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Nach Großbrand in Bangladesch : Billigklamotten

Die Textilindustrie in Bangladesch macht bestimmte europäische Geschäftsmodelle erst möglich Bild: AP

Kein Land stellt Textilien so preiswert her wie Bangladesch. Das nützt den Multis wie den Näherinnen. Jetzt aber lautet das neue Mantra der westlichen Wohlstandsbürger: Billig einkaufen ist unethisch.

          Die knapp elfjährige Nichte kam zu Besuch nach Frankfurt. Zwei Orte wollte sie hier dringend besuchen: das berühmte Naturmuseum Senckenberg und die Filiale der irischen Billigtextilien-Kette Primark. Deren Sortiment hat aus ihrer Sicht einen großen Vorteil: Es entspricht ihrem Geschmack, und die Klamotten sind spottbillig. Nur deswegen kann sie mit ihrem spärlichen Taschengeld da überhaupt kaufen. Ein großer Teil der Primark-Textilien kommt aus Bangladesch. Dort hat es einen schrecklichen Brand gegeben, bei dem mehr als 100 Menschen gestorben sind. In dieser Fabrik wurden Textilien für Europa und Amerika gefertigt.

          Schaut man sich an, wie deutsche Medien den Brand kommentierten, wie Politiker sich dazu äußerten: Dann trägt das elfjährige Mädchen aus Deutschland mit seiner Vorliebe für billige T-Shirts dazu bei, dass die Näherinnen aus Bangladesch im Feuer starben. Billig einkaufen ist unethisch, lautet das neue Mantra der westlichen Wohlstandsbürger. Wenn die Welt doch bloß so einfach wäre. Auch teure Markenprodukte bieten keine Gewähr für gute Arbeits- und Brandschutzbedingungen.

          Je teurer die Artikel, desto weniger werden sie gekauft

          An den Zuständen bei Apples chinesischem Zulieferer Foxconn hat sich zuletzt heftige Kritik entzündet. Wundern muss man sich auch über die ferndiagnostischen Fähigkeiten hiesiger Meinungsbildner, die viel schneller als die in Bangladesch ermittelnden Beamten wissen, was die Ursache des tödlichen Feuers war: der Verzicht auf ausreichenden Brandschutz unter dem Diktat der Billigproduktion. Je ferner die Ereignisse, desto schärfer die Thesen.

          Tatsächlich ist Bangladesch in den letzten 20 Jahren zu einem der wichtigsten Standorte für die Endfertigung von Billigklamotten geworden. Textilkonzerne verlegen inzwischen Arbeiten, die von Hand zu erledigen sind, wegen des billigeren Lohnniveaus sogar von China aus dorthin. Textilarbeiter verdienen in Bangladesch rund 35 Dollar pro Monat. Die Textilindustrie ist der wichtigste Wirtschaftszweig des Landes, mit 5.000 Fabriken und mehreren Millionen meist weiblichen Arbeiterinnen.

          Dieser weiter boomende Sektor macht bestimmte europäische Geschäftsmodelle wie die von Hennes & Mauritz, Primark oder C&A erst möglich, aber auch die in Deutschland sehr bedeutenden Sonderverkaufsaktionen von Aldi und Lidl. Bangladesch kann inzwischen große Mengen an günstigsten Textilien in homogener Qualität liefern. Wenn Moralwächter dem elfjährigen Mädchen aus Deutschland untersagen, billig zu kaufen, dann würde es gar nicht kaufen. Das gilt auch für viele Familien, die auf der Suche nach der Neun-Euro-Jeans hingebungsvoll Discounter-Prospekte durchsehen. Je teurer die Artikel, desto weniger werden sie nun einmal gekauft.

          Gut, sagt der Moralwächter: Wer nicht kauft, der kann nicht für miese Arbeitsbedingungen verantwortlich gemacht werden. Die Näherinnen von Bangladesch hätten dann allerdings keine Arbeit. In Bangladesch wuchs die Wirtschaft seit 1990 pro Jahr um durchschnittlich fünf Prozent, damit zählt es zu den Aufsteigerländern auf der Welt. Noch beeindruckender sind die Erfolge des Landes bei dem Bemühen, die Lebensbedingungen für die Armen zu verbessern. Sie leben gesünder und länger, sie schicken ihre Kinder häufiger zur Schule als früher und essen gesünder.

          Das liegt vor allem an den Frauen, die dank der boomenden Textilindustrie Einkommen haben, die sie oft verantwortungsvoller einsetzen als ihre Männer - für Schule und Gesundheit. Sie arbeiten unter harten Bedingungen, das stimmt. Geradezu unmenschlich wäre es aber, wenn sie überhaupt keine Arbeit hätten.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

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          Quelle: F.A.S.

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