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Teurer Tropfen : Rekordpreise für den Riesling

Erst wird geschnuppert, dann wird geboten: Die Weinversteigerung in Trier ist ein Spitzentreffen von Winzern und Anlegern. Bild: Michael Kretzer

Anleger reißen sich um deutschen Wein. Zur Auktion in Trier kommen sie aus aller Welt. Hier kommen edle Tropfen für mehrere Tausend Euro unter den Hammer.

          Weltrekord! Der Auktionator brüllt das Zauberwort ins Mikrofon, im Publikum brandet Applaus auf, die Einkäufer an den Tischen machen sich eifrig Notizen und schicken mit ihren Telefonen Nachrichten aus dem Saal eines Hotels in Trier in den Rest der Welt. Einer von ihnen ist Nicos Hornivius vom „Francfort Trade House“. Der Weinhändler aus Südhessen ist eine stattliche Erscheinung, er sitzt weit vorne an einem der sechs langen Tische im Saal, und hier gilt die Faustregel: Je weiter vorne einer sitzt, desto mehr Geld steckt er in die Auktion. Eben noch hat Hornivius per SMS bei einem seiner Kunden nachgefragt, ob er das Limit hochsetzen soll. Dann kam der Zuschlag, sechs Flaschen vom Rekordwein gehen an Hornivius. Jetzt lehnt er sich zufrieden zurück.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der Winzer oben auf dem Podium nimmt es gelassen: Die obligatorische Frage des Auktionators, ob er das Angebot annimmt, quittiert er mit einem leicht verzögerten Nicken. Egon Müller ist die Aufmerksamkeit gewöhnt, er ist mit seinem Weingut an der Saar schon seit einiger Zeit der Star unter Deutschlands Winzern. Sein Riesling vom Scharzhofberg ist nicht nur für Weinliebhaber, sondern auch für Investoren aus aller Welt zum Objekt der Begierde geworden. Neukunden nimmt er längst nicht mehr, die Händler stehen Schlange. Zwei Jahre ist es her, da wurden im gleichen Hotelsaal in Trier drei Flaschen von Müllers Trockenbeerenauslese für mehr als 12.000 Euro netto das Stück versteigert, seitdem rangieren sie auf der Liste der teuersten Weißweine der Welt ganz vorn, mit weitem Abstand vor den klangvollen Namen aus dem Burgund.

          Vorbei die Zeiten, als einheimische Winzer nur Dutzendware anzubieten hatten und neidisch über die Grenze nach Frankreich schauten, wo sich mit teurem Wein schon jeher viel Geld verdienen ließ. Die Summen, die dafür geboten werden, sind seit Anfang des Jahrtausends zuerst steil gestiegen, weil neureiche Käufer aus Russland und China auch Phantasiepreise zahlten, wenn bloß das Prestige stimmte. Die Finanzkrise sorgte dann für einen Knick, inzwischen ist die Nachfrage aber wieder groß. Die Nullzinspolitik der Notenbanken lässt viele Geldanleger ihr Heil im Wein suchen. In Trier berichten die Händler außerdem von vielen reichen Briten, die rechtzeitig vor dem Brexit ihre Pfund-Bestände loswerden wollen, weil sie weitere Kursverluste befürchten. Deutscher Riesling liegt auch bei ihnen im Trend, vor allem in seiner fruchtigen, restsüßen Variante. Nirgends lässt sich das so gut besichtigen wie bei der Versteigerung der renommiertesten Weingüter von Mosel, Saar und Ruwer, die seit 1908 jedes Jahr Mitte September in Trier stattfindet.

          Ob nach Litschi oder reifer Birne - Hauptsache, der Wein ist gut

          Freitagvormittag, 9 Uhr. Die 15 Winzer, die an der Versteigerung teilnehmen, stehen hinter Tischen im Vorraum des Hotelsaals und schenken die Weine aus, die sie später ins Rennen um die höchsten Preise schicken werden. Egon Müller ist dabei, gleich daneben steht Günther Jauch, der TV-Moderator, der vor sieben Jahren das einst von seinen Vorfahren geführte Weingut von Othegraven übernommen hat. Jauch hat ein paar Stücke Schiefer aus seinem Weinberg mitgebracht, lässt die Gäste Wasser darauf verreiben und dann daran riechen: Die Weine aus der Gegend sind für ihren mineralischen Charakter bekannt. Für den Jahrgang 2017 bereiteten ihm der viele Regen und der starke Wind Sorgen, sagt Jauch, wenn jetzt auch noch Hagel kommt, o weh. Dann erzählt er von der glorreichen Vergangenheit. „Für Riesling von der Saar wurden früher schon Spitzenpreise gezahlt. Mein Großonkel hat mit einem Prozent der Produktion 100 Prozent der Kosten gedeckt. Der Rest war Gewinn.“ Will sagen: Es ist noch Luft nach oben. Die Frage ist, wie sehr die Anbieter die Jagd auf die Rekorde anfeuern wollen.

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