http://www.faz.net/-hbv-9ck25

Mobil zur Kasse : Mit dem Handy bezahlen kommt in Mode

Gehört die Gircocard bald der Vergangenheit an? Bild: obs

Wir benutzen unser Smartphone für alles Mögliche – nur nicht an der Ladenkasse. Google und die Sparkassen werden das jetzt ändern.

          Anfang dieses Jahrzehnts kam der Handelskonzern Otto auf eine äußerst verheißungsvolle Idee: Weil die Menschen ihr Smartphone immer und überall bei sich tragen, wäre es doch nur folgerichtig, wenn sie es auch zum Bezahlen nutzen würden. Also gründete Otto einen eigenen Mobile-Payment-Dienst namens Yapital, steckte viel Geld hinein und wollte es fortan mit großen Bezahldiensten wie Paypal aufnehmen. Die Sache ging ordentlich schief. Weder Kunden noch Händler sahen einen Nutzen darin, das Handy an der Ladenkasse dem Bargeld oder der Bankkarte vorzuziehen. Yapital verschwand im Januar 2016 sang- und klanglos nach vier Jahren, zum Abschied verschickte Otto eine Pressemitteilung, in der es zerknirscht hieß: „Die Verbrauchergewohnheiten ändern sich deutlich langsamer als von allen Marktbeobachtern prognostiziert.“ Ein falsches Produkt zur falschen Zeit, so etwas kommt vor.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nach einigen weiteren Jahren, in denen mobiles Bezahlen mit schöner Regelmäßigkeit zum neuen Trend ausgerufen und dann letztlich doch von allen verschmäht wurde, könnte sich von diesem Sommer an alles ändern. Denn nun haben sich nicht nur Nischenanbieter wie einst Yapital dem Mobile Payment verschrieben, sondern echte Schwergewichte. Auf der einen Seite amerikanische Technologiekonzerne, die ihr Bezahlsystem in Deutschland gerade eingeführt haben wie Google Pay oder mutmaßlich kurz davor stehen wie Apple Pay. Zum anderen die Sparkassen, die dem Großteil ihrer 45 Millionen Kunden vom 30. Juli an das Bezahlen mit dem Handy schmackhaft machen wollen, sowie die Volks- und Raiffeisenbanken, die in Kürze nachziehen.

          Deutsche Finanzmacht und amerikanische Großkonzerne forcieren also die große Mobilmachung im Bezahlen. Von einem „Durchbruch in Deutschland“ spricht Ralf Ohlhausen vom internationalen Payment-Spezialisten PPRO: „Bisher haben wir hierzulande eher gesehen, wie Mobile Payment nicht funktioniert. Zum Beispiel, wenn jedes größere Handelsunternehmen seine eigene Bezahl-App auf den Markt bringt.“

          Die Idee, das Handy zum Bezahlen zu nutzen, hat vieles für sich

          Die Idee, das Handy zum Bezahlen zu nutzen, hat vieles für sich. Wenn die Menschen alles Mögliche mit ihrem Smartphone anstellen – Kurznachrichten und E-Mails schreiben, im Netz surfen, Musik hören, Filme schauen, spielen und telefonieren –, dann wäre es doch naheliegend, das stets griffbereite Gerät auch zum Bezahlen zu zücken: im Supermarkt, in der Drogerie oder an der Tankstelle. In anderen Ländern ist dies inzwischen üblich.

          Doch die Deutschen hinken hinterher. Zwar ermöglichen die Deutsche Bank und die Postbank ihren Kunden schon seit vergangenem Jahr das Bezahlen mit dem Smartphone. Auch der Zahlungsabwickler Wirecard offeriert eine Mobile-Payment App namens Boon, über die jeder Nutzer beispielsweise bei McDonald’s, Aldi und Lidl bezahlen kann. Doch es braucht noch einiges mehr, ehe Mobile Payment zum Massenphänomen wird.

          Laut der jüngsten, im Februar dieses Jahres veröffentlichten Bundesbank-Studie zum Zahlungsverhalten haben bisher sieben Prozent der Deutschen schon einmal mit dem Smartphone bezahlt; vor allem, wenn sie im Internet eingekauft haben oder Tickets für Bus, Bahn oder Kino erworben haben. Das Handy an der Ladenkasse vor ein Lesegerät zu halten, statt Scheine und Münze umständlich aus dem Portemonnaie zu kramen, ist dagegen noch eine Seltenheit: Dies macht erst jeder Fünfzigste. Das liegt nicht nur an den Verbrauchern, die ihre Zahlungsgewohnheiten nur langsam ändern, sondern auch an Einzelhändlern, die ihre Ladenkassen lange Zeit kaum nachgerüstet oder ihr Personal nicht hinreichend geschult haben.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Putin-Merkel-Treffen : Vorsicht vor Halluzinationen

          Moskau ist kein leuchtendes Beispiel in Sachen Friedensbemühungen. Warum Putin jetzt die erstarkenden Wirtschaftsbeziehungen mit Deutschland in ein helles Licht rückt, ist völlig klar. Ein Kommentar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.