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Veröffentlicht: 05.03.2016, 09:30 Uhr

Trotz sinkender Börsenpreise Strom in Deutschland wird teurer

Der Strompreis für Verbraucher steigt jetzt in vielen Städten und Gemeinden. Und das, obwohl Strom an der Börse immer billiger wird. Wie verrückt ist das denn?

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© dpa Ein Haushalt kann durch einen Anbieterwechsel je nach Stadt und Verbrauch 20 bis 31 Prozent der Stromkosten sparen.

In vielen Städten und Gemeinden in Deutschland steigt jetzt der Strompreis. Nach einer Auswertung des Internetportals Verivox für die Frankfurter Allgemeine Zeitung haben in diesem Jahr schon 230 von rund 800 Stromversorgern eine Preiserhöhung angekündigt oder umgesetzt. Im Durchschnitt steigt der Strompreis dabei um 2,9 Prozent. Betroffen sind Regionen mit zusammen 15,1 Millionen Haushalten. Von den großen Stromkonzernen hat Vattenfall angekündigt, zum 1. April den Strompreis in Hamburg und Berlin anzuheben.

Christian Siedenbiedel Folgen:

Ein Berliner Durchschnittshaushalt in der sogenannten Grundversorgung mit einem Jahresverbrauch von 2200 Kilowattstunden müsse künftig 2,30 Euro im Monat mehr zahlen (plus 3,96 Prozent). Ein Hamburger Durchschnittshaushalt mit einem Jahresverbrauch von 2500 Kilowattstunden zahle 3,14 Euro mehr (plus 4,9 Prozent).

Der RWE-Konzern hingegen, der gerade seinen Stammaktionären die Dividende gestrichen hat, kündigte bislang noch keine Strompreiserhöhung an. Ein Sprecher wollte auf Anfrage allerdings nicht ausschließen, dass das im Laufe des Jahres noch kommt – zumindest bis zum Sommer werde es aber keine Preiserhöhung geben. Eon hingegen hebt die Preise nach Unternehmensangaben zum 1. April in bestimmten Regionen an, vor allem in Brandenburg und Schleswig-Holstein.

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Die Strompreiserhöhung in vielen Orten in Deutschland kommt ausgerechnet in einer Zeit, in der Strom an der Strombörse so billig ist wie selten. Schon voriges Jahr wurden dort Tiefstände erreicht, aber in den ersten Monaten dieses Jahres sank der Preis noch weiter. Nachdem der Strompreis am sogenannten Spotmarkt im Januar 2016 bereits ein Elf-Jahres-Tief markierte, fielen die Strompreise im Februar auf ein neues Rekordtief. Strom war dort so günstig zu haben wie seit 2002 nicht mehr.

Zwei Gründe für die Preiserhöhungen

Ähnlich wie Öl und Gas ist also auch Strom im Augenblick eigentlich außerordentlich billig, man könnte fast von einer „globalen Energie-Baisse“ sprechen. Warum steigt dann der Strompreis für Verbraucher in Deutschland jetzt? Noch im vorigen Jahr hatte es in vielen Prognosen geheißen, die Verbraucher in Deutschland könnten sich beim Erdgas zum Heizen jetzt endlich auf sinkende Preise einstellen, weil die Versorger so langsam die gesunkenen Einkaufspreise weitergäben. Und beim Strompreis war von vielen zumindest mit einer Stagnation gerechnet worden. Davon redet jetzt keiner mehr.

Infografik / Viele Stromanbieter erhöhen 2016 ihre Preise © F.A.Z. Vergrößern

Die Versorger führen vor allem zwei Gründe für die Preiserhöhungen an: Das eine ist die gestiegene EEG-Umlage für Ökostrom, das andere sind die höheren sogenannten Netzentgelte, also die Durchleitungsgebühren, die ein Stromnetzbetreiber vom Stromanbieter verlangt.

Die Öko-Umlage ist zum Jahreswechsel von 6,17 Cent auf 6,35 Cent je Kilowattstunde angehoben worden, also um 3 Prozent. Im Vorjahr war sie um 1,1 Prozent gesunken, was dazu beigetragen hatte, dass Strom 2015 für Privathaushalte das erste Mal seit langem wieder etwas billiger geworden war. Das scheint sich jetzt wieder umzukehren.

„Investitionen in Milliardenhöhe notwendig“

Diese Umlage wird erhoben, damit die Produzenten erneuerbarer Energien einen höheren Preis für die Einspeisung ihres Stroms bekommen, als der Verkauf über die Strombörse ihnen einbringt. So paradox es klingt: Gerade weil der Strompreis an der Strombörse so niedrig ist, fällt die Umlage besonders hoch aus, und die Verbraucher müssen am Ende besonders viel zahlen.

In den höheren Netzentgelten hingegen machen sich unter anderem die Investitionen bemerkbar, die für den Ausbau der Netze wegen der Energiewende notwendig sind. „In vielen Regionen dürften die Netzentgelte in diesem Jahr aufgrund des erforderlichen Aus- und Umbaus von Verteil- und Übertragungsnetzen weiter steigen“, sagte eine Sprecherin des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW).

„In den nächsten zehn Jahren sind wegen des Baus von dezentralen Photovoltaik- und Windenergieanlagen Investitionen in Milliardenhöhe allein in die Verteilnetze notwendig.“ Es müssten bestehende Stromleitungen verstärkt, neue Stromleitungen verlegt sowie Trafostationen und andere technische Einrichtungen installiert werden.

„Konnten rund die Hälfte auffangen“

Unklar ist, ob der eine oder andere Stromversorger auch einfach seine Marge ausweitet. Verbraucherschützer jedenfalls kritisieren, dass Stromunternehmen eine höhere EEG-Umlage gern an die Verbraucher weitergeben, eine niedrigere Umlage nicht unbedingt. Bei Vattenfall und EnBW hingegen argumentiert man, dass die hohen zusätzlichen Belastungen durch Umlagen und Netzentgelte eigentlich eine viel höhere Strompreiserhöhung notwendig gemacht hätten. Und dass diese nur deshalb so moderat ausgefallen sei, weil der Einkaufspreis für Strom so deutlich gesunken sei.

„Wir konnten rund die Hälfte des eigentlich notwendigen Anstiegs dadurch auffangen, dass wir die gesunkenen Einkaufspreise an die Kunden weitergegeben haben“, sagte ein Sprecher von EnBW, die den Strompreis zum 1. Januar um 2,4 Prozent angehoben hatte. 79 Prozent des Strompreises machten Umlage, Abgaben, Steuern und Netzentgelte aus, nur 21 Prozent könnten die Versorger beeinflussen.

Verbraucher in den betroffenen Regionen können Preiserhöhungen offenbar nur dann entgehen, wenn sie von der sogenannten Grundversorgung entweder in einen günstigeren Tarif des eigenen Versorgers wechseln – oder zu einem anderen Anbieter. Das Deutsche Institut für Service-Qualität (DISQ) hat gerade in einer Studie zu den Stromanbietern festgestellt, dass ein Haushalt durch einen Wechsel je nach Stadt und Verbrauch 20 bis 31 Prozent der Stromkosten sparen könne. Das könnten 163 bis 445 Euro im Jahr sein.

Quelle: F.A.Z.

 

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