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Rating im Internet : Der neue Bewertungskult

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Wer ein neues Restaurant ausprobieren möchte, kann sich mithilfe der Bewertungen auf Tripadvisor entscheiden. Bild: dpa

Ob auf Reisen, beim Online-Einkauf oder bei der Partnersuche: Jeder bewertet jeden. Das bringt alle auf Trab und zwingt sie, einen guten Eindruck zu machen.

          Eine studentische Lerngruppe steht im Mittelpunkt der amerikanischen Sitcom „Community“. Ort des Geschehens ist das fiktive Greendale Community College. Die Serie greift allerlei Themen der Gegenwart auf und verarbeitet sie in ihren Episoden. In einer Folge wird eine App namens „MeowMeowBeenz“ eingeführt, mit der man jeden anderen Studierenden auf einer Skala von eins bis fünf bewerten kann. Abed Nadir, einer der Charaktere, sagt: „MeowMeowBeenz beseitigt alles Subjektive und Unausgesprochene in der menschlichen Interaktion und reduziert es auf explizite und objektive Zahlen. Ich habe mich noch nie so lebendig gefühlt.“

          Schon am Tag der Einführung wird die App rasend schnell populär. Die Mitglieder des College entwickeln eine Bewertungsobsession. Schon am zweiten Tag des Testlaufs wird klar, dass einige einen höheren Status erreichen. Nun beanspruchen sie eine Führungsrolle. Recht schnell formt sich ein regelrechtes Kastensystem, wobei die Gruppe mit den Fünfer-Bewertungen zur Elite und diejenigen mit Vierer- und Dreier-Bewertungen zu ihrer Dienstklasse werden. Die Zweier werden für niedere Arbeiten und Hilfstätigkeiten angestellt, während diejenigen, die nur auf einen Punkt kamen – die Ones – verbannt werden sollen.

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          Bewertungen sorgen für Machtverschiebung

          Was hier aufscheint, ist nicht ohne realen Hintergrund. Der Bewertungskult grassiert. Er fordert uns alle und lädt zum Mitmachen ein. Bürgerämter, Bahnhöfe oder Flughäfen mit Bewertungsterminals, auf denen Smileys abgebildet sind, Mitarbeiter, die sich wechselseitigen Bewertungen unterziehen, Arbeitnehmer, die ihre Firmen bewerten, Hotels, die unentwegt Zufriedenheiten erfragen, eine schier uferlose Zahl an Online-Bewertungsportalen – all dies sind untrügliche Zeichen dafür, dass sich ein neuer Kult der Bewertung herausgebildet hat. Überall sind wir gefragt, Dinge, Personen oder Leistungen zu bewerten, Sternchen zu vergeben, für gemachte Erfahrungen Noten auszustellen.

          Der Bewertungskult hat erhebliche Machtverschiebungen im Beziehungsgeflecht von Dienstleistern und Kunden, Lehrern und Schülern, öffentlichen Einrichtungen und Bürgern, Unternehmen und Mitarbeitern, Patienten und Ärzten zur Folge.

          Er verschafft Stimmen Gehör, die bis dato oftmals ungehört blieben. Laien- und Populärbewertungen erzwingen heute neue Formen der Responsivität, machen Unternehmen, öffentliche Einrichtungen oder Professionen abhängig von den Meinungen, die über sie vorgebracht werden, und können – zumal wenn dies öffentlich erfolgt – mit erheblichen Vorteilen oder Nachteilen einhergehen. Man kann es noch prägnanter formulieren: Bewertungen bringen auch jene auf Trab, die bislang geglaubt haben, sich um die Meinungen anderer nicht kümmern zu müssen.

          Die Transparenz steigt

          Besonders mächtig sind Portale, die ganze Dienstleistungsbereiche, Produktpaletten oder Professionen in Bewertungshierarchien einordnen und dafür auf die evaluative Mitmachbereitschaft von vielen Millionen von Nutzern oder Käufern zurückgreifen. Für die Vergabe von Bewertungspunkten werden häufig Symbole benutzt: Besonders beliebt sind Abstufungen zwischen einem und fünf Sternen.

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