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Nullzins : Eine Welt ohne Zinsen

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Alles richtig gemacht? Die EZB will nicht, dass die Menschen sparen, sondern konsumieren und investieren. Bild: AFP

Der Zins ist der Preis für die Geduld. Er ist der Lohn dafür, dass wir unser Geld nicht sofort ausgeben. In Zeiten der Nullzinsen funktioniert das nicht mehr. Sollen wir nun alles gleich verprassen?

          Ungeduld liegt in der Natur des Menschen – und es sagt sehr viel über jemanden aus, wenn man weiß, wie sehr er die eigene Ungeduld kontrollieren kann. Den berühmtesten Test dazu hat der Psychologe Walter Mischel vor vielen Jahrzehnten entwickelt. Damals testete er Kinder im Kindergartenalter, ob es ihnen gelang, eine Süßigkeit, die direkt vor ihnen lag, minutenlang nicht anzurühren, obwohl sie allein mit ihr im Raum waren – um später als Belohnung eine zweite zu bekommen. Dieses sogenannte Marshmallow-Experiment ist deshalb so berühmt geworden, weil es erstaunliche Vorhersagekraft bewies. Kinder, die schon mit vier, fünf Jahren sehr lang warten konnten, waren später auch meist erfolgreicher. Wer sofort das Marshmallow verschlang, hatte hingegen später häufiger Probleme, ob in der Schule, in Beziehungen oder bei der Arbeit.

          Unsere Gesellschaft belohnt es offenbar, wenn wir unsere Ungeduld zügeln können. Im wirklichen Leben gibt es viele Preise dafür. Der wohl bedeutendste Preis ist der Zins. Wer heute bereit ist, sein Geld nicht sofort auszugeben, sondern es zurückzulegen beziehungsweise an andere zu verleihen, um erst in einigen Jahren darüber zu verfügen, der erhält dafür als Preis in Zukunft mehr Geld zurück. Der Zins ist das zweite Marshmallow im Experiment, der Preis für die Verschiebung in der Zeit.

          Soll man noch Geld zurücklegen?

          Natürlich nicht nur: Er spiegelt auch wider, wie riskant ein Kredit ist. Je unwahrscheinlicher es ist, dass das Geld in Zukunft wirklich zurückgezahlt wird, desto höher ist der Preis, also der Zins. Aber die Tatsache, dass es fast immer – auch in Zeiten, da der Zins fast allen Weltreligionen als des Teufels galt – einen Zins gab, liegt eben daran: Der Zins ist der Preis für die Geduld, für das Warten der Menschen, die eigentlich am liebsten alles gerne sofort hätten.

          Ohne einen solchen Preis wird es schwierig, Menschen dazu zu bewegen, an andere Geld zu verleihen. Es ist wie beim Marshmallow-Experiment. Ohne das zweite Marshmallow würden alle Kinder das erste Marshmallow sofort essen, wenn sie nicht gerade zufällig Bauchschmerzen haben. Sie wären niemals bereit, 15 Minuten zu warten.

          Vor diesem Hintergrund blickt man ganz anders auf die jetzigen Zeiten der Nullzinsen. Als der Präsident der Europäischen Zentralbank vor gut zwei Wochen angekündigt hat, dass der Leitzins in Europa auf null sinke, da kündigte er eine neue Ära an: eine Zeit, in der es keine Belohnung für die Zügelung der Ungeduld mehr gibt. Wenn Zins und Inflation beide mehr oder weniger null sind, dann bedeutet Geld zurücklegen heute eben gerade nicht, dass ich morgen dafür belohnt werde, indem ich mehr Geld zurückbekomme. Geld zurücklegen bedeutet dann nur noch, dass ich Konsum heute gegen Konsum morgen tausche – ohne Belohnung. Da gerade diese Belohnung aber immer der Charakter des Zinses war, ist es kein Wunder, dass die derzeitigen Leitzinsen von 0,00 Prozent eine historische Ausnahme darstellen.

          „Geld morgen gegen Geld heute“

          Es war der österreichische Ökonom Eugen von Böhm-Bawerk, der diese Bedeutung des Zinses als Preis dafür, Geld heute gegen Geld morgen zu tauschen, als Erster erkannte und aufschrieb. Jahrhundertelang war der Zins von vielen bedeutenden Denkern verteufelt worden. So unterschiedliche Menschen wie Thomas von Aquin und später Karl Marx sahen in ihm einen zweiten Preis für Geld, nachdem das Rückzahlen des Geldes, also die Tilgung, ja schon der erste Preis war. Marx fand ihn deshalb „irrational“. Aristoteles lehnte den Zins ab, weil durch ihn „Geld aus Geld“ entstehe, das sei „widernatürlich“. Hätten diese Denker recht, so würden wir jetzt gerade in einer guten Welt leben.

          Böhm-Bawerk aber erkannte: Der Zins ist kein zweiter Preis fürs Geld. Er ist der Preis für den Tausch „Geld morgen gegen Geld heute“. Er ist der Preis für die Ungeduld. Weiterentwickelt wurde das später von Irving Fisher, der daraus die sogenannte „impatience theory of interest“ entwickelte.

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