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Veröffentlicht: 03.03.2014, 11:11 Uhr

Lastenräder Die Fahrradkiste

Das Auto aufgeben, bei Bedarf Carsharing nutzen und ansonsten das Fahrrad nehmen – das liegt im Großstadttrend. Hinzu kommen immer mehr Kistenräder, zum Transport nicht nur von Bierkästen, sondern auch von Kindern.

von
© Caro Unterwegs in Berlin

Isabel Wirtz hat sich ihrer Wahlheimat sichtlich angepasst. Die in Amsterdam lebende Deutsche chauffiert ihre Kinder mit dem „bakfiets“ („Kistenfahrrad“) durch die Stadt, einem Fahrrad mit einem großen offenen Kasten zwischen Lenker und Vorderrad. In den Innenstadtsträßchen kann es etwas eng werden, und wenn die Radlerin ihr bakfiets wendet, dann ist es, als drehte ein Tanker auf See. Doch Wirtz schwört auf das Lastenrad: Immerhin ist es ihr drittes seit 2007; die ersten beiden wurden - auch das passt zu Amsterdam - gestohlen. Beide Male kaufte sie dasselbe Modell nach: „Für die Kinder und den Einkauf – ich will es nicht missen.“

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In Amsterdam fällt Wirtz mit ihrem Fahrrad-SUV im Alltag schon lange nicht mehr auf. Aber zusehends cruisen auch ihre Landsleute in Deutschland so durch den Verkehr. Das Auto aufgeben, stattdessen bei Bedarf Carsharing nutzen und ansonsten das Fahrrad nehmen – das liegt ohnehin im Großstadttrend. Jetzt jedoch werden auch Kinder, Bierkästen und Schränke aufs Rad geladen oder auch ins Rad. Viele finden das praktischer als einen Anhänger, und man kann besser mit den Kindern schwatzen.

Die Frankfurter können seit Oktober an öffentlichen Stationen Kistenräder mieten – übrigens mit elektrischem Hilfsmotor, wie er in den letzten Jahren auch an herkömmlichen Rädern zunehmend installiert ist. Betreiberin ist eine städtische Immobiliengesellschaft; vor allem für ihre Mieter ist die bakfiets-Flotte gedacht. Aber auch alle anderen können sie nutzen. Im citynahen Nordend hat der Ortsbeirat die Stadt aufgefordert, ebenfalls eine Verleihstation einzurichten. Die Entscheidung wird noch für März erwartet.

Auch im Beruf kommen die Fahrzeuge zum Einsatz

Das Nordend ist ein bisschen vergleichbar mit dem Prenzlauer Berg in Berlin, wo allerlei Kistenräder durch die Straßen kreuzen. „Gerade in den großen Metropolen und gerade in den Gebieten mit vielen jungen Familien nimmt die Verbreitung stark zu“, sagt Siegfried Neuberger, Geschäftsführer des Zweirad-Industrie-Verbands (ZIV). Auch wenn die absoluten Zahlen bisher überschaubar sind: „Das Segment ist noch relativ klein.“ Daher erfasst der Verband bisher keine Absatzzahlen für diesen Spezialmarkt.

Das bakfiets mit seiner Kiste ist nicht die einzige Art Transportrad. Unterschiedlichste Varianten sind erhältlich, mit zwei oder drei Rädern, mit Ladeflächen statt Kiste oder mit kleinen Personenkabinen – als Rikscha. Auf www.nutzrad.de ist unter „Katalog“ die beachtliche Palette grafisch präsentiert – ebenso die lange Liste von Herstellern. Viele kommen aus Holland und Deutschland – sowie aus Dänemark, denn die Hauptstadt Kopenhagen ist neben Amsterdam die europäische Lastrad-Hochburg und die Marke Christiania ein Klassiker. Aus Holland ist beispielsweise der Anbieter bakfiets.nl bekannt, in Deutschland Riese & Müller.

Wegen des hohen Gewichts sind die Lasträder in erster Linie im Flachland zu sehen. Mit den neuen Elektromotoren könnten sie aber auch hügligeres Gelände erschließen. Nicht nur Privatleute bewegen ihre Fracht per Rad, auch im Beruf kommen die Fahrzeuge zum Einsatz. Die einfachen Transporter mit kleiner Ladefläche – Posträder, Werksräder – sind ohnehin nie ganz verschwunden. Den gewerblichen Einsatz mit bakfietsen untersucht noch bis Mitte 2014 das Institut für Verkehrsforschung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) im Auftrag des Bundesumweltministeriums: In mehreren deutschen Städten nutzen Kuriere 40 Elektro-Lastenräder.

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Der Projektname „Ich ersetze ein Auto“ prangt demonstrativ auf den Ladeboxen. Mancherorts könnten die Räder bis zu 85 Prozent der Autokurierfahrten in Innenstädten ersetzen, schätzt das DLR. Folgen: keine Abgase, weniger Lärm. Und so sperrig die klobigen Räder auch sind: Weniger Platz als die üblichen Klein-Lkw der Kuriere nehmen sie allemal weg.

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