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Wasser im Test : Leitung oder Flasche?

Am Wasser scheiden sich die Geister: Aus der Leitung oder lieber aus der Flasche? Bild: Roeder, Jan

Viele Wassertrinker fürchten sich vor Keimen, Pharmarückständen oder Bleiresten im Leitungswasser. Sie kaufen deshalb lieber Mineralwasser. Ein Vergleichstest.

          Eines vorweg: Das Trinkwasser gibt es in Deutschland nicht. Deswegen kann man nicht pauschal sagen, wie gut das ist, was aus Deutschlands Wasserhähnen rinnt. Allein rund 6000 Trinkwasserversorger pumpen in jeder Kommune eigens aufbereitetes Wasser in die Leitungen. Das unterscheidet sich daher von Stadt zu Stadt doch sehr, obwohl die Richtlinien und Grenzwerte streng sind. Dazu kommen unzählige Hausbrunnen, aus denen Bewohner schöpfen.

          Nadine Oberhuber

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Genauso wenig gibt es das Flaschenwasser, denn mehr als 500 Mineralwassermarken schwappen regelmäßig in die Supermarktregale. Wegen dieser Flut an Quellen, die uns mit Flüssigkeit versorgen sollen, fragen sich viele, was denn nun besser ist: das Wasser aus dem Hahn - oder das aus der Flasche? Wasser ist schließlich unser wichtigstes Lebensmittel, jeder schlürft davon 130 Liter pro Jahr.

          Eindeutig fürs Leitungswasser spricht: Es ist praktisch, weil man den Hahn nur aufdrehen und keine Flaschen schleppen muss. Die Kosten fallen ungefähr so ins Gewicht, wie ein Tropfen im Ozean auffällt. Mit etwa 1,50 Euro pro tausend Liter ist es unser billigstes Lebensmittel. Für das gleiche Geld bekamen wir gerade mal zwei Flaschen im Supermarkt. Und es ist auch das am intensivsten kontrollierte Produkt hierzulande. Die Regeln für die Aufbereiter sind strenger als die für Mineralwasserabfüller. Was also hält Menschen davon ab, ihr tägliches Wasser aus dem Hahn zu zapfen?

          Es sind zum Beispiel Meldungen über Rückstände von Arzneimitteln, die sich im Trinkwasser finden lassen. Über Hormone aus Antibabypillen, die inzwischen massenhaft darin herumschwimmen sollen. Der Gedanke, man trinke Wasser, das bereits viele Male auch durch Abwasserleitungen geflossen ist. Oder die Angst davor, sich wegen der Bleirohre im Haus schleichend zu vergiften. Sie sind die Hauptgründe dafür, dass viele doch lieber Kisten schleppen und für Wellness- oder Lifestylewässerchen horrende Summen ausgeben. Schließlich sollen in denen auch viel mehr Mineralien stecken.

          Arsen und Uran in Flaschenwasser

          Ganz so klar ist die Sache jedoch nicht. Zunächst einmal stammt Trinkwasser aus Frischwasser, betonen die Wasserversorger. Zwei Drittel werden übers Grundwasser gewonnen, das übrige Drittel stammt aus Seen, Talsperren, Quellen und ein kleiner Teil aus Flusswasser. Nun haben neueste Untersuchungen belegt, dass sich vor allem dort, wo es aus „Uferfiltration“ gewonnen wird, tatsächlich mehr Arzneimittelrückstände nachweisen lassen. Auf Röntgenkontrastmittel, Pestizide und Antibiotika hat jüngst Ökotest das Trinkwasser in 69 Städten untersucht. Negativ fielen die Proben aus dem Gebiet Rhein-Ruhr mit Bochum, Essen, Dortmund und Bonn sowie Berlin-Tegel, Nürnberg, Fürth und Münster auf. Das sauberste Wasser fließt demnach in Aachen, Berlin-Hohenschönhausen, Braunschweig, Bremen, Dresden, Göttingen, Hannover und Ingolstadt.

          Insgesamt zehn Medikamentenspuren entdeckten auch andere Tests bereits im Wasser, vor allem Schmerzmittel, Blutdrucksenker und Anti-Epileptika. Forscher mahnen deshalb, bessere Filterverfahren einzusetzen. Von Haushaltsfiltern raten sie dagegen eher ab, weil die zu oft verkeimen. Außerdem gelte es, Vorsorge zu betreiben, um solche Stoffe gar nicht erst übers Abwasser in Flüsse und ins Grundwasser gelangen zu lassen. Zu oft entsorgen Verbraucher noch Medikamente über die Toilette. Wie der menschliche Organismus jedoch reagiert, wenn er all diese Stoffe dauerhaft und gleichzeitig zu sich nimmt, mag niemand abzuschätzen. Allerdings sei die Menge der nachgewiesenen Schadstoffe im Trinkwasser so gering, dass sie „alles andere als gesundheitlich bedenklich“ sei, betont Ingrid Chorus vom Umweltbundesamt: „Da nimmt der Körper über Staub, Kleidung oder Nahrung viel größere Mengen an Giften auf.“

          In Proben von Mineralbrunnen fand das Umweltbundesamt in einer Studie 2010 keine Arzneimittelsrückstände. Das heißt aber nicht, dass deren Wasser in jedem Fall reiner ist. Studien wiesen Schwermetalle wie Arsen und Uran im Flaschenwasser nach. Oder fanden krankmachende Keime, die für Immunschwache wie Krebs- und Aidspatienten oder alte Menschen kritisch sein können. Und das sogar in jeder dritten Flasche, prangerte die Stiftung Warentest 2012 an. Zudem stutzten die Tester, wie wenig Mineralstoffe sie fanden, vor allem Kalzium und Magnesium waren oft Mangelware. Da schnitt Leitungswasser in vielen Fällen deutlich besser ab, auch bei unserem Test.

          Die letzten Meter sind die entscheidenden

          Zudem geben die Behörden bei den Bleirohren Entwarnung: Die allermeisten Hausbesitzer haben umgerüstet. Seit Ende 2013 sind die Richtwerte so streng, dass sie praktisch nicht mehr eingehalten werden können, wenn das Wasser im Haus noch durch Blei gepumpt wird. Wo tatsächlich noch alte Rohre liegen, müssen die Eigentümer ihre Mieter darüber informieren. Wer zweifelt, kann das Gesundheitsamt bestellen und eine Probe nehmen lassen.

          Die letzten Meter, die das Wasser im Haus zurücklegt, sind die entscheidenden und oft ein Problem, räumen Experten ein. Vor allem in Bürogebäuden, wo sich Endlosleitungen durchs Haus ziehen, an denen immer wieder an- oder umgebaut worden sei - mit wechselnden Materialien. Oder in Privathäusern, in denen sich die Besitzer selbst am Verlegen von Kupfer- oder Nickelrohren versuchten und Dichtungsmaterial nutzten, das nicht gut geeignet sei. Genau das kann dafür sorgen, dass Leitungswasser grauslich schmeckt. Gesundheitsschädlich ist das meist nicht. Aber teuer, weil man da lieber zur Flasche greift.

          Quelle: F.A.S.

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