Wert.

          Dass garantierte und prognostizierte Auszahlungen etwas völlig anderes sind, haben Versicherungskunden in den vergangenen Jahren schmerzhaft lernen müssen. Seit Jahren senken Lebensversicherer ihre Überschussbeteiligungen, nachdem sich die Bedingungen am Kapitalmarkt verschlechtert haben.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Wer mit den Auszahlungen aus einer Kapitallebensversicherung kalkuliert, um etwa einen Teil seines Kredits zu finanzieren, muss heute mit einer ganz anderen Höhe rechnen als vor zwei Jahrzehnten. Wer in seiner Altersvorsorge mit Zahlungen einer privaten Rentenpolice rechnet - der heute meistverkauften Form der Lebensversicherung -, könnte eine größere Lücke haben als gedacht.

          Mehr Ertrag als Anleihen

          Noch 1995 lag die Umlaufrendite bei 6,9 Prozent. Damals war das Zinsniveau in Folge der deutschen Einheit besonders hoch, so dass die Phase als Referenz nur bedingt taugt. Auch die Inflationsrate lag deutlich höher; die für Jahrzehnte später in Aussicht gestellten Auszahlungen waren somit real weniger wert als heute. Nun nähert sich die Umlaufrendite einem Prozent.

          Dass Rentenpolicen leistungsfähig sind, zeigt sich daran, dass die laufenden Verzinsungen der Verträge nicht im selben Maße gefallen sind wie der Marktzins. Schrieben die Versicherer ihren Kunden damals 7,4 Prozent und damit etwas mehr als die Umlaufrendite gut, war die Summe aus Überschuss- und Garantieverzinsung im vergangenen Jahr mit 3,9 Prozent mehr als doppelt so hoch wie die Umlaufrendite (1,6 Prozent im Jahresmittel).

          Schwacher Trost für die Kunden

          Für einen Kunden, der seine Rentenlücke füllen muss, weil die Zahlungen aus der gesetzlichen Rente kontinuierlich sinken, ist das allerdings wenig tröstlich. Ein 30 Jahre alter Versicherter, der jeden Monat 100 Euro eingezahlt hat und sich mit 67 Jahren den Vertrag auszahlen lässt, konnte bei Abschluss im Jahr 1995 durchschnittlich noch mit einer nominalen Ablaufleistung von 187.300 Euro rechnen.

          Laufende Verzinsung, Umlaufrendite, Garantiezins

          Diesen Wert hat das Institut für Vorsorge und Finanzplanung (IVFP) für die F.A.Z. errechnet - unter der Annahme, dass die damals festgelegte laufende Verzinsung für die gesamte Laufzeit gilt und Abschluss- und Verwaltungskosten auf dem heutigen Niveau lagen. Wer 2012 abgeschlossen hat, kann unter diesen Annahmen mit nominal ziemlich genau 100.000 Euro weniger rechnen. Zudem ist durch erforderliche Zinszusatzreserven und schlechtere Anlageergebnisse schon prognostizierbar, dass die Überschussbeteiligungen weiter fallen.

          Die Effekte des stetig sinkenden Zinsniveaus lassen sich an entscheidenden Wegmarken plastisch darstellen. Als 2002 durch den Börsencrash die laufende Verzinsung erstmals sichtbar auf dann 6,2 Prozent zurückgefahren wurde, kostete das den zuvor beschriebenen Musterkunden unter der Annahme einer konstanten Verzinsung nominal fast 45.000 Euro. Die Umlaufrendite lag damals nur noch bei 4,8 Prozent. Weniger stark fiel die akute globale Finanzkrise bei der laufenden Verzinsung ins Gewicht. In den sechs Jahren bis 2008 aber reduzierte sich die Ablaufleistung für den Musterkunden abermals um 45.000 Euro. Die letzten 10.000 Euro geringere Ablaufleistung sind in den Jahren 2008 bis 2012 hinzugekommen.

          Weniger Renditepunkte für männliche Kunden

          Doch nicht nur der Kapitalmarkt lässt Rentenversicherungen im Vergleich zu früher unattraktiver aussehen. Die europäische Rechtsprechung kostet männliche Kunden ebenfalls Renditepunkte. Seit diesem Jahr dürfen Versicherer wegen des Unisex-Urteils nicht mehr zwischen Männern und Frauen unterscheiden. Im Vergleich zu einem Kunden, der im vergangenen Jahr eine Police abgeschlossen hat, kann ein Versicherter bei gleich bleibender Verzinsung durchschnittlich mit 24 Euro im Monat weniger rechnen - 6 Prozent weniger als derjenige, der 2012 abgeschlossen hat. Die Rentenzahlung von 358 Euro beträgt somit weniger als ein Drittel von der, die 1995 bei gleichbleibendem Zins in Aussicht gestellt werden konnte (1204 Euro). Eine Frau erhält 2 Prozent beziehungsweise 7 Euro mehr. Wird der Mann 90 Jahre alt, entgehen ihm noch einmal rund 6600 Euro - zusätzlich zu den 100.000 Euro, die ihn der Niedrigzins nominal gekostet hat.

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