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„Sharing Economy“ : Haben ist seliger als Teilen!

Wer seine Bierbänke verleiht, ist nicht nur ein netter Nachbar, sondern ein „sozialinnovativer Ko-Konsument“ Bild: Irl, Maria

Die Mode lautet „Sharing Economy“: Die Leute wollen alles teilen und pfeifen auf Besitz, sagt man uns. Doch setzt Teilen nicht Besitz voraus? Ein genauer Blick auf den „Megatrend“.

          Wir, die Autoren dieses Textes, trieben uns schon zu Schulzeiten vor einigen Jahrzehnten gerne in Antiquariaten herum und kauften alte Bücher. Und fürs Sommerfest im Garten liehen wir uns eine Biertischgarnitur. Heute erfahren wir: Wer Bierbänke und gebrauchte Bücher mag, ist ein „sozialinnovativer Ko-Konsument“ und im Jahr 2013 ziemlich Avantgarde.

          Rainer Hank

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          23,5 Prozent der Deutschen zählen zur Gattung der Ko-Konsumenten. So steht es in einer vielzitierten Studie der Universität Lüneburg mit dem Titel „Sharing Economy. Auf dem Weg in eine neue Konsumkultur“, verfasst vom Nachhaltigkeitsprofessor Harald Heinrichs. Der Ko-Konsument erweitert seinen „eigentumsorientierten Individualkonsum“, es ist ihm egal, dass sein Buch auch schon von anderen gelesen wurde, schließlich ist er ein zutiefst postmaterialistischer Typ, der auf den Besitz pfeift, weil ihm Teilen viel wichtig ist als Haben.

          „Sharing Economy“ nennt sich der neue „Megatrend“ (drunter tun die Trendsetter es nicht). Ko-Konsumenten teilen nicht nur Bücher, sie teilen auch ihre Betten, leihen einander ihre Autos und tummeln sich im Internet auf einer gemeinsamen Cloud. Zu sagen, das habe es alles immer schon gegeben und sei gar nicht neu, gilt als uncool. Als ob Mode Rücksicht darauf nähme, dass sie im Grunde ein alter Hut ist. Revolutionen müssen immer so tun, als werde die Welt neu geschaffen.

          Teilen ist klasse

          „Wohnung, Auto, Abendkleid: Wie Teilen und Tauschen unser Verhältnis zum Besitz revolutioniert“ titeln die populären Magazine. „Vom Hyper-Konsum zum Gemeinschaftskonsum“ verheißt ein großer Sharing-Kongress Anfang Mai in Berlin. Und der Professor aus Lüneburg liefert den Überbau, allerdings in hoher Verdünnung und ganz zufällig auf Bestellung von „Airbnb“, einer privaten Übernachtungsbetten-Verleihfirma.

          Die Möglichkeiten, immaterielle Bedürfnisse mit materiellem Wohlstand zu befriedigen, seien begrenzt, weiß Professor Heinrichs. Das Glücksversprechen der individualisierten Konsumgesellschaft gemäß dem Motto „Mein Haus, mein Boot, mein Auto“ habe getrogen. Jetzt also leben wir in einem neuen urchristlichen, fast-sozialistischen Paradies, wo alle alles nutzen und keiner mehr etwas haben will gemäß dem Grundsatz: Jeder nach seinen Bedürfnissen, jeder nach seinen Fähigkeiten. „What’s Mine is Yours“ heißt das Motto der Share Economy. Teilen ist klasse.

          Das „Haben“ hatte immer schon einen schlechten Ruf, wie der Linguist Harald Weinrich in seinem schönen Essay „Über das Haben“ (2012) nachweist. Schon auf der Kategorientafel des Aristoteles (4. Jahrhundert vor Christus) brachte es das Haben lediglich auf Platz acht von zehn. Ganz oben steht dort allerdings nicht das Teilen, sondern - ganz wuchtig - das Sein. Daraus hat der Psychoanalytiker Erich Fromm (1900 bis 1980) im Jahr 1976 sein ungemein populäres Buch über das „To have or to be“ (Haben oder Sein) gemacht.

          Der Gemeinschaftspathos der sechziger Jahre

          Es war die Zeit der Endsechziger, wo sich einige Gruppen junger Leute zusammentaten, um, enttäuscht vom Reichtum, Luxus und Überfluss ihrer Elterngeneration, ein möglichst „Haben“-freies Leben einzuüben. Nicht nur im Umgang mit materiellen Gütern, sondern auch, so Fromm, beim Lernen, Erinnern, Reden, Lesen, Wissen, Glauben - und natürlich beim Sex. Sanft, weniger revolutionär als im Marxismus, verbirgt sich dahinter die Rebellion gegen das private Eigentum: „Das Wesen des Haben-Modus der Existenz ergibt sich aus dem Wesen des Privateigentums“, sagt Fromm: Wer das Haben überwinden will, muss auch das Privateigentum abschaffen.

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